Studiengang Islamische Theologie in Deutschland

Impulse über Europas Grenzen hinweg

An deutschen Universitäten halten erstmals Studiengänge der Islamischen Theologie Einzug in den Wissenschaftsbetrieb. Was das bedeutet und inwiefern das Fach möglicherweise auch Debatten in den islamischen Herkunftsländern auslösen kann, darüber hat sich Lewis Gropp mit dem Islamwissenschaftler und Juristen Mathias Rohe unterhalten.

Die islamisch-religiösen Studien an deutschen Universitäten sind einerseits bekenntnisorientiert, anderseits sollen sie akademischen Ansprüchen genügen. Ist es vorstellbar, dass es dadurch von Deutschland aus Reformimpulse auch für die islamische Welt geben könnte?

Mathias Rohe: Hier würde ich empfehlen, zunächst "kleinere Brötchen zu backen" und erst einmal die tragfähige Einrichtung dieser Studien auf hohem wissenschaftlichem Niveau voranzubringen. Impulse für Deutschland und Europa sind sicher zu erwarten, mittelfristig vielleicht auch darüber hinaus. Es gibt hier, anders als in vielen Ländern der islamisch geprägten Welt, die Möglichkeit, auch über Glaubensfragen offen und vorurteilsfrei zu debattieren.

Ganz anders als in Ägypten – von Iran oder Saudi-Arabien ganz zu schweigen. Solche Debatten interessieren die Leute aber weltweit. Und natürlich gibt es mittlerweile auch weltweit ausgerichtete Kommunikationsmöglichkeiten. Auch die Mitglieder der muslimischen Beiräte dieser Studien, die wie in Erlangen-Nürnberg international besetzt sind, werden in ihren Herkunftsländern sicherlich darüber berichten, was wir hier machen. Ich weiß nicht, ob wir nur gepriesen werden. Aber es wird sicherlich eine Debatte anstoßen.

Sehen Sie denn auch die Problematik der Repräsentation? Denn die muslimische Gemeinschaft ist hierzulande ja heterogen und sehr gespalten. Hat man denn hier in Deutschland für den Islamunterricht und den Islam an den Universitäten gute Lösungen gefunden?

Rohe: Ich finde schon. Eine gute Lösung kann ja auch darin bestehen, dass alle Beteiligten gleichermaßen unzufrieden sind. Dann ist vielleicht schon ein tragfähiger Kompromiss erreicht. Aber im Ernst: Mir ist schon klar, dass es manchen muslimischen Verbänden gar nicht schnell genug geht, dass sie als Religionsgemeinschaften und damit möglicherweise als exklusive Kooperationspartner anerkannt werden. Anderen geht schon diese Modellösung mit einem Beirat als "Platzhalter" für Religionsgemeinschaften zu weit. Man muss sich einfach überlegen, welches die Hauptanliegen der Projekte sind.

Mathias Rohe; Foto: AP
Professor Mathias Rohe lehrt Rechtswissenschaften an der Universität Erlangen. Bis 2009 war er Vorsitzender der Gesellschaft für Arabisches und Islamisches Recht.

​​Aus meiner Sicht ist das Hauptanliegen hinsichtlich des Schulunterrichts, dass die nachwachsende Generation in einer authentischen Art und Weise mit deutschen akademischen und pädagogischen Standards mit ihrer Religion vertraut gemacht wird. Und ebendies soll im universitären Rahmen vorbereitet werden. Zudem sind wir daran interessiert, dass eine islamische Theologie hier mit den anderen Theologien auf Augenhöhe ihren Platz im Wissenschaftsspektrum findet.

Können Sie denn die Einwände von muslimischer Seite verstehen, wonach die Prozesse um die Integration des Islams politisch eingehegt sind und man von politischer Seite den Islam "domestizieren" möchte, und dass das so auf keinen Fall funktioniert?

Rohe: Diese Einwände sind nachvollziehbar, und Ängste sind vorhanden, dass sich Deutschland eine Art "Staats-Islam" schaffen will. Aber ich neige zur pragmatischen Herangehensweise. Bis sich islamische Religionsgemeinschaften so stabil gebildet haben, dass sie als Kooperationspartner für solche Großprojekte in Betracht kommen, wird noch viel Zeit vergehen.

Andererseits hat unsere Erfahrung gezeigt, dass wenn wir klein anfangen und umsichtig beginnen, möglichst alle mit ins Boot holen, die ein echtes sachliches Interesse haben, dass man dann vorsichtig tastend voranschreiten kann. Bisher hatten wir mit dieser Methode Erfolg. Und der Erfolg gebiert den Erfolg. Aus meiner Sicht gibt es einfach auch keine realistische Alternative, will man nicht Jahr um Jahr warten, bis endlich einmal etwas in diesem Bereich vorangeht.

Sie waren Teilnehmer der Deutschen Islamkonferenzen. Wie beurteilen sie die Arbeit der Islamkonferenz in Bezug auf die Integration des Islams in Deutschland?

Rohe: Allein die Tatsache, dass es die Islamkonferenz gibt, ist ein sehr wichtiges Faktum. Dass nämlich die Frage der Normalität des Islam in Deutschland auf höchster politischer Ebene angesiedelt ist und auch bleibt, scheint vieles entspannt zu haben und dies strahlt auch auf den Alltag aus.

Deutsche Islamkonferenz; Foto: dapd
Mathias Rohe: "Ich denke, dass die Islamkonferenz einen Schub zur Verbreiterung der Modelle zum islamischen Religionsunterricht in Deutschland gegeben hat, und auch zur Einrichtung der islamisch-religiösen Studien an den Universitäten."

​​ Ich denke schon, dass man da manches Tragfähige erarbeitet hat, etwa in der Arbeitsgruppe Verfassungsfragen konkrete rechtliche Voraussetzungen in Hinblick auf den islamischen Religionsunterricht.

Von wo kommen Ihrer Meinung nach die stärksten Impulse in der islamischen Theologie?

Rohe: Ich will keine einzelne Namen nennen, um nicht damit andere zurückzusetzen. Aber hier in Deutschland, Österreich, Frankreich, England, in den USA gibt es wie in vielen Teilen der islamisch geprägten Welt einige interessante muslimische Personen, die auch zum ersten Mal frei reden können und die Dinge entwickeln. Es tut sich auch sehr viel im Rahmen der Ausbildung unserer Religionslehrer und Religionslehrerinnen, die bereits Vorkenntnisse haben und Ideen sowie Perspektiven entwickeln.

Studentin der Islamischen Theologie an der Uni Tübingen; Foto: dpa
Bundesweit erstes "Zentrum Islamische Theologie": An der Uni Tübingen hat der Studiengang "Islamische Theologie" am 10. Oktober 2011 seinen Betrieb aufgenommen.

​​Ich halte es auch für hochinteressant, was an der "geografischen Peripherie" der islamischen Welt passiert, und das schon seit langem: in der Türkei, auf dem Balkan, in Nordafrika, Indonesien, Malaysia, teilweise auch Pakistan und Bangladesch, also gerade nicht in den Regionen, an die man hierzulande im Zusammenhang mit dem Islam primär denkt, wenn vom Islam die Rede ist.

Von der arabischen Halbinsel und aus ihrer Umgebung kommt in den letzten Jahrzehnten leider insgesamt wenig Bedeutendes. Vielleicht hilft auch die stete Begegnung mit anderen, wie sie vor allem an der "Peripherie" erfolgen, dabei, neue Ideen zur Organisation des Zusammenlebens zu entwickeln.

Sie sind also nicht pessimistisch, was den sogenannten "Kampf der Kulturen" betrifft und dessen vermeintliche Unausweichlichkeit?

Rohe: Da bin ich überhaupt nicht pessimistisch. Ich halte die Auffassung vom Zusammenprall der Kulturen für schlichtweg unsinnig. Huntington hat das miserabel belegt. Das geht von so einem homogenen Kulturbegriff aus, der die Realität nicht mehr annähernd beschreibt. Das Modell ist so sehr vereinfacht, dass es verfälscht. Aus meiner Sicht gibt es so etwas wie einen "Clash of Minds". Das heißt, setzen sich Menschen für friedfertigen Umgang miteinander, für Ausgleich, für Menschenrechte ein oder tun sie das alles nicht? Und man wird Vertreter dafür in allen Kulturkreisen finden.

Entlang solchen inhaltlichen Fragen verlaufen die eigentlichen Konfliktlinien. Gerade auch die gegenwärtigen Entwicklungen in einigen Ländern in der arabischen Welt unterstreichen, dass die Ideen von Demokratie und Rechtstaatlichkeit, von Menschenrechten nichts exklusiv Westliches sind.

Interview: Lewis Gropp

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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