Foto der Website von Twitter; Foto: picture alliance/dpa
Soziale Medien in der Türkei

Strategien gegen Zensoren

Viele junge Türken trauen den Mainstream-Medien nicht mehr und schwören stattdessen auf Twitter & Co. Darüber verbreiten sich auch Nachrichten, die herkömmliche Medien wenig beachten - etwa aus den kurdischen Gebieten. Hintergründe von Dorian Jones

Ein lebendiges Café mitten in Istanbul. Hale schlürft ihren Tee, während sie auf ihrem Blackberry die neuesten Nachrichten liest. "Ich gucke nur nach den 'hot news', vor allem aus der Türkei. Zeitungen lese ich kaum noch, denn die Neuigkeiten bekomme ich über Twitter." Hale ist begeistert von der Informationsflut im Netz: "Es gibt Blogs, es gibt neue Seiten - da sind mir die Mainstream-Medien wirklich egal."

Hale ist Teil eines immer größer werden Phänomens, sagt Professor Yaman Akdeniz, Medienwissenschaftler und Internetexperte an der Bilgi Universität in Istanbul.

Laut Akdeniz glauben immer mehr Menschen, dass die türkischen Medien von der Regierung kontrolliert werden. Das sei vor allem nach dem jüngsten Wahlsieg der Regierungspartei AKP zu beobachten gewesen. "Allerdings", so Akdeniz, "nicht direkt, sondern indirekt."

Yaman Akdeniz; Foto: © DW
Pressefreiheit in Gefahr: In der türkischen Bevölkerung wächst das Misstrauen gegenüber den Medien, von denen viele annehmen, dass sie vom Staat kontrolliert werden, so der Medienwissenschaftler Yaman Akdeniz.

​​So stoße man immer öfter auf Fälle von Selbstzensur und Selbstkontrolle in verschiedenen TV-Kanälen und auch Zeitungen. Das treibe immer mehr Leute dazu an, sich die Informationen auf andere Weise zu beschaffen. "Sie tun sich in Sozialen Netzwerken zusammen, und manche von ihnen agieren selbst als Journalisten, indem sie bloggen."

Die heimliche Macht von Twitter & Co.

Die Türkei gehört zu den Vorreitern der mobilen Technik in der Region. Die Bevölkerung ist jung und netzaffin, da ist es kein Wunder, dass Soziale Medien hier in den letzten Jahren geradezu einen Boom erlebt haben. Momentan nutzen etwa 30 Millionen Türken Facebook, und vier Millionen haben einen Twitter-Account - damit liegen sie im weltweiten Vergleich weit an der Spitze.

Wie stark die Macht der Sozialen Medien in der Türkei mittlerweile geworden ist, zeigte sich Ende 2011: In der Nacht des 29. Dezember startete die türkische Armee einen Luftangriff auf vermeintliche Mitglieder der kurdischen Rebellengruppe PKK. 35 kurdische Zivilisten wurden getötet.

Ähnliche Vorfälle in der Vergangenheit sind vom Militär oft verschleiert worden - in diesem Fall klappte das nicht: Trotz der versteckten Lage in den Bergen nahe der irakischen Grenze gab es genügend Zeugen des Vorfalls. Innerhalb weniger Stunden nach dem Angriff wurden auf Twitter Fotos und Mitteilungen von Angehörigen der Opfer gepostet.

Schnell verbreiteten sich die Nachrichten, unter anderem mit Hilfe von Netzaktivisten wie Cigdem Mater: "Es war wirklich merkwürdig - Journalisten, die sowohl bei Twitter aktiv sind als auch in den Mainstream-Medien, waren entsetzt darüber, dass niemand darüber berichtet hat." Wenn es Twitter nicht gäbe, so Mater, hätte die Welt vielleicht erst in zwei oder drei Jahren von dem Vorfall erfahren. Oder gar nicht.

Eigentor für das Militär

Opfer des türkischen Luftangriffes auf vermeintliche Rebellen nahe der irakischen Grenze; Foto: AP/dapd
Von den türkischen Medien unbeachtet: Die Nachricht von einem Luftangriff auf vermeintliche kurdische Rebellen verbreitete sich vor allem dank Twitter in Windeseile

​​Die Windeseile, mit der die Geschehnisse im türkischen Grenzgebirge in der ganzen Welt bekannt wurden, ist der schnellen 3G-Technik zu verdanken - damit sind Handys internetfähig. Dies wiederum ist ein Erbe der türkischen Armee, die diese Technik in ihrem seit Jahrzehnten andauernden Feldzug gegen die PKK schon lange nutzt.

Obwohl gerade diese zerklüftete Region, in der die meisten Kurden leben, zu einer der ärmsten Gegenden der Türkei zählt, gibt es hier ein gut ausgebautes Kommunikationsnetz, weil die Sicherheitskräfte auf die reibungslose Handykommunikation angewiesen sind.

Die Mobilfunkbetreiber tun ihr Übriges. Im harten Wettkampf unterbieten sie sich mit Mobilfunk-Angeboten, werben mit günstigen Smartphones. Fast ein Viertel aller türkischen Handynutzer besitzt ein Smartphone - und die Reichweite erstreckt sich auch auf den verarmten kurdischen Südosten.

Soziale Medien als mächtige Werkzeuge

Berke Bas ist Dozentin für Medienwissenschaften an der Bilgi Universität und betreut ein Projekt mit kurdischen Jugendlichen. Sie sagt, dass Soziale Medien für die Kurden ein wichtiges und mächtiges Werkzeug geworden sind. "Ich glaube, dass sie damit eine sehr wichtige Informationsquelle haben. Türkische Medien haben kein großes Interesse an den Vorgängen im Südosten und daran, wie die Menschen dort gegen Missstände kämpfen müssen." Das baue einen unglaublichen Zorn auf, so Berke Bas.

Berke Bas; Foto: Dorian Jones
Die Medienwissenschaftlerin Berke Bas sieht eine Gefahr darin, dass sich in Sozialen Medien kleine Communities bilden, die keinen Austausch mit Andersdenkenden mehr zulassen.

​​Dennoch sollte man auch den herkömmlichen Medien weiterhin Vertrauen schenken. Sie sieht eine Gefahr darin, dass sich in Sozialen Medien kleine Communities bilden, die keinen Austausch mit Andersdenkenden mehr zuließen. "Was wir in diesem Land dringend brauchen, ist, dass sich Türken und Kurden besser kennen lernen."

Auch Bas' Kollege Yaman Akdeniz sorgt sich, dass Soziale Medien die Polarisierung in der türkischen Gesellschaft verschärfen könnten. Es gebe noch viel zu viele ethnische, religiöse und soziale Unterschiede in der Türkei, die sich auch in den Sozialen Medien widerspiegelten, so der Professor.

Gleichzeitig fürchtet er, dass die Regierung einen Schritt in die falsche Richtung tun könnte: "Zensur ist nicht die Lösung, genauso wenig wie das Sperren von Seiten." Die nächste Stufe sei dann die staatliche Überwachung und Verfolgung.

Weltweit hat die Türkei den Ruf, bei Internetsperren ganz vorne mit dabei zu sein. So wurde der Videokanal Youtube zwei Jahre lang geblockt. Man drohte auch damit, Facebook zu sperren. Doch Twitter und ähnliche Seiten sind nicht so leicht zu blocken. So können türkische Netzaktivisten Zensur und Sperrungen immer wieder leicht umgehen - versteckt und geschützt durch falsche Twitter-Identitäten.

Dorian Jones

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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