Boualem Sansal; Foto: AP
Zum Friedenspreis für Boualem Sansal

Gute, feige Wahl

Die Wahl Sansals zeugt nicht gerade von einem mutigen Schritt der Jury, zählt der Schriftsteller doch ohnehin zu jenen Kritikern der arabisch-islamischen Umstände, die es uns leicht machen, ihm zu folgen, weil er uns von der Mitschuld daran immer schon freispricht, meint Stefan Weidner in seinem Kommentar.

Die positiven Kommentare überschlagen sich: Wie mutig, wie nonkonform, wie wegweisend diese Entscheidung für den Algerier Boualem Sansal als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels gewesen sei. Ein kritischer, furioser Autor der uns das Leiden der Araber nahebringe, das zur Revolution geführt hat.

Hat er sie nicht sogar vorausgesagt? Kompromisslos prangere er die Verhältnisse in seiner Heimat an und wagt es sogar, mit einem zentralen Glaubenssatz der Dritte-Welt-Ideologie zu brechen: Der Kolonialismus sei schuld.

All das, was über Boualem Sansal gesagt wird, stimmt. Auf der Oberfläche. Man kann sich leicht vorstellen, wie das Friedenspreiskomitee, dessen Begriff von Weltliteratur ein zutiefst eurozentristischer scheint, dieses Image, endlich abschütteln wollte. Wie schön wäre es nicht, im arabischen Frühling, der ein arabischer Herbst werden wird, einen arabischen Autor auszuzeichnen. Nur welchen?

Doppelt inkonsequent

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Eurozentrischer Blick? Bis heute hat es die Friedenspreisjury nicht geschafft, einen arabischsprachigen Autor auszuzeichnen; oder überhaupt nur irgendeinen Autor, der nicht in den großen Sprachen der jüdisch-christlichen Tradition schreibt, kritisiert Weidner.

​​Obwohl die arabische Literatur seit über zehn Jahren von engagierten Verlegern nachhaltig – obschon stets nur in kleinen Auflagen – publiziert wird, haben sich beim breiten Publikum und bei den Buchhändlern nur ganz wenige durchgesetzt.

Sansal, seit jeher im kleinen Merlin Verlag beheimatet, zählt nicht unbedingt dazu. Insofern war die Entscheidung der Stifter tatsächlich mutig, wenngleich doppelt inkonsequent.

Hätte man Tahar Ben Jelloun gewählt, Rafik Schami, oder, von diesen allen am besten, Amin Maalouf, so hätte man – wie einst bei Assia Djebbar – zwar nicht das Entdeckerimage eingeheimst, aber doch, wie es oft bei solchen Entscheidungen geschieht, zweifellos anerkannte Werke ausgezeichnet. Mit dem Schönheitsfehler, dass alle diese Autoren nur halbe Araber sind insofern, als sie nicht auf Arabisch schreiben und es eben nicht der schwierige arabische Buchmarkt ist, der sie als Autoren berühmt gemacht hat und trägt.

Bis heute hat es die Friedenspreisjury nicht geschafft, einen arabischsprachigen Autor auszuzeichnen; oder überhaupt nur irgendeinen Autor, der nicht in den großen Sprachen der jüdisch-christlichen Tradition schreibt.

Image eines verbohrten Eurozentrismus

Das Image eines verbohrten Eurozentrismus wird dem Preis daher auch mit dieser Entscheidung bleiben, zumal es mittlerweile etliche Arabisch schreibende Autoren auf Deutsch gibt, die ebenso gut oder schlecht auf den deutschen Buchmarkt vertreten sind wie Sansal: der Ägypter Alaa Al-Aswani, die Palästinenserin Sahar Khalifa, der Libanese Elias Khoury, der Libyer Ibrahim al-Koni, der Syrer Adonis.

Alaa Al-Aswani; Foto: dpa
Trotz seiner bahnbrechenden sozialkritischen Werke ist der in seiner ägyptischen Heimat bekannte Romancier und Erfolgsautor Al-Aswani dem europäischen Lesepublikum noch überwiegend fremd.

​​Sieht man genauer hin, stellt man fest: die Jury war eben nicht mutig, sie war feige. Sie scheute das Risiko. Wen holt man sich da eigentlich in die Paulskirche, wenn man Adonis, al-Koni, Khalifa, Khoury, Al-Aswani auszeichnet, mochte sich die Stifter ängstlich gefragt haben.

Wurde Adonis und al-Koni nicht gerade vorgeworfen, sie stützten irgendwie die repressiven Regime in ihrer Heimat, seien mit denen womöglich sogar verbandelt? Wie die beiden sich wirklich zur Revolution positionierten, hat nur leider niemanden mehr interessiert, nachdem ein aus der Hüfte geschossener Denunziantenjournalismus den Verdacht erst einmal ausgesprochen hatte.

Sahar Khalifa? Zu brisant, da eine vehemente Israelkritikerin, und wenn es ein Tabu in der Paulskirche gibt, dann ist es die Israelkritik. Dass Khalifa auch eine vehemente Kritikerin des Islamismus und palästinensisch-islamischen Machismo ist, interessiert dann schon gar nicht mehr. Für Elias Khoury und Alaa al-Aswani gilt dasselbe: So sehr sie die Zustände in ihrer Heimat kritisieren, wenn sie erst einmal anfangen, auszuteilen, dann kriegt auch der Westen, dann kriegen auch wir unser Fett ab.

Die Wahl für Boualem Sansal garantiert, dass genau das nicht passiert. Jedenfalls deutet nichts in seinem bisherigen Werk darauf hin. Er zählt zu denjenigen Kritikern der arabisch-islamischen Umstände, die es uns leicht machen, ihm zu folgen, weil er uns von der Mitschuld daran immer schon freispricht. Und zwar am deutlichsten womöglich gerade dort, wo er auf die Kontinuitäten von Nationalsozialismus und arabisch-islamischen Anti-Kolonialismus hinweist, wie in seinem jüngsten Buch, "Das Dorf des Deutschen". Denn so eurozentristisch wir auch denken – Nationalsozialisten sind wir weiß Gott doch nun wirklich nicht mehr!

Stefan Weidner

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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