Baschar al-Assad; Foto: APTN/AP/dapd
Verschwörungsängste in Syrien und Ägypten

Die Macht der Erzählungen

Eine der mächtigsten Waffen Baschar al-Assads ist die Rede von den dunklen ausländischen Mächten, die hinter dem Aufstand in Syrien stehen und das Land spalten wollen. Die Geschichte vieler arabischer Länder lässt diese Theorie auf fruchtbaren Boden fallen. Ein Essay von Jan Kuhlmann

Mächtig ist, wer die meisten Waffen besitzt. Und wer sie, wie der syrische Präsident Baschar al-Assad, rücksichtslos einzusetzen weiß. Der Diktator von Damaskus kennt keine Hemmungen, wenn es darum geht, das eigene Volk zu unterdrücken. Zumindest bisher ist die syrische Armee für ihn ein verlässlicher Partner. Genauso wie Russland und China, die ihm sein blutiges Treiben durchgehen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken. Glücklich ist, wer sich auch in Krisenzeiten auf seine treuen Freunde verlassen kann.

Aber es sind nicht nur Panzer und Partner, mit denen Assad in den Kampf zieht. Auf seiner Seite steht auch etwas, was man als große Erzählung bezeichnen könnte. Eine große Erzählung – das ist eine immer wieder kehrende Rhetorik, die eine Masse von Menschen glaubt, ohne sie zu hinterfragen. Sie gilt quasi allgemein als wahr, was ihr eine ungeheure Macht verleiht, wenn man sie geschickt für die eigenen Zwecke nutzt. Wie das funktioniert, das führt Baschar al-Assad geradezu exemplarisch vor.

Die große Erzählung – in Syrien lautet sie, dass es vor allem ausländische Mächte sind, die die ansonsten zufriedenen Syrer gegen ihre treu sorgende Regierung aufgebracht haben. Die fremden Kräfte, sie wollen Chaos erzeugen, ihre eigenen Interessen durchsetzen, die Syrer unterdrücken und das Land spalten.

Keine selbstlosen Samariter

Wer diese dunklen Mächte sind, das weiß jeder, ohne dass sie genannt werden müssen: die USA natürlich, der böse Satan; Israel, der zionistische Feind; auch Europa; die reichen Golfstaaten, die mit dem imperialistischen Westen gemeinsame Sache machen; der TV-Sender Al-Jazeera als journalistischer Handlanger der Politik.

Baschar al-Assad im Interview mit dem amerikanischen TV-Sender ABC; Foto: ABC/AP/dapd
Bei einer öffentlichen Rede im Januar 2012 gab Baschar al-Assad die Schuld für den Volksaufstand Terroristen, ausländischen Mächten und Medien. Dabei hob er den amerikanischen TV-Sender ABC News hervor, dem er wenige Wochen zuvor im Interview gesagt hatte, die meisten Opfer des Volksaufstands seien auf Seiten seiner Truppen und Unterstützer gefallen.

​​Nun darf man nicht naiv sein. Die hier genannten sind keine selbstlosen Samariter, die in allerhöchster moralischer Aufrichtigkeit den Kampf der Syrer gegen die Diktatur unterstützen. Sie verfolgen ihre eigenen politischen und wirtschaftlichen Ziele. Die Golfstaaten Qatar und Saudi-Arabien etwa dürften an Demokratie in Syrien so viel Interesse haben wie an Import von Sand und Sonne in ihre Länder. Wenn sie sich für die syrische Opposition einsetzen, geht es von Sunniten regierten Ländern in erster Linie darum, den schiitischen Iran zu schwächen.

Und dennoch ist das Gerede von den dunklen ausländischen Mächten Verschwörungsrhetorik in reinster Form. Der Aufstand in Syrien gegen das Assad-Regime ist nicht im Ausland geplant worden. Hier entlädt sich der Frust der Syrer, der sich über Jahrzehnte aufgestaut hat. Sie haben es satt, in einem Polizeistaat unterdrückt zu werden, in dem sich eine Machtelite die Tasche vollstopft. Seinen Ursprung hat der Aufstand in dem Willen der Menschen nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Das Aufbegehren kommt aus dem Innersten des Volkes.

Aber die Verschwörungsrhetorik zeigt ihre Wirkung. Der Sturz des Assad-Regimes ist bislang vor allem deswegen nicht gelungen, weil wichtige Gruppen im Land noch immer hinter dem Diktator und seinem System stehen. Sie sehen den Assad-Clan als Schutzmacht, die nur im Interesse des Landes handelt und Syrien vor einem Zerfall bewahrt.

Empfindlichkeiten aufgrund historischer Erfahrungen

Dass diese große Erzählung auf so fruchtbaren Boden fällt und sprießt und blüht, lässt sich vor allem aus der arabischen Geschichte erklären. Sehr gut nachzulesen ist das etwa in dem gerade auf Deutsch erschienenen Buch „Die Araber“ von Eugene Rogan. Der Oxford-Historiker erzählt in diesem neuen Standardwerk sehr pointiert die Geschichte der arabischen Länder, wie seit Anfang des 16. Jahrhunderts die Osmanen die Herrschaft in der Region übernahmen. Er spricht hier vom "Zyklus der Unterordnung unter die Regeln anderer Völker".

​​Rogans Geschichte der arabischen Welt – sie handelt auch davon, wie eine Region über Jahrhunderte von fremden Mächten beherrscht wurde. Erst waren es die Osmanen, die von Istanbul aus regierten. Dann kamen Briten und Franzosen, die vor allem nach dem Ersten Weltkrieg in Damaskus eine unrühmliche Rolle spielten und die Region nach ihrem Geschmack aufteilen. Später traten die Amerikaner an ihre Stelle. Der Krieg gegen Saddam Hussein nach den Anschlägen in New York und Washington vom 11. September – er bestätigte in den Augen vieler Araber nur das böse Treiben der dunklen ausländischen Mächte. Man kann es sogar verstehen, weil hier Interessen rücksichtslos durchgesetzt wurden, auch gegen die eigenen moralischen Standards.

Da wundert es nicht, dass diese große Erzählung auch in anderen arabischen Ländern weit verbreitet ist – in Ägypten etwa. Die Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo bekommt es zu spüren. 30 Jahre lang hat sie für mehr Demokratie in Ägypten gearbeitet. Jetzt sind ihre leitenden Mitarbeiter angeklagt – weil die Stiftung ihre Aktivitäten angeblich mit illegalen, weil ausländischen Geldern finanziert hat.

Und auch sonst ist in Kairo allerorten die Empfindlichkeit der Menschen zu erkennen, wenn es um Einfluss von außen geht. Jetzt, so hört man oft, entscheiden nur noch die Ägypter über Ägypten – und nicht mehr die Ausländer.

Das alte System gegen die Demokratie

So sehr dieses Streben nach Unabhängigkeit zu verstehen ist – es ist im 21. Jahrhundert dann unzeitgemäß, wenn es eine Kooperation über Landesgrenzen unmöglich macht. Und es ist inakzeptabel, wenn es sich gegen die Demokratie richtet. Hinter dem Kairoer Prozess gegen die Adenauer-Stiftung und andere NGOs steckt vor allem Faisa Abul Naga, ägyptische Ministerin für Entwicklungszusammenarbeit. Bemerkenswerterweise saß sie schon unter dem gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak im Kabinett.

Hier kämpft das alte System gegen die Demokratie – das alte System wohlgemerkt, das sich früher nicht zuletzt mit Milliarden-Hilfen aus dem Ausland ein angenehmes Leben finanzierte. Und noch immer finanziert. Auf die 1,3 Milliarden US-Dollar Militärhilfe aus Washington jedenfalls möchten die ägyptischen Generäle nicht verzichten.

Nächtlicher Protest gegen Assad in Damaskus, April 2012; Foto: AP/dapd
Nächtlicher Protest gegen Assad in Damaskus: "Wer im syrischen Konflikt siegen will, der muss die große Erzählung zerstören und die Köpfe der Menschen für sich gewinnen", meint Jan Kuhlmann.

​​Auch die Islamisten und die radikalen Salafisten machen gern Stimmung gegen jedwede Einmischung aus dem Ausland. Der salafistische Prediger Mohamed Hassan etwa erhielt vor einigen Wochen viel Applaus, als er die Ägypter aufrief, Geld zu spenden, mit dem die US-Militärhilfe ersetzt werden sollte. Wie schön, möchte man meinen, endlich mal einer, der seinen Worten Taten folgen lässt. Aber natürlich ist auch hier nur ein Populist am Werk. Dass islamistische und salafistische Kräfte in Ägypten und anderswo mit reichlich Geld aus den Golfstaaten versorgt werden, kann niemand ernsthaft bezweifeln.

Ob nun Ägypten oder Syrien: Die große Erzählung – sie ist mächtig. Keine physische Waffe, mag sie noch so gewaltig sein, kann sie zerstören. Natürlich muss man darüber diskutieren, ob das Ausland der syrischen Opposition mit Waffenlieferungen oder sogar mit einem eigenen Militäreinsatz zu Hilfe kommt. Solche Optionen auszuschließen, hilft nur einem: dem Diktator.

Und dennoch: Der Einsatz von Gewalt allein wird diesen Konflikt vielleicht beenden, das Land aber nicht befrieden können. Wer im syrischen Konflikt siegen will, der muss die große Erzählung zerstören und die Köpfe der Menschen für sich gewinnen.

Jan Kuhlmann

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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