Schriftsteller in Ägypten

Literatur im Aufbruch

Aktuelle Romane aus Ägypten erzählen davon, wie die Menschen ums tägliche Überleben kämpfen, unter Staatsgewalt und Korruption leiden und sich mit Tricks und Humor durchs Leben mogeln. Susanne Schanda stellt einige namhafte Autoren und ihre literarischen Werke vor.

Drei Tage nach dem Sturz des ägyptischen Machthabers Hosni Mubarak erschien "Im Taxi" von Chalid al-Chamissi im Lenos-Verlag auf Deutsch und war innerhalb eines Tages ausverkauft.

"Das ultimative Buch zur ägyptischen Revolution": So lautete der Tenor der Kritik in den Medien. Dabei war es im arabischen Original bereits 2007 erschienen, vier Jahre vor dem Volksaufstand. Wer sich im Westen verwundert die Augen rieb und fragte, was denn nun plötzlich in die Ägypter gefahren sei, konnte in "Im Taxi" nachlesen, wie verzweifelt und frustriert ein großer Teil der Bevölkerung schon seit Jahren war.

Buchcover 'Im Taxi' von Chaled al-Chamissi
Die Revolution vom 25. Januar 2011 literarisch vorweggenommen: Chaled al-Chamissis Roman "Im Taxi"

​​Noch früher – 2002 im Original und 2007 auf Deutsch – war Alaa al-Aswanis "Der Jakubijan-Bau" erschienen. Er erzählt von Doppelmoral, Korruption, Staatsgewalt und einer erstarkenden islamistischen Bewegung, die all die Elenden und Betrogenen mit offenen Armen aufnimmt.

Ägypten hatte im arabischen Vergleich schon immer eine besonders starke Literaturszene, aber noch nie fand sie so breite und intensive Beachtung wie in den vergangenen zehn Jahren. Neue Verlage und Buchhandlungen entstanden, und eine neue Generation von Schreibenden tauchte auf, die auf vielfältige Weise den schmerzhaften Zusammenprall von Traum und Realität in ihrer Gesellschaft darstellten – und dies oft in einer leicht lesbaren Alltagssprache, die neue Leserschichten eroberte.

Freiräume im Internet

Ein wichtiges Mittel auf diesem Weg war der Blog. Im Internet tat sich ein Freiraum auf, der in der Öffentlichkeit bisher fehlte. Im neu entdeckten virtuellen Raum entwickelten junge Frauen und Männer Visionen, kratzten an Tabus und experimentierten mit der Sprache – abseits der Kontrolle von Elternhaus, Schule, religiösen oder staatlichen Autoritäten.

Ein Kind der ägyptischen Bloggerszene ist die 35-jährige Apothekerin Ghada Abdelaal aus der Provinzstadt Mahalla al-Kubra. Mit ihrem Blog "Ich will heiraten" traf sie einen empfindlichen Nerv der Gesellschaft: die Heuchelei und Doppelmoral rund um die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Mit Sarkasmus beschreibt die Autorin die oft absurden und entwürdigenden Rituale der sogenannten Salon-Heirat.

Mansura Eseddin; Foto: Unionsverlag
Mansura Eseddin war 2010 als einzige Frau für den International Prize for Arabic Fiction nominiert. Ihr Roman "Wara al-Firdaws" erschien in der deutschsprachigen Übersetzung von Hartmut Fähndrich im September 2011 unter dem Titel "Hinter dem Paradies" im Unionsverlag.

​​Ohne literarischen Anspruch ins Netz gestellt, gewann der Blog schnell ein großes, teils anonymes Publikum, das herzhaft kommentierte. Inzwischen ist er als Buch erschienen, zum Bestseller geworden und auf Deutsch übersetzt.

Weitaus literarischer liest sich dagegen der Roman "Hinter dem Paradies" der 1976 geborenen Mansura Eseddin. In assoziativen Rückblenden und Traumfetzen skizziert die Autorin eine Mädchenfreundschaft in einer konservativen Großfamilie auf dem Dorf. Der Roman zeigt auf eindringliche Weise die Macht der Tradition und deren oft fatale Auswirkungen auf die weiblichen Figuren.

In magischen Sprachbildern evoziert er eine resignative Grundstimmung, ohne allerdings in feministisch grundierte Schuldzuweisungen zu verfallen. 2009 wurde der Roman für den arabischen Booker-Preis nominiert und zwei Jahre später ins Deutsche übersetzt.

Brisante historische Themen

In ein ganz anderes Ägypten versetzt uns der Roman "Azazel" des Altphilologen und Manuskriptforschers Youssef Ziedan aus Alexandria. Durch die abenteuerliche Lebensgeschichte des Mönches Hypa im vorislamischen Ägypten erfahren wir von Glaubensstreitigkeiten der frühen Christen im fünften Jahrhundert, von Dogma und Gewalt im Namen Gottes und der Macht und Qual des individuellen Zweifelns.

Buchcover Alaa al-Aswanis 'Jakubijan-Bau'
Literatischer Wendepunkt: Der Schriftsteller Alaa al-Aswani löste mit seinem gesellschaftskritischen Roman "Der Jakubijan-Bau" einen wahren Leseboom am Nil aus.

​​Wie brisant diese Thematik in Ägypten bis heute ist, zeigen die heftigen Reaktionen aus christlichen ebenso wie aus muslimischen Kreisen, die das Buch verbieten wollten. Der spannend erzählte Roman liest sich wie ein leidenschaftliches Plädoyer für das Hinterfragen von vorgeblichen Gewissheiten – nicht nur in den Wissenschaften. Bei der aufgeweckten ägyptischen Jugend ist das Buch auf fruchtbaren Boden gefallen, wie die Revolte einige Jahre später zeigen sollte.

Fünfstellige Auflagenzahlen in deutscher Übersetzung

Zahlreiche weitere Romane haben die Literaturszene vor der Volkserhebung 2011 belebt und in einem wachsenden Publikum Widerspruchsgeist und Kreativität befeuert.

Noch nicht übersetzt wurden bisher der Emanzipationsroman "Noon" von Sahar al-Mougy und die beiden Romane "Kitab at-Tugra" und "Al-Tamasih" des Schriftstellers und Kulturredakteurs Youssef Rakha. Dagegen soll demnächst der zweite Thriller "Diamantenstaub" von Ahmed Mourad auf Deutsch erscheinen, wie vom Lenos-Verlag zu vernehmen ist.

Seit mit Alaa al-Aswanis "Der Jakubijan-Bau" in Ägypten ein wahrhaftiger Leseboom ausgelöst wurde, erreichen ägyptische Romane sogar in deutscher Übersetzung bis zu fünfstellige Auflagenzahlen.

Am erfolgreichsten beim deutschsprachigen Publikum ist allerdings nach wie vor Nagib Machfus. Eine halbe Million Bücher des 2006 verstorbenen Nobelpreisträgers hat der Unionsverlag bisher verkauft.

Susanne Schanda

© Goethe-Institut 2013

Susanne Schanda beschäftigt sich als Literaturwissenschaftlerin und Journalistin seit rund 15 Jahren intensiv mit dem Nahen Osten. Ihr Buch "Literatur der Rebellion. Ägyptens Schriftsteller erzählen vom Umbruch" ist 2013 erschienen. Die gebürtige Österreicherin lebt in der Schweiz.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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