Salwa al-Neimi , Foto. T. Langro
Sexualität in der zeitgenössischen arabischen Frauenliteratur

Ruf des Körpers oder Ausdruck künstlerischer Freiheit?

Beschreiben Frauen sexuelle Erlebnisse aus eigener Erfahrung oder handelt es sich bei derartigen Schilderungen lediglich um literarische Phantasien? Und darf man Literatur überhaupt moralisch bewerten oder sollte sich die Kritik allein dem Inhalt des Werkes widmen? Rim Najmi hat sich mit einigen arabischen Schriftstellerinnen über die Rezeption ihrer Werke unterhalten.

Insbesondere wenn es um sexuelle oder amouröse Erfahrungen geht, werden arabische Schriftstellerinnen und Dichterinnen vielfach gefragt, ob sie in ihren Werken ihre persönliche Erfahrung beschreiben.

Als beispielsweise 2007 der Roman "Der Honigkuss" der syrischen Autorin Salwa al-Neimi erschien, wurde ihr nach eigener Aussage als Erstes folgende Frage gestellt: "Ist die Geschichte des Romans Ihre eigene? Wie üblich antwortete ich mit einem Lachen und erwiderte, dass alles was ich schreibe, zugleich echt und erfunden ist." Der Roman hatte in der arabischen Welt großes Aufsehen erregt, weil er das Gefühls- und Sexualleben einer arabischen Frau offen schildert.

Aber was genau meint Salwa al-Neimi mit dieser zweideutigen Antwort? Die Autorin versucht gar nicht erst, das genauer zu erklären, sondern orakelt eher noch: "Das kann Vieles bedeuten."

Buchcover Honigkuss von Salwa al-Neimi; Foto: Blanvalet Verlag
Provokante Darstellung plus klassische arabische Erotika: Der Roman "Honigkuss" lässt sich nicht in die Schublade billiger Pornographie stecken.

​​Stattdessen gibt sie lieber eine der eher amüsanten Begebenheiten zum Besten, die sie hierzu schon erlebt hat: "Bei einer Zusammenkunft mit Lesern in Italien fragten mich weibliche Fans: 'Können wir die Telefonnummer des Denkers haben?' Dazu muss man wissen, dass dieser 'Denker' der Held des Romans ist, der sich durch seine besondere Potenz und seinen liebevollen Umgang mit der weiblichen Hauptperson auszeichnet."

"Ich schreibe aus eigener Erfahrung über Sexualität"

Auch die marokkanische Lyrikerin Ouidad Benmoussa hat sich in ihren Gedichten mit den Themen Körper und Sexualität befasst, insbesondere in dem Band "Sturm im Körper", der 2009 in Rabat erschien.

Benmoussa gibt unumwunden zu, dass das, was sie dort über Sexualität schreibt, ihrer eigenen Erfahrung entspringt: "Jeglicher Schilderung, die nicht der eigenen Erfahrung entspringt, fehlt etwas Wesentliches."

Im Gespräch mit Qantara.de vertritt die Marokkanerin die These, persönliche Erfahrung sei "die Quelle jeder Form des Schreibens. Echte Literatur kann nur dem Selbst entspringen. Es ist eine Frage der Aufrichtigkeit". Und Sie fügt hinzu: "Das Erleben der Liebe ist etwas ganz Selbstverständliches, denn Liebe ist das Höchste der Gefühle. Gott hat uns für die Liebe geschaffen. Das Erleben von Sexualität ist Teil unserer Existenz und unseres Seins in dieser Gesellschaft, nicht nur einfach reproduktiver Akt, sondern Vergnügen."

Die Verfasserin des "Sturms im Körper" betont zudem: "Wenn eine Frau so selbstbewusst und aufrichtig über dieses Thema schreibt, lässt sie ihrer Phantasie freien Lauf, die dadurch ernsthaft, selbstbewusst und zielgerichtet wird und auf Zeitlosigkeit angelegt ist."

Benmoussa will ihre Haltung allerdings nicht denjenigen weiblichen Literaten aufzwingen, die sich dagegen verwehren, dass Frauen unbedingt eine bestimmte Erfahrung selbst erlebt haben müssen, um darüber schreiben zu können: "Ich bin nicht prinzipiell gegen die, die das Argument vertreten, Frauen müssten nicht unbedingt aus eigener Erfahrung schreiben. Ich äußere einfach mutig meine eigene Meinung, will aber niemanden anprangern."

Widad Benmoussa, Dichterin aus Marokko; Foto: © Widad Benmoussa
"Echte Literatur kann nur dem Selbst entspringen. Es ist eine Frage der Aufrichtigkeit": Widad Benmoussa, Dichterin aus Marokko.

​​Im gleichen Zusammenhang setzt sie nach: "Ich möchte nicht mit der Sprache ringen. Wenn ich einen bestimmten Augenblick auf Papier festhalte, gleich, ob es sich dabei um einen emotionalen oder sexuellen Moment handelt, dann soll dieser beim Rezipienten in seiner ganzen Schönheit und Aufrichtigkeit ankommen. Wenn man einen erlebten Augenblick nicht ganz klar und transparent vermitteln kann, wozu sollte man dann überhaupt literarisch schreiben? Dann sollte man besser schweigen."

"Ein moralisches Urteil über Literatur ist inakzeptabel"

Die Syrerin Salwa al-Neimi glaubt, diese Frage werde Schriftstellerinnen häufiger gestellt als ihren männlichen Kollegen, insbesondere bei Themen, die den Eindruck erwecken, persönlicher Erfahrung zu entspringen, wie emotionalen und intimen Erfahrungen. Lachend sagt sie: "Wenn ich ein Werk über politische Erlebnisse verfasst hätte, wäre doch nie jemand auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich das selbst erlebt habe. Wenn ich aber eine auch nur potentiell als intim angesehene Erfahrung niederscheibe, kommt zwangsläufig diese Frage."

Einem ganz gewöhnlichen Leser nimmt al-Neimi derartige Fragen allerdings keineswegs übel. Sie beschreibt das so: "Ich unterscheide dabei sehr wohl zwischen einem einfach nur neugierigen Leser, der gerne erfahren möchte, inwieweit diese Erfahrung aus dem Leben gegriffen oder erfunden ist, und der Literaturkritik, die auf dieser Basis stattfindet. Ich finde es nicht normal, von einem Kritiker verrissen zu werden, nur weil ich über Sexualität oder eine persönliche Erfahrung geschrieben habe. Das ist albern und oberflächlich."

Die algerische Schriftstellerin Ahlam Mosteghanemi; Foto: privat
Schreiben aus der Erinnerung an die Liebe: Die algerische Schriftstellerin Ahlam Mosteghanemi ist durch ihren Roman "Dhakirat al-Jasad" (Das Gedächtnis des Körpers) bekannt geworden.

​​Seit der Veröffentlichung von "Der Honigkuss" hat al-Neimi sich wiederholt Kritik, die lediglich moralische Maßstäbe anwendet, gefallen lassen müssen. Vehement lehnt sie daher eine derart einseitige Bewertung von Literatur ab.

"Als das Buch erschien, war ich eigentlich davon ausgegangen, dass die arabische Literaturkritik seit dem 11. Jahrhundert, seit Abdelqaher al-Jurjani, dem persischen Sprachwissenschaftler des Arabischen, der als Begründer der arabischen Rhetorik gilt, stets zwischen der Person des Autors und seinem literarischen Werk zu unterscheiden gewusst hat. Heute dagegen urteilen wohl manche Kritiker ausschließlich moralisch über künstlerisch-freies Schreiben. Aber wer so vorgeht, kann mir auch gestohlen bleiben."

Eifersucht auf einen "Mann aus Papier"

Mit der Frage zum Verhältnis zwischen persönlichem Erleben und dem in der Literatur Geschilderten sehen sich im Übrigen nicht nur Frauen konfrontiert. Dem verstorbenen syrischen Dichter Nizar Qabbani beispielsweise, der als Dichter der (auch körperlichen) Liebe bekannt wurde, wurde sie aberdutzende Male gestellt, obwohl er bei unterschiedlichsten Anlässen betonte, dass sich die Male, wo er de facto geliebt habe, sich an den Fingern einer Hand abzählen ließen.

Zum gleichen Thema meint Ahlam Mostaghanmi in ihrer Anthologie 'nessyane.com', ein Schriftsteller schreibe nicht zwangsläufig aus gelebter, gegenwärtiger Erfahrung über die Liebe, sondern mehr aus der Erinnerung an die Liebe heraus. In ihrem Roman "Das Gedächtnis des Leibes" erörtert Mostaghanmi die Frage durch die Person Hayat, der Protagonistin, die ebenfalls Schriftstellerin ist. Deren erster Roman nämlich ist ihrem Geliebten gewidmet, der sich jedoch gar nicht so sehr für den Inhalt des Buches, sondern vielmehr für den Mann interessiert, über den Hayat schreibt.

Er fragt sie gar, wer dies denn sei, woraufhin Hayat erwidert: "Bist du etwa eifersüchtig auf einen Mann aus Papier?" Seine Reaktion dazu: "Soll ich etwa davon ausgehen, dass er nur eine Phantasiegestalt ist?" Was Hayat abschließend beantwortet mit: "Es gibt einen Unterschied zwischen Literatur und denjenigen, über die wir schreiben."

Rim Najmi

Aus dem Arabischen von Nicola Abbas

© Qantara.de 2012

Redaktion. Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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