Das saudische Mädchen Wadjda in Haifa al-Mansurs Film Wadjda; Foto: Razor Film
Saudischer Spielfilm ''Wadjda''

Mitten in der Erwachsenenwelt

"Wadjda" ist der erste saudische Spielfilm, bei dem eine Frau Regie führte. Trotz Unterstützung aus der Königsfamilie, konnte das saudisch-deutsche Filmteam nur unter schwierigen Bedingungen filmen. Doch herausgekommen ist eine rührende Geschichte – und eine differenzierte Kritik an der saudischen Gesellschaft. Von Jannis Hagmann

Eigentlich ist "Wadjda" eine Kindergeschichte. Der tägliche Weg zur Schule führt Wadjda, ein zehnjähriges Mädchen aus Riad, an einem Spielwarenhändler vorbei, der ein grünes Fahrrad verkauft. Unbedingt will Wadjda es haben. Sie träumt davon, mit ihrem Freund Abdullah – er ist in sie verliebt und will sie einmal heiraten – um die Wette zu radeln. Doch schnell muss sie lernen: Fahrrad fahren, das gehört sich nicht für Mädchen.

Und schon ist Wadjda – und mit ihr die Zuschauer des Films – mittendrin in der Erwachsenenwelt, einer Welt, die durchzogen ist von einem Geflecht von Abhängigkeiten, Machtbeziehungen und Tabus. "Bei uns fahren Mädchen nicht Fahrrad", erklärt Wadjdas Mutter trocken. Es könne ihr die Jungfräulichkeit kosten. Das aber versteht Wadjda nicht. Oder will es nicht verstehen. Trotzig macht sie sich daran, die 800 Rial für das Fahrrad selbst einzutreiben.

Film mit Pioniercharakter

"Wadjda", eine saudisch-deutsche Koproduktion, ist zwar nicht der erste saudische Spielfilm, aber der erste, der komplett in Saudi-Arabien gedreht wurde, einem Land, in dem Kinos seit den 1970er Jahren verboten sind und Frauen nicht Auto fahren dürfen.

Nun hat mit Haifa al-Mansur ausgerechnet eine Frau den ersten Spielfilm in dem Königreich gedreht. Ein leichtes Unterfangen war die Produktion nicht, obwohl das Projekt die Unterstützung der deutschen Produktionsfirma Razor Film ("Paradise Now", "Waltz with Bashir") sowie des saudischen Prinzen Walid bin Talal hatte.

Beim Dreh in konservativen Stadtvierteln musste al-Mansur im Produktions-Bus bleiben und per Walkie-Talkie mit ihrem Filmteam kommunizieren. "Männer und Frauen", erklärte sie bei der "Wadjda"-Premiere auf den Filmfestspielen von Venedig, "können sich nicht zusammen auf der Straße blicken lassen, besonders nicht, wenn die Frau den Männern Anweisungen gibt."

Es sind Geschichten wie diese, die man im Westen über Saudi-Arabien hören will. Dass „Wadjda“ aber gleich mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, liegt nicht nur am Pioniercharakter des Films. Der Regisseurin ist mit ihrem Spielfilmdebüt ein rührendes Werk gelungen, das die saudische Gesellschaft scharf kritisiert, dabei aber weder auf die Tränendrüse drückt, noch auf Konfrontation mit den konservativen Kräften im Land setzt.

Lila Schnürsenkel

Auch wenn Wadjda (Waad Mohammed) die Hauptfigur des Films ist, geht es ebenso sehr um ihre Mutter (Reem Abdullah). Anders als Wadjda, die mit abgewetzten "Converse"-Turnschuhen und lila Schnürsenkeln auch äußerlich die gesellschaftlichen Konventionen infrage stellt, ist die Mutter kein aufmüpfiger Charakter. Täglich lässt sie sich von ihrem Fahrer Iqbal zur Arbeit in einem weit entfernten Krankenhaus fahren. Zu Hause am Telefon tauscht sie den neusten Tratsch mit ihren Freundinnen aus – eine moderne Frau, geprägt von Normalität und Durchschnittlichkeit.

Ihre große Sorge: Wadjdas Vater will sich eine zweite Frau nehmen. Machtlos steht die Mutter den Heiratsplänen ihres Mannes gegenüber. Bei der Anprobe eines neuen Kleides fragt sie ihre Tochter: "Glaubst du, das wird deinem Vater gefallen?" Hübsch aussehen, das ist ihre einzige Waffe im Kampf um ihren Ehemann.

Kinoplakat 'Wadjda' von Haifa al-Mansur
Kindergeschichte als Gesellschaftskritik: "Wadjda" ist der erste saudische Spielfilm, der komplett in Saudi-Arabien gedreht wurde, einem Land, in dem Kinos seit den 1970er Jahren verboten sind.

​​Eine machtlose Ehefrau und ein Mädchen, das nicht Rad fahren darf – ist das nicht ein abgedroschener, zu erwartbarer Plot für einen Film aus Saudi-Arabien? Sicher. Doch al-Mansur macht hier nicht Halt. Sie zeigt vielmehr, dass das Bild der vom Mann unterdrückten Frau zu kurz greift. Anhand von Mutter und Tochter enthäkelt sie nach und nach das komplexe, von ungleichen Machtverhältnissen geprägte Beziehungsgeflecht, in dem sich ihre beiden Protagonistinnen bewegen.

Zum einen ist da noch Wadjdas Lehrerin. "Du erinnerst mich an mich selbst", erzählt sie Wadjda in einer Szene. Von dem rebellischen, eigensinnigen Mädchen scheint jedoch nicht viel übrig geblieben zu sein. "Die Schule", peitscht sie ihren Schülerinnen ein, "ist ein Ort des Lernens und der Moral". Lautes Lachen auf dem Schulhof? Verboten. Ja kein Mädchen darf an ihrer Schule aus der Reihe tanzen. Die Freiheiten, die ihr verwehrt blieben, sollen auch die Mädchen von heute nicht genießen.

Abhängig vom Gastarbeiter

Zum anderen ist da Iqbal, der Fahrer von Wadjdas Mutter. Als asiatischer Gastarbeiter steht er ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie Saudi-Arabiens. Für die Mutter aber, die selbst nicht Auto fahren darf, ist er unentbehrlich. Eines Tages, erzürnt durch Iqbals freche Bemerkungen und seine ständige Unpünktlichkeit, schreit sie ihn an: "Denkst Du, es gibt keine anderen Fahrer? Morgen suche ich mir einen besseren."

Wer ist hier der Schwächere? Der austauschbare Gastarbeiter oder die auf ihren Fahrer angewiesene saudische Frau? Jedenfalls sitzt die Mutter am nächsten Tag tatsächlich zu Hause fest. Sie habe "ein Problem mit der Anfahrt", entschuldigt sie sich verschämt bei ihrem Arbeitgeber per Telefon.

Auf die Spitze getrieben wird die ungleiche Machtverteilung, als Wadjda und ihr kleiner Freund Abdullah den Fahrer in seiner ärmlichen Gastarbeiterunterkunft aufsuchen. Sie wollen Iqbal zur Rückkehr überreden.

Der lehnt ab, und Abdullah droht ihm dafür zu sorgen, dass ihm das Arbeitsvisum für Saudi-Arabien verweigert werde. "Morgen fährst Du die Mutter wieder!", befielt der Junge dem Gastarbeiter. Mit einem Mal durchbrechen die unschuldigen Kinder die Grenze zur Erwachsenenwelt. Die Kindergeschichte wird zur Gesellschaftskritik.

Doch die kommt in Haifa al-Mansurs "Wadjda" geschickt nebensächlich daher. Es geht um Gastarbeiter, es geht um die Rechte der Frau, doch letztlich geht es doch um das grüne Fahrrad, mit dem Wadjda ihren kleinen Verehrer besiegen will.

"Wenn ich ein Rad habe und dich damit überhole", prophezeit sie ihm, "sind wir quitt!" Vielleicht spricht da die Regisseurin selbst aus der kleinen Wadjda. Mit ihrem Filmdebüt jedenfalls hat al-Mansur den Wettkampf ums saudische Kino vorerst für die Frauen entschieden.

Jannis Hagmann

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

"Wadjda", Saudi-Arabien/Deutschland 2012, Regie: Haifa al-Mansur. Mit Abdulrahman Al Gohani, Ahd Kamel, Reem Abdullah, Waad Mohammed u.a., 97 min., in Deutschland ab 15. August 2013 in den Kinos.

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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