Proteste gegen den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi im Dezember 2012; Foto: Reuters/Mohamed Abd El Ghany
Verarmung der ägyptischen Mittelschicht

Das frustrierte Volk

Die Mittelschicht bildet den Kern der pro-demokratischen Bewegung in Ägypten. Doch der wirtschaftliche Niedergang und die politisch ungewisse Zukunft des Landes bedrohen ihre Existenz. Aus Kairo berichtet Markus Symank.

Mahmud Naguib schreibt das Thema der Englisch-Lektion an die Tafel: 25. Januar 2013, zweiter Jahrestag der ägyptischen Revolution. "Was fällt euch dazu ein?", fragt er in die Runde. "Chaos!", ruft ein Student. "Fehlende Sicherheit", ein anderer. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Angst sind weitere Stichworte, die fallen. "Was ist los mit Euch? Ihr müsst positiv denken!", hält Naguib seine Studenten an. Es ist auch eine Aufforderung an ihn selbst.

Vor zwei Jahren war der junge Englischlehrer voller Hoffnung auf den Tahrir-Platz in Kairo gezogen, den Geburtsort der Revolution. Heute hat sich Ernüchterung bei ihm breitgemacht.

"Echte Demokratie haben wir noch immer nicht, dafür aber mehr Gewalt und weniger Geld", klagt er. Zehn ägyptische Pfund, umgerechnet etwa 1,15 Euro, verdient Naguib pro Stunde. Er unterrichtet an einem privaten Nachhilfe-Institut in der Hauptstadt, fünf Tage in der Woche. Das ist deutlich mehr, als er an einer staatlichen Schule bekommen würde.

Doch während sein Lohn seit vier Jahren nicht gestiegen ist, steigen die Preise für Lebensmittel, Transport und Kleidung seit dem Volksaufstand in immer neue Höhen. "Vor der Revolution konnte ich jeden Monat etwas Geld für den Kauf einer eigenen Wohnung und meine geplante Hochzeit zur Seite legen. Nun muss ich auf mein Erspartes zurückgreifen", sagt er. Ohne die Einnahmen aus dem Restaurant in Familienbesitz, das er sich mit seinen drei Brüdern teilt, wäre er bereits verschuldet.

Steigende Lebensmittelpreise im Zuge der ägyptischen Wirtschaftskrise; Foto: Khaled Desouki/Getty Images
Von der Hand in den Mund: Offiziellen Zahlen zufolge lebt inzwischen mehr als ein Viertel der 83 Millionen Ägypter in Armut. Vor zwei Jahren lag ihr Anteil noch bei 21 Prozent.

​​Rasant wachsende Armut

Wie Mahmud Naguib geht es vielen Ägyptern aus der Mittelschicht. Relativ gut gebildet, urban und zumeist säkular, bildet diese Bevölkerungsgruppe den Kern der pro-demokratischen Bewegung am Nil.

Von der Revolution hatte sich der Mittelstand mehr politisches Mitspracherecht und bessere Lebensbedingungen erhofft. Doch nun bedroht der ökonomische Niedergang des Landes seine Existenz. Die Konjunktur hat in den vergangenen 24 Monaten stark gelitten, die Inflation steigt.

Offiziellen Zahlen zufolge lebt inzwischen mehr als ein Viertel der 83 Millionen Ägypter in Armut. Vor zwei Jahren lag ihr Anteil noch bei 21 Prozent. Die Hälfte der Bevölkerung muss mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Viele kleine und mittlere Betriebe machen dicht, eingestellt wird derzeit kaum noch jemand.

"Die Mittelschicht war der wichtigste Akteur des Aufstandes gegen Husni Mubarak. Ausgerechnet diese Leute leiden jetzt am meisten unter der Krise", sagt der ägyptische Journalist Mohammed el-Naggar von der Wirtschaftszeitung "Al-Alam Al-Youm".

Sparmaßnahmen treffen Mittelschicht

Doch die eigentlichen Hiobsbotschaften stehen Ägyptens Mittelschicht wohl erst noch bevor. Experten am Nil sind sich einig, dass diese von den geplanten Sparmaßnahmen der Regierung am stärksten getroffen werden dürfte. Kairo befindet sich mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) seit Monaten in Verhandlungen über einen Kredit in Höhe von 4,8 Milliarden US-Dollar.

Details über das anvisierte Abkommen sind bislang nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Es gilt aber als ausgemacht, dass der IWF der hoch verschuldeten ägyptischen Regierung die Streichung der Energiesubventionen sowie Steuererhöhungen zur Auflage machen wird.

Beide Maßnahmen dürften hauptsächlich auf dem Rücken der Mittelschicht ausgehandelt werden. "Unter der Mittelschicht haben die Muslimbrüder nur wenige Stammwähler. Die Islamisten werden daher keine Rücksicht auf sie nehmen", vermutet el-Naggar.

"Paralysierte" Muslimbrüder

Amr Adly, Vorsitzender der Abteilung ökonomische und soziale Gerechtigkeit der "Egyptian Initiative for Personal Rights", beklagt, dass die Islamisten angesichts der wirtschaftlichen Krise "paralysiert" seien. "Die Politik der Muslimbrüder dreht sich beinahe ausschließlich um die Frage der islamischen Identität. Die drängenden ökonomischen Probleme schieben sie hingegen vor sich her. Das verunsichert die Betriebe der Mittelschicht", sagt Adly.

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi; Foto: picture alliance/dpa
Tiefes Loch in der Haushaltskasse: Der ökonomische Niedergang nach dem Sturz Mubaraks hat die Regierung Mursi dazu veranlasst, erneut Gespräche mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) aufzunehmen, um einen Kredit in Höhe von 4,8 Milliarden US-Dollar zu erhalten.

​​Erschwerend kommt hinzu, dass auch die liberalen und linken Parteien nicht mit neuen Ideen glänzen. Das Ende 2012 geformte Oppositionsbündnis "Nationale Heilsfront" spricht sich zwar gegen die Wirtschaftspolitik der Islamisten aus. Doch seine führenden Mitglieder zeigen bislang außer vagen Versprechungen und sozialistischen Träumereien keine erkennbaren Alternativen auf.

Auch hinken die säkularen Parteien zumeist dem Geschehen auf der Straße hinterher. Nach Präsident Mohammed Mursis Justizcoup im vergangenen November waren es einmal mehr die Bürger selbst, die zu Massenkundgebungen aufriefen. Die Opposition sprang erst später auf den fahrenden Protestzug auf.

Gefährdung der Mittelschicht

Zwei Jahre nach dem Fall Husni Mubaraks ist die ägyptische Mittelschicht noch immer die lauteste Stimme des demokratischen Wandels am Nil. Doch wie lange wird sie den Druck auf die Regierenden aufrechterhalten?

Schon seit der Mubarak-Ära nimmt ihr prozentualer Anteil an der Bevölkerung Schätzungen zufolge ab, während die Masse der Armen wächst. Das schwächt die politische Gestaltungskraft des Bürgertums. Amr Adly sagt daher eine "zunehmende Frustration der Mittelschicht" voraus.

Bei Mahmud Naguib, dem Englischlehrer aus Kairo, schlägt die Frustration gelegentlich in Wut um. Die Politiker des Landes hätten die Lektionen der Revolution nicht gelernt, schimpft er. Aus Protest über das Vorgehen der Regierenden blieb er beim Referendum über die neue Verfassung daheim. Zuvor hatte er bei jedem Urnengang seit der Revolution seine Stimme abgegeben.

Aufgeben möchte er dennoch nicht. "Die Revolution hat viele positive Entwicklungen losgetreten. Meine Schüler sind interessierter an Politik als je zuvor. Sie kennen ihre Rechte, sie haben Visionen für das Land", sagt Naguib. "Das gibt mir Hoffnung."

Markus Symank

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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