''Mission accomplished”: George W. Bush kündigt Ende der Hochphase im Irakkrieg an; Foto: AP
Zehn Jahre 9/11

Terror im Namen der Tugend

Die tabuisierte Wahrheit lautet: Usama Bin Ladin war ein Unglück für die Welt, George W. Bush auch. Er träumte davon seinen Namen in den Geschichtsbüchern zu lesen. "9/11" ließ er sich nicht entgehen. Wir sollten der Opfer beider gedenken. Von Jürgen Todenhöfer

Usama Bin Ladin hat vor zehn Jahren drei epochale Schandtaten begangen: Er hat allein im World Trade Center 2.750 Zivilisten ermorden lassen. Er hat George W. Bush den Vorwand für zwei katastrophale Kriege geliefert. Und er hat - indem er seine Terror-Privat-Ideologie als Islam ausgab - das Bild dieser Religion verdüstert. Niemand hat dem Islam mehr geschadet als er. Wenn Muslim "gottergeben" heißt, war Bin Ladin kein wirklicher Muslim.

George W. Bush hatte schon als Gouverneur von Texas davon geträumt, seinen Namen in den Geschichtsbüchern zu lesen. "9/11" ließ er sich nicht entgehen. Noch am Abend gab er bibelfest mit Psalm 23 die Richtung vor: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, ich fürchte kein Unglück. Denn Du bist bei mir.' Wir schreiten voran zur Verteidigung der Freiheit und alles Guten und Gerechten auf der Welt."

Einheiten der US-Armee während der Operation Anaconda in Afghanistan; Foto: AP
Krieg um jeden Preis: "Obwohl keiner der Attentäter aus Afghanistan stammte, wollte Bush Krieg gegen dieses Land. Eine Kommandoaktion à la Abbottabad war für ihn keine Option", schreibt Todenhöfer.

​​Obwohl keiner der Attentäter aus Afghanistan stammte, wollte er Krieg gegen dieses Land. Eine Kommandoaktion à la Abbottabad war für ihn keine Option.

Mit Kommandoaktionen kommt man nicht in die Geschichtsbücher. Als die Amerikaner Kabul bombardierten, versprach er: "Wir werden nicht wanken, wir werden nicht straucheln. Frieden und Freiheit werden obsiegen."

Inzwischen sind in diesem Krieg 10.000 Zivilisten und 1.750 amerikanische Soldaten gestorben. Frieden und Freiheit haben nicht obsiegt. Der Westen aber wankt und strauchelt. Den Anlass zu seinem nächsten Krieg erfand George W. Bush selbst. Er behauptete, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen und Verbindungen zu Al Qaida. Vor dieser Gefahr müsse er die Welt schützen.

"Mission accomplished"

Auch dieser Krieg schien schnell entschieden. Unter dem Banner "Mission Accomplished" erklärte er: "Als die irakischen Zivilisten in die Gesichter unserer Soldaten blickten, sahen sie Stärke, Freundlichkeit und guten Willen. In den Bildern feiernder Iraker haben wir die zeitlose Anziehungskraft der Freiheit gesehen. Wo immer sie Einzug hält, frohlockt die Menschheit."

Doch wer frohlockt heute noch im Irak? Hunderttausende irakische Zivilisten, 4.500 amerikanische Soldaten haben Bushs Krieg mit ihrem Leben bezahlt. Bush hat die Werte verdüstert, für die er angeblich kämpfte.

Jürgen Todenhöfer, Foto: dpa
Jürgen Todenhöfer war 18 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecher der CDU/CSU für Entwicklungspolitik und Rüstungskontrolle.

​​Mit Folter in Abu Ghraib, der Käfighaltung von Gefangenen in Guantánamo, dem Outsourcing von Terrorverdächtigen in Folterstaaten, dem Bombardieren afghanischer Hochzeitsfeiern sowie mit drastischen Einschränkungen der Bürgerrechte seiner eigenen Landsleute. Hat Peter Ustinov recht, wenn er sagt, Angriffskriege seien der Terrorismus der Reichen? Terror im Namen der Tugend? Ist Bush wirklich ein Christ?

Zivilcourage unserer Generation überschätzt

In der Urteilsbegründung des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals heißt es: "Die Entfesselung eines Angriffskrieges ist das größte internationale Verbrechen, das sich von anderen Kriegsverbrechen nur darin unterscheidet, dass es alle Schrecken in sich vereinigt."

Chefankläger Robert Jackson formulierte damals: "Nach dem Maß, mit dem wir heute die Angeklagten messen, werden wir morgen von der Geschichte gemessen." Er hat die Zivilcourage unserer Generation überschätzt.

Unsere Eliten schweigen betreten, wenn es um die juristische Einordnung der Antiterrorkriege geht. Terroristen sind immer nur die anderen. Ihr Mantra lautet: "Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber jeder Terrorist Muslim." Doch auch das ist falsch. Laut Europol fanden 2010 in der EU 249 Terroranschläge statt. Nur drei hatten einen "islamistischen" Hintergrund. Die meisten Terrorakte wurden von Unabhängigkeitsgruppen wie der Eta begangen.

"Den Vereinigten Staaten gingen die Monster aus"

Selbst von der totalen Bedeutungslosigkeit Al Qaidas während der Arabellion lassen sich die Antiterrorkrieger nicht beeindrucken. Es war ja auch schwierig, nach dem Untergang der Sowjetunion wieder ein funktionierendes Feindbild zu finden.

Sorgenvoll hatte Colin Powell damals geklagt, "den Vereinigten Staaten gingen die Monster aus". Bis der Massenmörder Bin Ladin kam und sich zum nützlichen Idioten von Bush junior machte. Solch ein Feindbild lässt man sich nicht einfach nehmen.

Die tabuisierte Wahrheit lautet: Usama Bin Ladin war ein Unglück für die Welt, George W. Bush auch. Wir sollten am 11. September der Opfer beider gedenken. Für ein Kind macht es keinen Unterschied, ob es von einem "islamischen" Selbstmordattentäter oder von einer "christlichen" Bombe zerfetzt wird. Ob der Täter Usama Bin Ladin heißt oder George W. Bush.

Jürgen Todenhöfer

© Frankfurter Allgemeine Zeitung

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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