Anhänger der Ennahda am 25 Oktober 2011; Foto: dapd
Tunesien nach der Wahl

Die ''Ennahda'' und die Herausforderungen der Demokratie

Die islamische "Ennahda" ist die große Gewinnerin der Wahlen in Tunesien. Aufgrund ihrer positiven innerparteilichen Entwicklung ist es vorstellbar, dass sie sich in ein pluralistisch-demokratisches System einfügen könnte, schreibt der tunesische Philosoph Jameleddine Ben Abdeljelil in seinem Kommentar.

Eindeutige Wahlsieger der ersten demokratischen Wahlen im postrevolutionären Tunesien sind die politischen Parteien, die als Hardliner gegen das alte Regime opponierten und den radikalen Bruch mit der alten Diktatur in ihr Wahlprogramm aufgenommen hatten. Die Mehrheit der Tunesier hat für diesen Bruch gestimmt.

Wenngleich alle säkularen politischen Parteien und Eliten in Tunesien die Wahlergebnisse an sich und damit den eindeutigen Sieg der Ennahda anerkannt haben, auch wenn sie zugegebenermaßen von ihrem eigenen Abschneiden enttäuscht sind, wird die oft sehr polarisierte und emotional geführte Diskussion über die Demokratiefähigkeit tunesischer Islamisten weiterhin offen geführt.

Die Ennahda zählt in der globalen Landschaft der islamistischen Bewegungen zu den führenden "Liberalen"

Vertreter der "Ennahda" auf ihrem letzten Parteitag in Tunis; Foto: DW
In der globalen Landschaft der islamistischen Bewegungen eine der führenden "Liberalen": Vertreter der "Ennahda" auf ihrem letzten Parteitag in Tunis

​​; allerdings ist sie bezogen auf ihre Anhänger eher heterogen und umfasst Kulturliberale sowie Konservative und selbst Salafiten.

Eine nähere Betrachtung des ideologischen und politischen Diskurses der Ennahda anhand ihrer Stellungnahmen und Schriften der letzten Jahrzehnte kann zu einem ausgewogenen Urteil über sie verhelfen und zu einer sachlicheren Auseinandersetzung mit der Problematik führen, frei von hysterischen Untertönen.

Perspektivenwechsel im Exil

Die Tatsache, dass viele ihrer Anhänger und Kader seit Anfang der neunziger Jahre im Exil in verschiedenen europäischen Ländern gelebt haben, bietet der Partei unter anderem die Möglichkeit, diese unmittelbare Erfahrung und das damit verbundene Wissen über die modernen westlichen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Strukturen und Lebensmodelle in ihre Entwicklung einzubringen.

Demonstration gegen "Ennahda" in Tunesien; Foto: dapd
Schreckgespenst "Ennahda": Noch immer verbinden viele Tunesier die Partei Ghannouchis mit religiös-politischer Indoktrination und gesellschaftlicher Reislamisierung.

​​Dies ist meines Erachtens ein wichtiger Faktor, der bei der Ennahda einen Prozess der kritischen Reflexion angeregt hat wie auch zur Dekonstruktion veralteter und tief verankerter Stereotypen über Konzepte der Demokratie, Moderne und Säkularität.

Die bis dahin kategorische Ablehnung der Säkularität bzw. Laizität wurde durch diesen Prozess relativiert. Heute ist die Sichtweise der Parteigänger in dieser Hinsicht differenzierter.

Rigides Laizismusverständnisses tunesischer Eliten

Das bisher geltende Säkularitäts-Verständnis bei den tunesischen Eliten ist besonders stark durch die französische Geschichte und die in Frankreich gängigen Diskurse über Religion und Laizismus geprägt und lässt sich fast exklusiv darauf zurück führen.

Diese spezifisch französische Prägung des Laizismusverständnisses bei den tunesischen Eliten zeichnet sich durch eine besondere radikale Ausgrenzung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum aus. Die Erfahrung anderer westlicher europäischen Länder wie Großbritannien, Deutschland, Österreich, den Skandinavischen Ländern etc. zeigt jedoch, dass sich das Konzept "Säkularität" auch pluralistischer ausgestalten lässt – und durch die Exilerfahrung ist diese Botschaft auch in Tunesien angekommen.

Dieser Faktor ermöglicht eine Annäherung der Werte und Konzepte von Moderne, Demokratie und Säkularität auf der einen Seite und des Islam als Kultur und Religion auf der anderen. Dieser sich neu entwickelnde Diskurs hat eine "ent-neurotisierende" Wirkung.

Flexibles Scharia-Verständnis der "Ennahda"

Ein Aspekt des religiösen Denkens von Ennahda ist die Berücksichtigung des historischen Kontextes bei der Interpretation der religiösen Quellen und Texte: Koran, Hadith und Fiqh bzw. die Summe der aus Koran und Sunna abgeleiteten islamischen Gesetze.

Dieser Aspekt ist besonders auf die maghrebinischen beziehungsweise tunesischen religiösen Reformbestrebungen und Diskursansätze seit dem 19. Jahrhundert zurückzuführen. Die Ennahda-Partei orientiert sich bei der Scharia-Interpretation an dem Maqasid-Prinzip (also dem Prinzip der 'Höheren Ziele' bzw. der universellen ethischen Maximen der Scharia), das die kontextuellen historischen Veränderungen der Realität berücksichtigt.

Diese Methode macht die islamische Rechtsprechung flexibler und lebensnaher – und sie stellt sich einer statischen, textgläubigen, stark traditionalistischen Lesart der religiösen Schriften entgegen, welche einen metahistorischen Geltungsanspruch erhebt.

Die Ennahda hat sich von ihrer alten Haltung der siebziger und achtziger Jahre emanzipiert, als sie noch bestrebt war, die tunesische Gesellschaft zu reislamisieren. Heute besteht die Strategie der Partei darin, sich der tunesischen Gesellschaft in ihrer Lebenswirklichkeit anzunähern anstatt sie zu missionieren.

Bedeutender Wendepunkt der Geschichte

Jameleddine Ben Abdeljelil; Foto: © Universität Wien
"Die 'Ennahda' hat sich von ihrer alten Haltung emanzipiert. Heute will die Partei sich der Gesellschaft in ihrer Lebenswirklichkeit annähern, anstatt sie zu missionieren", glaubt der tunesische Philosoph Jameleddine Ben Abdeljelil.

​​Die bevorstehende Herausforderung sowohl für die diversen politischen Akteure als auch für die Islamisten ist, Ennahda als Islamisten-Partei in das zu errichtende demokratische politische System zu integrieren. Diese Herausforderung zu meistern, wäre eine weitere Premiere in der tunesischen und arabischen Geschichte – und ein weiterer Schritt im Prozess der arabischen Freiheitsrevolutionen wäre getan.

Mit einer solchen Entwicklung würden strukturelle Veränderungen eingeleitet, neue Ideen entwickelt, neue intellektuelle und politische Eliten träten auf den Plan und positionierten sich in der neuen kulturellen und politischen Landschaft Tunesiens.

Der Erfolg der Demokratie in Tunesien wird für die arabische Welt richtungweisend sein. Schon die Freiheitsrevolution, aber auch die demokratischen Wahlen widerlegen die Ansicht, dass die arabisch-islamische Welt demokratieunfähig und freiheitsfeindlich sei. Sie widerlegen auch die seit Jahrzehnten verbreiteten Theorien zum Kampf der Kulturen und Ende der Geschichte. Denn die Geschichte fängt hier neu an.

Im Zusammenhang mit dem arabischen Frühling sind ein struktureller Umbruch und Paradigmenwechsel in der arabischen Welt festzustellen. Ein solcher Paradigmenwechsel ist in der westlichen politischen, medialen und kulturellen Landschaft bezogen auf die Wahrnehmung der arabisch-islamischen Welt noch nicht vollzogen.

Es ist eine Fehleinschätzung, das Phänomen des politischen Islam am Beispiel von Ennahda als statisch zu stigmatisieren: Der politische Islam ist sehr dynamisch und er muss differenziert analysiert werden. Die bisherige Wahrnehmung der arabisch-islamischen Welt im westlichen öffentlichen Diskurs muss hinterfragt und dekonstruiert werden – bei ihr handelt es sich nicht um ein akkurates Abbild der Realität.

Wahrscheinlich werden die Nachwellen und Auswirkungen des arabischen Frühlings nicht auf den arabischen Raum beschränkt bleiben, denn nach mehr Freiheit, Würde, Respekt und sozialer Gerechtigkeit sehnen sich alle Menschen weltweit.

Jameleddine Ben Abdeljelil

© Qantara.de 2011

Jameleddine Ben Abdeljelil ist islamischer Philosoph und Theologe, zurzeit arbeitet er als Lektor für islamische Philosophie an der Goethe Universität Frankfurt.

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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