Yussuf al-Qaradawi; Foto: dpa/picture-alliance
Schiitisch-sunnitischer Konflikt

Öl ins Feuer

Prediger wie der sunnitische Rechtsgelehrte Yussuf al-Qaradawi oder der schiitische Ayatollah Ahmad Dschannati stehen für sektiererischen Hass und drücken dem Islam von heute den Stempel der Geistlosigkeit auf. Der innerislamische Religionskrieg, den sie mitausgelöst haben, verändert die Region auf verheerende Weise, schreibt Stefan Buchen in seinem Essay.

Bald ist wieder Ramadan. Der Monat des innerislamischen Religionshasses. In der islamischen Welt und in Moscheegemeinden in Europa und rund um den Globus werden sunnitische Prediger in ihren allabendlichen Vorträgen die Häresien des Schiitentums anprangern. In der islamischen Welt und in Moscheegemeinden in Europa und rund um den Globus werden schiitische Prediger in allabendlichen Vorträgen die Häresien des Sunnitentums geißeln.

Fernsehkanäle werden erlesene Perlen unter diesen Predigten aussuchen und in die Wohnzimmer senden, so ähnlich wie im vergangenen Jahr, nur noch penetranter, dröhnender, hohler. Die überzeugten Sunniten werden noch einmal erfahren, warum schiitische Geistliche, Ayatollahs, die Gemeinschaft der Gläubigen in die Irre führen.

Kampf um religiöse Deutungshoheit

Die überzeugten Schiiten werden noch einmal erklärt bekommen, warum Muhammad ibn Abd al-Wahhab, der Namensgeber des Wahhabismus, eine Lehre des Irrtums in die Welt gesetzt hat. Das politisch-religiöse Establishment in Saudi-Arabien und Iran wird die wortgewaltige Präsenz ihrer jeweiligen Botschaft mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Im Kampf um die religiöse Deutungshoheit und den politischen Führungsanspruch in der islamischen Welt wird man mal wieder keinen Schritt zurückgewichen sein.

Ahmad Dschannati; Foto: AP
Stunde der religiösen Ideologen: Der iranische Kleriker Ayatollah Ahmad Dschannati, Politiker und Mitglied des Wächterrates, zählt zu den radikal-islamischen Hardlinern der Islamischen Republik

​​Intellektuell, ethisch und ästhetisch wird der Islam der Gegenwart ein jämmerliches Bild abgeben. Seine lautstärksten Wortführer werden eine Kultur des Blickes auf den Anderen schärfen, die den Nährboden bildet für Massenmord, Auslöschung von Dörfern und Stadtteilen, den verheerendsten Religionskrieg der Gegenwart. Die schlimmsten Schauplätze sind seit Jahren der Irak, Pakistan, Jemen, der Libanon. Nun kommt Syrien hinzu und droht alles bisher Dagewesene zu steigern.

Die Ideen- und Geldgeber des religiösen Feldzuges sitzen in Riad und Teheran. Ihre jeweiligen Glaubensgemeinschaften betrachten sie als willfähriges Vieh, das ihnen ohne nachzudenken in die Schlacht um Macht und Einfluss im Mittleren Osten folgt. Leider werden sie von den Gläubigen allzu oft in dieser Haltung bestärkt.

Den Zusammenhang zwischen dem saudisch-iranischen Machtkampf und dem sich stetig verschärfenden Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten in der gesamten islamischen Welt kann niemand mehr leugnen. Dabei erschien zu Anfang alles wie ein vorübergehender Irrtum, ein Ausrutscher der Geschichte.

Arabisch-persische Erbfeindschaft

Als Saddam Hussein 1980 die aus der Revolution gegen den Schah hervorgegangene Islamische Republik Iran überfiel, herrschten andere Deutungsmuster vor: der Westen unterstützte militärisch einen säkularen Präsidenten, um das neue antiwestliche Regime in Teheran zu schwächen, womöglich sogar zu stürzen. Es war auch ein Krieg zwischen Arabern und Persern, die nun ihre Erbfeindschaft austrugen.

Märtyrerplakat für Opfer des iranisch-irakischen Krieges in Schiraz; Foto:  Jürgen Sorges
"Jeder Tag Ashura, jedes Grab Kerbela": Märtyrerplakat für gefallene Offiziere der iranischen Luftwaffe im iranisch-irakischen Krieg in Schiraz.

​​Für die internationalen Waffenlobbies waren die ölschweren Kriegsparteien bombige Kunden. Auch wenn beide Seiten, vor allem der Iran, religiöse Assoziationen zur militärischen Mobilisierung nutzten ("die Schlacht von Kerbela"), erschien es nicht als Religionskrieg. Die meisten Soldaten Saddams waren Schiiten, und sie kämpften trotzdem acht Jahre lang gegen den schiitischen Iran.

Saudi-Arabien stand auf der Seite Saddams, schoss Petrodollars in sein Waffenarsenal. Das Königreich fürchtete den revolutionären Eifer, den die schiitische Geistlichkeit anfachte. Khomeini durfte den Krieg nicht gewinnen, dem Universalanspruch seiner Revolution musste etwas entgegengesetzt werden.

Deshalb gab sich der saudische König den Titel "Wächter der beiden heiligen Stätten (Mekka und Medina)", deshalb förderte die Monarchie nun verstärkt die wahhabitische Propaganda weltweit. In Afghanistan bewiesen mehrheitlich sunnitische, von Saudi-Arabien unterstützte Mudschahedin, dass auch sie bereit waren, für den Islam zu kämpfen und zu sterben.

Der irakisch-iranische Krieg ging mit einer Million Toten und einem Waffenstillstand zu Ende. Der Gegensatz zwischen dem sunnitisch-wahhabitischen Königreich und dem schiitischen Iran war dabei allenfalls als Randaspekt erschienen.

Länger als der 30-jährige Krieg

Heute drängt sich der Eindruck auf, dass es der unheilvolle Auftakt zu einem Religionskrieg war, der immer mehr Länder der Region erfasst und der länger dauern wird als der 30-jährige Krieg. Stellvertreter der beiden Regionalmächte Iran und Saudi-Arabien stehen sich unerbittlich gegenüber. Die pro-iranische Hizbullah und der pro-saudische Hariri-Clan im Libanon sind archetypisch.

Einheiten der Freien Syrischen Armeein Idlib; Foto: AP/dapd
"Der Aufstand gegen das Assad-Regime ufert immer mehr aus in einen Religionskrieg zwischen den von Saudi-Arabien unterstützten sunnitischen Rebellen und dem Assad-Clan, der den Alawiten angehört, die auch die Regierungstruppen dominieren", schreibt Stefan Buchen.

​​Die pro-iranische, schiitisch dominierte Regierung al-Maliki und die Sunnitenparteien im Irak sowie der gewaltsame Konflikt im sunnitisch regierten, mehrheitlich von Schiiten bewohnten Königreich Bahrain sind jüngste Beispiele.

Und jetzt Syrien, wo der Aufstand gegen das Assad-Regime immer mehr ausufert in einen Religionskrieg zwischen den von Saudi-Arabien unterstützten sunnitischen Rebellen und dem Assad-Clan, der den Alawiten angehört, die auch die  Regierungstruppen dominieren.

War da nicht der "Arabische Frühling"? War da nicht die "Grüne Welle" im Iran? War da nicht der Ruf des protestierenden Volkes nach dem Sturz der Regierung ("isqat an-nizam") und dem Tod des Diktators ("marg bar diktator")? Sollte im Mittleren Osten nicht eine Ära der Freiheit, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit anbrechen, in der die Religion sich allerhöchstens in Form demokratischer Parteien am politischen Prozess beteiligt?

Es sieht danach aus, dass diese Hoffnung vom Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten überlagert und zunichte gemacht wird. Die Länder Nordafrikas, in denen der Arabische Frühling begann, könnten unter diesem traurigen Paradigma zu einem riesigen saudischen Hinterland verkommen.

Das ist eine erstaunliche Entwicklung, wenn man bedenkt, wie unscharf, ja geradezu synkretistisch, die "konfessionellen" Identitäten vieler Muslime historisch betrachtet sind. Die Frage: "Bist Du Sunnit oder Schiit?", wäre für viele Muslime in vielen Epochen unsinnig, wenn nicht gar unverständlich gewesen. Mancherorts im "sunnitischen" Ägypten trifft man am Ashura-Tag auf Umzüge zu Ehren Hosseins. Sind die Teilnehmer deswegen Schiiten?

Wer ist der bessere Muslim?

Besonders unglückselig erscheint der sich heute verschärfende sunnitisch-schiitische Gegensatz, wenn man sich der Frage widmet, woran sich dieser eigentlich festmacht. Ja, es gibt unterschiedliche Traditionen und Glaubensvorstellungen, Unterschiede im Ritus und in den Rechtsvorschriften.

In diesem Laden werden verschiedene Banner für die Aschura-Rituale gefertigt und verkauft; Foto: Roshanak Zangeneh/DW
Märtyrer-Devotionalien zu Ehren Imam Hosseins: Ashura wird der zehnte Tag des islamischen Monats Muharram gennant, an dem die Schiiten des Todes Imam Hosseins in Kerbela gedenken.

​​Aber im Grunde geht der Unterschied auf einen historischen Streit um die Nachfolge des Propheten Muhammad zurück und damit auf die Frage, wer die besseren Muslime gewesen seien: Ali, Hossein und ihre Nachkommen einerseits oder Abu Bakr, Umar und Uthman andererseits?

Schon der arabische Literat al-Dschahiz (781-868) fand diesen Streit reichlich lästig. Wenn er in seinen Augen einen Mehrwert brachte, dann diesen, dass man anhand des Streits die Regeln der Rhetorik und der logischen Argumentation studieren konnte. Zu diesem Zweck lässt al-Dschahiz in einigen seiner politischen Schriften die Argumente der Anhänger Alis ("ash-shiya’") und Abu Bakrs (die damals noch nicht "ahl as-sunnah" oder "Sunniten" hießen) in Form eines fiktiven Disputs aufeinanderprallen, nicht ohne ironischen Zungenschlag.

Er führt vor, in welche Widersprüche sich die "Schiiten" verstricken, wenn sie behaupten, Alis Übertritt zum Islam im Kindesalter sei der edelste aller frühen Muslime gewesen. So weit, die andere Seite der Häresie zu bezichtigen, ging in diesem literarisch inszenierten Streitgespräch keiner der beiden Disputanten. Für al-Dschahiz war es wichtig, dass auch bei diesem Thema die Rationalität, beflügelt von der Ironie, den Ton angab.

Zu so viel Distanz sind die sehr realen Gegner von heute längst nicht mehr fähig. Ob Yussuf al-Qaradawi oder Ayatollah Dschannati – sie sind die Prediger eines verdummenden, sektiererischen Hasses. Sie drücken dem Islam von heute den Stempel der Geistlosigkeit auf. Der innerislamische Religionskrieg, den sie mitausgelöst haben, verändert die Region nachhaltig und auf verheerende Weise.

Zu den von den imperialistischen Weltmächten des 20. Jahrhunderts gezogenen Staatsgrenzen kommen neue hinzu: zwischen einzelnen Stadtteilen in Bagdad, Beirut, Homs und Latakia, zwischen Sanaa und Saada im Jemen. Diese neuen Grenzen sind noch auf keiner Karte markiert. Aber deren Überschreitung kann den Tod bedeuten.

Stefan Buchen

© Qantara.de 2012

Stefan Buchen ist Journalist beim Norddeutschen Rundfunk und berichtet häufig aus den Ländern des Mittleren Ostens und Nordafrikas. Er hat arabische Sprache und Literatur studiert.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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