Buchcover: "The Night of the Golden Butterfly" von Tariq Ali
Tariq Ali: Die Nacht des Goldenen Schmetterlings

Schillernde Prosa gegen den Kampf der Kulturen

Tariq Ali hat einen facettenreichen Schelmenroman über Pakistan und den Westen geschrieben. In "Die Nacht des Goldenen Schmetterlings" entblößt der pakistanisch-britische Intellektuelle die zynischen Bigotterien sowohl der westlichen wie der muslimischen Welt, schreibt Claudia Kramatschek.

Spätestens seit 9/11 scheint jede Erzählung über den Zustand unserer Welt einem so billigen wie simplifizierenden Muster zu folgen: Kampf der Kulturen lautet das dominante rhetorische Modell, demzufolge die eine Seite als aufgeklärt und daher als per se im Recht befindlich gilt, die andere Seite dagegen rückständig und in der beständigen Agonie von Krisen und Terror verfangen.

Demonstration für Bürgerrechte in Islamabad; Foto. dpa
Schwere und kompakte Themen: Politik durchdringt im letzten Gemälde, das Plato hinterlassen wird, quasi jede Seite.

​​Die westlichen Medien – das macht der 1943 in Pakistan geborene, 1963 wegen seiner politischen Aktivitäten nach London emigrierte Journalist und Romancier Tariq Ali auch in seinem neuen Roman nicht zuletzt deutlich – tragen dazu das ihre bei: Wer hierzulande Islam sagt, denkt meist an bärtige Extremisten.

Schon 1991, während des Ersten Golfkriegs, war Ali empört über die in seinen Augen einseitige Berichterstattung der westlichen Medien über die arabische Welt. Geboren war seine Idee, dem stereotypen und diffamierenden Image des Islams in Form eines "Islam-Pentalogie" ein differenzierteres Bild über das Verhältnis zwischen der muslimischen und der westlich-christlichen Zivilisation entgegen zu setzen.

1993 erschien der erste der fünf Bände – nun liegt mit "Die Nacht des Goldenen Schmetterlings" der letzte und abschließende Teil dieses groß angelegten Roman-Projektes vor.

Tariq Alis pakistanische Leser dürften sich gefreut haben: Denn während die ersten vier Bände in der Vergangenheit spielten – sei es zur Zeit des maurische Spanien während der grausamen reconquista, sei es zur Zeit der letzten Zuckungen des Osmanischen Reichs –, erzählt Tariq Ali nun von der jüngeren Geschichte seines Heimatlandes Pakistan.

Die vier "Krebsgeschwüre" Pakistans

Ich-Erzähler des Romans ist ein gewisser Dara, in dem man das alter ego des Autors vermuten darf: Geboren und aufgewachsen in einem Lahore, das noch offen war für Dichter und Denker, war dieser Dara als junger Mann ein begeisterter Marxist.

Zu seinen engsten Freunden zählte ein gewisser Plato – der sich nun, 45 Jahre später und längst ein berühmter Maler, bei ihm meldet und ihn um einen Gefallen bittet: Dara, der schon lange in London lebt, soll Platos Leben niederschreiben.

Tariq Ali; Foto: dpa
"Die vier Krebsgeschwüre des Vaterlands: die Mullahs, das Militär, der ruchlose Einfluss Amerika und die Korruption" - Tariq Ali geht schonungslos mit der pakistanischen Gesellschaft ins Gericht.

​​Dara macht sich ans Werk – es ist das Buch, das wir in den Händen halten –, und indem der Erzähler Platos (und sein) Leben an uns vorüber ziehen lässt, beschreibt der Autor Ali zugleich den traurigen Niedergang seiner Heimat: enttäuschte Hoffnungen auf politische Utopien; unverarbeitete Wunden wie das Trauma der Teilung (die auch Plato erlitten hat); die schleichende Islamisierung des Landes, das in den 1970er Jahren von erstaunlicher Freizügigkeit und künstlerischer Aufgeschlossenheit geprägt war; schließlich auch die allgegenwärtige Verkommenheit der politischen Klasse.

Das letzte Gemälde, das Plato hinterlassen wird, zeigt dementsprechend auch die vier Krebsgeschwüre des Vaterlands: Die Mullahs, das Militär, der ruchlose Einfluss Amerika und die Korruption.

Kunstvolle erzählerische Maskeraden

Buchcover Die Nacht des goldenen Schmetterlings von Tariq Ali
Wie Platos letztes Gemälde, ist auch dieser Roman nicht weniger als eine so zärtliche wie bittere Huldigung an eine, wie es im Roman heißt, "vernichtete Zivilisation", schreibt Kramatschek.

​​Das sind schwere und kompakte Themen. Politik durchdringt hier quasi jede Seite, sei es die Militäraktionen gegen die Taliban im Swat-Tal, sei es ein Aufstand seitens muslimischer Chinesen im 19. Jahrhundert, den Vorfahren des Titel gebenden 'Goldenen Schmetterlings', einer in Pakistan lebenden Chinesin namens Jindié, an die Dara als junger Mann sein Herz verloren hatte und die er nun nach langen Jahren ebenso wieder trifft.

Tariq Ali ist ein gewiefter Erzähler und verpackt all das in einer so leichtfüßigen wie turbulent zwischen London, Paris, Karatschi hin und her wirbelnden Liebesgeschichte, in der vor allem die Frauen auffallend schillernde und eigenwillige Charaktere sind:

Da ist Jindié, besagter Goldener Schmetterling; da ist die aus einer Großgrundbesitzerfamilie stammende Zaynab, die von ihren Brüder als junge Frau patriarchalisch unterjocht wird und dann doch mit großer Entschlusskraft aufbegehrt; und da ist die kesse Kessy Lateef, die in ihrer Heimat Pakistan erst mit Generälen ins Bett geht, um dann im Westen als weibliches Opfer männlicher Unterdrückung nach Aufmerksamkeit zu heischen.

Das klingt und liest sich stellenweise wie eine Burleske. Doch unter der kunstvollen Maskerade dieses mit Stendhal und Diderot, mit Sufi-Weisheiten und Versen des rebellischen Poeten Faiz Ahmed Faiz gespickten Schelmenstücks entblößt Ali die zynischen Bigotterien sowohl der westlichen wie der muslimischen Welt:

Pakistan ist das Land, in dem man unerwünschte Generäle, die den gemeinsamen Machenschaften von Geheimdienstlern und Taliban im Wege stehen, kurzerhand um die Ecke bringt. Im Westen dagegen ist der Islam ins Visier der Medien geraten und dort zum Abschuss freigegeben. Wer ein wenig genauer hinschaut, wird beliebte Akteure dieses westlichen Schlachtfelds wieder erkennen – so etwa Ayaan Ali Hirsi oder Bernard-Henry Lévy.

Reichlich Stoff mithin, der sich in Gänze und auf die Schnelle sicher nicht jedem westlichen Leser erschließen mag. Eines aber begreift man unmissverständlich: Wie Platos letztes Gemälde, ist auch dieser Roman nicht weniger als eine so zärtliche wie bittere Huldigung an eine, wie es im Roman heißt, "vernichtete Zivilisation", also an all die idealistischen Träume, die mit diesem Land verbunden waren und die durch dieses Land selbst zerstört wurden. Mit "Die Nacht des Goldenen Schmetterlings" ruft sie Tariq Ali noch einmal in Erinnerung.

Claudia Kramtschek

© Qantara.de 2011

Tariq Ali: Die Nacht des Goldenen Schmetterlings. Roman. Aus dem Englischen von Margarete Längsfeld. Heyne Verlag 2011. 352 Seiten

Tariq Ali wurde 1943 in Lahore (damals Britisch-Indien, heute Pakistan) geboren. Als 20-Jähriger emigrierte er nach London, wo er Politik und Philosophie studierte und 1968 zum Führer und Vordenker der internationalen Studentenbewegung wurde. Heute arbeitet er als Schriftsteller, Filmemacher und Journalist. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Weltgeschichte und -politik, Bühnenstücke, Drehbücher und Romane.

Redaktion: Lewis Gropp & Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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