Der türkische Pianist Fazil Say; Foto: dpa/picture-alliance
Verurteilung des türkischen Pianisten Fazil Say

Zu wenig Taktgefühl

Während der türkische Starpianist Fazil Say durch Deutschland tourt, läuft in Istanbul ein Prozess gegen ihn. Der Musiker soll religiöse Gefühle vieler Menschen verletzt haben und wurde jetzt wegen Islam-Beleidigung zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Von Tim Neshitov

Wenn Fazil Say, der türkische Starpianist, in dieser Woche durch Deutschland tourt, kann das Publikum versuchen, in seinem Gesicht Spuren von Nervosität und Ärger zu erkennen. Am Montag (15.4.) wurde er von einem Gericht in Istanbul wegen Blasphemie verurteilt. Er soll religiöse Gefühle vieler Menschen verletzt haben. Siehe türkisches Strafgesetzbuch, Paragraf 216/3. Der Musiker äußert sich nicht dazu, aus Sorge, alles könne noch schlimmer werden.

Im vergangenen April hatte Say auf Twitter zwei Sätze verbreitet, die dem persischen Dichter Omar Khayyam (1048-1131) zugeschrieben werden: "Du behauptest, durch die Bäche wird Wein fließen – ist das Paradies etwa eine Schänke? Du sagst, jeder Gläubige wird zwei Jungfrauen bekommen – ist das Paradies etwa ein Bordell?" Say, bekennender Atheist, hat auch Bemerkungen getweetet wie diese: "Überall wo es Schwätzer, Schurken, Sensationsgierige, Diebe, Blödmänner gibt, sind sie alle furchtbar fromm."

Fazil Say während eines Konzertes auf dem World Economic Forum in Davos; Foto: AP
Warnschuss für Starpianist Fazil Say: Der 43-Jährige wurde am Montag (15.4.) von einem Gericht in Istanbul wegen Islam-Beleidigung zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

​​Say ist 43 Jahre alt, er spielt mit den besten Orchestern dieser Welt, gibt bis zu 130 Konzerte im Jahr, rasiert sich an Flughäfen, frühstückt in Flugzeugen, raucht zweieinhalb Schachteln am Tag, trinkt ab und zu einen Zitronenwodka vor dem Konzert. Er ist ein Profi, deswegen wird das Publikum in Reutlingen oder München seinem Gesicht wohl kaum entnehmen können, ob seine Gedanken gerade bei Beethoven, Mozart, Janacek sind oder beim 19. Strafgerichtshof in Istanbul.

Der Prozess gegen ihn begann vergangenen Oktober, da musste Say noch persönlich im Gerichtssaal erscheinen. Er gab an, ledig zu sein und ein unbestimmtes Einkommen zu haben. Einer der drei Kläger, ein Bauingenieur namens Ali Emre Bukagili, sagte dann aus, Fazil Say würde blasphemische Sätze nur deswegen tweeten, "um von sich reden zu lassen". Dann sagte Bukagili: "Gott gibt es. Das ist offensichtlich. Wir können nun darüber reden."

Ein Widersacher Erdogans

Fazil Say wollte nicht darüber reden, er bat den Richter, ihn aufgrund seiner Konzertplanung von weiteren Gerichtsterminen zu befreien. Der Richter stimmte zu, und bei der Verhandlung im Februar musste Say nicht mehr dabei sein. Da brachte der Kläger Bukagili seinen Verdacht zum Ausdruck, Fazil Say sei ein Autist. Das könne man aus "visuellen Medien" erfahren. Der Kläger bat das Gericht, diesem Verdacht gründlich nachzugehen. "Ist Say überhaupt zurechnungsfähig? Wir wollen natürlich, dass er bestraft wird, aber wir sind doch nicht gewissenlos."

Im November gab Fazil Say ein Interview im Fernsehsender CNN Türk, sein vorerst letztes, er stellte sich den Fragen eines Moderators, mit dem ihn eine Duzfreundschaft verbindet. "Die ganze Welt lacht über die Türkei, und die Regierung steht hinter diesen Menschen, die mich verklagen. Es ist eine interessante Situation."

Egemen Bagis, der Europäische-Unions-Minister, zuständig für die Beitrittsverhandlungen, hatte mitgeteilt, er verfolge nicht mehr, was Fazil Say zu sagen habe. "Seine Kunst ist freilich etwas anderes, er ist ein sehr wichtiger Name für die Türkei. Aber was er jenseits der Kunst von sich gibt, ist absoluter Schwachsinn."

Says Abneigung gegenüber der islamisch-konservativen Regierung von Recep Tayyip Erdogan speist sich nicht zuletzt aus seiner Überzeugung, die Frommen an der Macht hätten keine Ahnung von hoher Kunst.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan; Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com
Abneigung gegenüber Erdogan und seiner islamistischen AKP: Say gilt als bekannter Kritiker der religiös-konservativen Regierung des türkischen Ministerpräsidenten.

​​Über den Kulturminister der Türkei sagt Fazil Say: "Der Kerl schützt keinen einzigen seiner Künstler. Sie sind ihm egal. Das Volk solle mich bestrafen, bla-bla, und was er mit Volk meint, sind drei, fünf Leute. Eigentlich Gesindel."

Im Visier der Kreationisten

Es sind natürlich mehr als drei, fünf Leute. Die Menschen, die Fazil Say verklagt haben, sind Anhänger eines populären Gurus namens Adnan Oktar alias Harun Yahya. Oktar trägt gerne Sonnenbrillen und Hemden mit offenem Kragen und sagt, es habe keine Evolution gegeben und außerdem seien alle Terroristen Darwinisten.

Oktar hat in seinen 57 Lebensjahren mehr als dreihundert Bücher geschrieben. Er hat einen eigenen Fernsehsender, in dem er eine Reihe von puppenhaften, erstaunlich ähnlich aussehenden Frauen mit großen Lippen und schwerem Lidschlag als Inventarpublikum einsetzt.

Ali Emre Bukagili, der klagefreudige Bauingenieur, tweetet gerne Links zu Oktars Sendungen. Ein Student aus Eskisehir schrieb mal darüber in seinem Blog: "Wie hilflos muss ein Mensch denn sein, um sich an einen Mann wie Adnan Oktar heranzuschleimen?" Bukagili verklagte den Studenten. Und gewann. Bukagili hat auch den türkischen Verleger von Richard Dawkins verklagt, sowie 113 Autoren der Plattform Eksi Sözlük und den Karikaturisten der Zeitschrift Penguen.

Kürzlich teilte Ali Emre Bukagili mit, er wolle auf all die Anfragen von Journalisten zu seiner Motivation eingehen und erklärte: "Ich will, dass jeder, wenn er seine Meinung äußert, sich vernünftig und konstruktiv verhält und die Meinungen und den Glauben anderer Menschen respektiert. Damit in unserem Land Liebe, Verständnis und Friede Wurzeln schlagen."

Tim Neshitov

© Süddeutsche Zeitung 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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