Tagung: Welche Macht hat Religion? Anfragen an Christentum und Islam

09.03.2018 - 16:30 Uhr bis 11.03.2018 - 18:30 Uhr
Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Paracelsusstr. 91
70599 Stuttgart

Christentum und Islam üben einerseits Macht aus, andererseits unterliegen sie aber auch der Machtausübung: In unterschiedlichen Kontexten haben beide Religionen spezifische Haltungen zur Macht und unterschiedliche Formen entwickelt, mit ihr umzugehen. Ihre eigenen Handlungs- und Deutungsmöglichkeiten sind eingebunden in gesellschaftliche Erwartungen, Zuschreibungen und Restriktionen. Religiöse Akteure befinden sich niemals in einem hierarchiefreien Raum: Institutionelle und diskursive Ungleichgewichte bedingen das jeweilige Verhältnis von Religion und Macht mit.
Das Thema der Macht ist dabei umfangreicher als die Frage nach dem Verhältnis zur politischen Herrschaft, auf das die Diskussionen um das Verhältnis zum Staat und zu den demokratischen Strukturen zumeist konzentriert sind. Im Namen Gottes wird in menschliches Leben eingegriffen, wird soziale Kontrolle ausgeübt und religiöse Autorität etabliert. Andererseits werden Menschen in religiösen Vollzügen ermächtigt, ihre Erfahrungen und Perspektiven zu Wort zu bringen und um Anerkennung zu ringen.
Zugleich ist die Thematik der Macht auch Teil theologischer Grundannahmen: Sie ist Teil eines Bildes vom Menschen, zu dessen Handeln auch das Streben nach Dominanz gehört und das in Ordnungen eingebunden ist. Ebenso ist das Bild von Gott verbunden mit Machtzuschreibungen – als Schöpfer, Erhalter und Richter der Welt. Macht hat damit eine eigene theologische Dimension, wenn auch allgemeine theologische Konzepte wie die Allmacht Gottes nicht automatisch legitimatorisch oder machtrelativierend wirken. Eine simple Disqualifizierung von Macht als prinzipiell böse führt deshalb nicht weiter. Ebenso wenig eine Blindheit gegenüber der eigenen diskursiven und institutionellen Machtausübung. So bilden auch geistlicher Leitungsdienst und weltliche Macht nicht einfache Gegensätze.
Nötig ist vielmehr ein selbstreflexives Verhältnis, in dem zentrale Fragen gestellt werden: Was sind Kriterien für die Beurteilung von Machtausübung? Wo beginnt der Machtmissbrauch? Welche paradigmatischen Formen der Machtausübung hat es gegeben und gibt es? Was sagen diese aus über ein spezifisches Verhältnis von Religion und Macht? Besteht ein Zusammenhang zwischen theologischen Konzeptionen und dem Verhältnis zur Macht? In welchen sozialen und politischen Machtverhältnissen entwickeln sich Religionen in Vergangenheit und Gegenwart?
Mit der Frage nach dem Verhältnis von Macht und Religion setzt das Forum die Konzeption des „side by side“ fort. In dieser wird aus der jeweiligen religiösen Perspektive auf ein gemeinsames gesellschaftliches Thema geblickt und von dort aus das christlich-islamische Gespräch weitergeführt. Am Anfang stehen deshalb politik- und sozialwissenschaftliche Per-spektiven, die theologisch aufgenommen und fortgedacht werden.

Die Veranstaltung geht dabei in drei Schritten vor: Nach einer Klärung verschiedener Aspekte des Machtbegriffs gilt unser Blick den Konstellationen der Macht in den Religionen. Zu fragen ist im Anschluss nach legitimatorischen Strategien und kritischen Ressourcen aus den theologischen Traditionen. Konkretisierend widmen sich vier Foren spezifischen Praxisfeldern – Gender, soziale Kontrolle in religiösen Gemeinschaften und Macht in religiöser Erziehung – sowie der Allmacht Gottes als eigenständiger theologischer Frage. Der dritte Schritt kehrt die Blickrichtung um und fragt nach der Deutungs- und Sprachmacht von Religi-onen im Gefüge gesellschaftlicher Macht.