Was will die Gülen-Bewegung? Fragen & Antworten

03.04.2017

Die mögliche Bespitzelung von Anhängern der Gülen-Bewegung durch den türkischen Geheimdienst MIT in Deutschland sorgt für Aufregung - und einen neuen Tiefpunkt im angespannten Verhältnis zwischen Berlin und Ankara. Die Organisation des islamischen Geistlichen Fethullah Gülen wird vom türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan für den gescheiterten Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich gemacht. Ein Überblick zu der Bewegung, die sich Hizmet (Dienst) nennt und in Deutschland Bildungseinrichtungen betreibt:

WAS CHARAKTERISIERT DIE HIZMET-BEWEGUNG?

Unter der geistigen Führerschaft des seit 1999 im US-Bundesstaat Pennsylvania lebenden Gülen will Hizmet nach eigenen Angaben Bildung, Wissenschaft und Dialog auf der Basis eines modernen Islams fördern. In der Türkei hatte die Bewegung des früheren Gefährten von Erdogan zumindest bis zum Putschversuch in Medien, Polizei und Justiz viele Unterstützer. Weltweit betreibt Hizmet hunderte Schulen - getreu Gülens zentraler Forderung, Schulen zu bauen statt Moscheen.

WAS WERFEN KRITIKER DER BEWEGUNG VOR?

Seine Gegner legen Gülen zur Last, einen radikalen Islamismus zu befördern - und in der Türkei einen "Staat im Staat" aufgebaut zu haben. Auch in Deutschland ist die Bewegung umstritten: Kritiker bemängeln fehlende Transparenz und mahnen, Hizmet wolle  mit ihrer Bildungsarbeit eigentlich einer Islamisierung der Gesellschaft den Weg ebnen.

WIE IST HIZMET IN DEUTSCHLAND ORGANISIERT?

Als Ansprechpartner der deutschen Hizmet-Bewegung versteht sich die Stiftung Dialog und Bildung in Berlin. Nach deren Angaben engagieren sich etwa 150.000 Menschen für die dezentral aufgebaute Organisation. Hizmet-Anhänger betreiben demnach hierzulande rund 160 Nachhilfevereine, Schulen in etwa 30 Städten sowie ein Dutzend Dialogvereine.

Laut Stiftung handelt es sich dabei um staatlich anerkannte Ersatzschulen, die dem Schulrecht der jeweiligen Bundesländer unterliegen und sich nach den Lehrplänen richten. Meist sind es Gymnasien. Unterrichtsprache ist Deutsch, konfessionsgebundenen Religionsunterricht gibt es nicht. Etwa 90 Prozent der Schüler haben türkische Wurzeln.

WAS HÄLT DIE HIZMET-BEWEGUNG IHREN KRITIKERN ENTGEGEN?

Die Stiftung betont, für einen weltoffenen und toleranten Islam zu stehen und primär an einem intellektuellen Dialog mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft interessiert zu sein. Zentrale demokratische Prinzipien der Hizmet-Bewegung seien Meinungsfreiheit, Toleranz, Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit, betont sie. Auch die Unterdrückung der Frau sei laut "Wertegerüst" ihres Gründers Gülen "grundsätzlich nicht akzeptabel".

WIE BEURTEILEN DEUTSCHE BEHÖRDEN DIE BEWEGUNG?

Deutsche Regierungsstellen machten wiederholt deutlich, dass sie keine Belege für die von der türkischen Regierung erhobenen Vorwürfe hinsichtlich des Putsches von 2016 sehen. Der Präsident des Bundesnachrichtendiensts (BND), Bruno Kahl, wies jüngst öffentlich außerdem die Einschätzung zurück, die Bewegung sei islamisch-extremistisch.

Sie sei "eine zivile Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung", sagte der BND-Chef in einem Interview. Der baden-württembergische Verfassungsschutz kam bereits 2014 zu dem Schluss, dass keine Gründe für eine geheimdienstliche Beobachtung durch deutsche Behörden vorlägen. Die Bewegung vertrete zwar ein konservatives Islambild, es gebe allerdings keine Hinweise darauf, dass die Inhalte mit dem Grundgesetz kollidierten. (AFP)

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