"The Poetess" – neuer Film über eine starke saudische Frau in einer zerrissenen Gesellschaft

31.05.2018

Eine vollverschleierte Frau gewinnt in einer TV-Show in Saudi-Arabien und sorgt damit weltweit für Furore. Das war 2010. "The Poetess" (ab 31. Mai im Kino) zeigt die spannende und auch absurde Geschichte dahinter.

Man sieht nur ihre Augen. Der Rest des Gesichtes ist wie der ganze Körper von schwarzem Stoff verhüllt. Die Frau aus Saudi-Arabien wirkt archaisch fremd in dem modernen Studio. Bei der großen TV-Show sind nicht nur alle anderen Teilnehmer des Dichterwettbewerbs männlich, sondern auch fast alle Zuschauer. Die wenigen Frauen sitzen getrennt von den Männern, tragen ein Kopftuch, zeigen jedoch zumindest ihr Gesicht.

Die in der Tracht weiblicher Unterwürfigkeit, in schwarzem Abaya und Niqab, gekleidete Frau auf der Bühne aber wird extrem deutlich: "Ich kritisiere religiöse Strenge, Terrorismus und Töten im Namen des Islam. Ich kritisiere alle Versuche, die arabische Welt aus sich selbst heraus abzuschotten und feindlich anderen gegenüber zu sein."

Damit gelangte die etwa 50-jährige Dichterin Hissa Hilal 2010 weltweit in die Schlagzeilen. Sie schaffte es als erste Frau ins Finale der TV-Show "Poet der Millionen" in Abu Dhabi, eine Art "Grand Prix" der "Nabati", der traditionellen Dichtung der Beduinen. Vor einem 75-Millionen-Fernsehpublikum kritisierte sie in ihren Gedichten die Situation der Frau und prangerte extremistische und verhetzende Fatwas an.

Die Regisseure Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff begleiten Hilal in "The Poetess" (ab 31. Mai im Kino) von der Bewerbung über die Vorentscheidungsrunden bis zum Finale. Dabei greifen sie auf Archivbilder zurück, auf ausführliche Interviews und Aufnahmen aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten: Bilder urbaner Skylines und ländlicher Regionen, die die Widersprüche visualisieren, in denen die Gesellschaft steckt.

Der Film zeigt das Leben einer Frau voller gesellschaftlicher Zwänge: "Sie verfolgen dich für jede Kleinigkeit", sagt Hilal, die sich in erster Linie als Künstlerin und nicht als politische Aktivistin versteht: "Für mich ist die Frau die Seele der Gesellschaft. Wenn sie die Frauen isolieren, isolieren sie die Seele der gesamten Gesellschaft."

Ihre ersten Gedichte schrieb sie unter dem Pseudonym "Remia", weil ihre Eltern nicht wollten, dass sie unter ihrem wirklichen Namen veröffentlichte; das erlaubte erst ihr Ehemann, ein Journalist. Als er sie zur Teilnahme am Wettbewerb animierte, war die Familie zuerst dagegen, denn eine Frau auf der Bühne, so Hissa Hilal, sei für einen Beduinen eine Horrorvorstellung.

Also achtete sie besonders streng darauf, die Kleidervorschriften einzuhalten, und verschleierte beim ersten Auftritt sogar ihr Gesicht: "Doch so ging es nicht. Ich konnte nicht mal den Text auf dem Blatt lesen, geschweige denn den Ausgang finden." Seitdem lässt sie die Augen vor den Kameras unverhüllt.

Der Film ist voller kleiner Szenen, die die Absurdität des Alltags der Frauen zeigen, die Widersprüche eines Landes zwischen Erdölkapitalismus und fundamentalistischer Religionsdoktrin. So sieht man Hilal mit ihren ebenfalls vollverschleierten Töchtern durch die teuren Modegeschäfte der Shopping-Malls schlendern, die geschlossen werden, wenn der Muezzin zum Gebet ruft. Oder sie verhüllen im Taxi unwillkürlich ihr Gesicht, weil sie sich beobachtet fühlen.

"The Poetess" vermittelt über seine Protagonistin auch Einblicke in die Geschichte des Landes. Denn die 1970er-Jahre waren auch im arabischen Raum eine Zeit der kulturellen Freiheit, eine kurze Blüte für Literatur, Musik und andere Künste. In Saudi-Arabien war alles noch liberaler. Bis zum Überfall auf die große Moschee in Mekka 1979, bei dem 270 Menschen getötet und 550 verletzt wurden.

Erst danach gewannen die Fundamentalisten beherrschenden Einfluss auf Kultur und Alltag. Einen traditionellen, tief in der Gesellschaft verankerten Fundamentalismus habe es davor nicht gegeben, sagt Hilal. In der traditionellen Kultur der Beduinen seien die Frauen frei gewesen; dies sei erst in den letzten Jahrzehnten verlorengegangen.

"The Poetess" ist ein höchst lehrreicher, eindringlicher Film über eine zerrissene Gesellschaft, das Porträt einer starken Frau, die vehement für ihre künstlerische Freiheit kämpft und für die Wiedergewinnung gesellschaftlicher Freiräume für die arabischen Frauen. (KNA)

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.