Proteste von Türken und Deutschen in Berlin gegen die gewaltsame Auflösung von Protestkundgebungen in Istanbul; Foto: Ole Spata/dpa
Reaktionen auf Erdogan-Proteste in Deutschland

Im Clinch

Solidaritätsdemonstrationen mit den Gegnern der AKP-Regierung in der Türkei oder Schulterzucken: Die türkische Gemeinde in Deutschland verfolgt genau, was in Istanbul oder Ankara passiert - und ist tief gespalten. Eine Reportage aus Berlin von Naomi Conrad

Drei ältere Damen haben sich auf drei Plastikstühle im Schatten der Berliner Moschee zurückgezogen. Was halten sie von den Demonstrationen in Istanbul und im Gezi-Park? Zuerst schütteln sie misstrauisch den Kopf: "Nur türkisch!"

Eine junge Frau übersetzt die Frage, und eine Dame nickt so vehement, dass sie ihr geblümtes Kopftuch zurechtzupfen muss: "Istanbul, super!" Ihre Sitznachbarin schüttelt den Kopf, eine heftige Diskussion entbrennt, bis die drei Stühle wackeln. Irgendwann fällt das Wort "Demokrasi". Die junge Frau, die übersetzen soll, erklärt: "Sie sagen, dass es bald besser werden wird."

Aber was heißt eigentlich "besser"? Unterstützen sie die Demonstranten, die seit fast drei Wochen in Istanbul auf die Straße gehen? Diese vor allem jungen Leute, die ihr Leben so leben wollen, wie es ihnen gefällt - ohne die Einmischung der konservativen Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan? Oder wollen sie, dass Erdogan die Ordnung wieder herstellt, auch mit Polizeigewalt?

Die junge Frau zuckt mit den Schultern. Sie könne schon verstehen, warum junge Türken in Istanbul, aber auch in Ankara und anderen Städten protestieren – nämlich wegen der Religion: "Die Regierung will denen doch vorschreiben, was die zu machen haben", etwa mit der Einschränkung des Alkoholverkaufs, einem Kussverbot auf öffentlichen Plätzen oder einer restriktiven Abtreibungspolitik.

Eine Frau protestiert am 22.06.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) mit einem Plakat gegen Übergriffe auf Demonstranten in der Türkei; Foto: dpa/picture-alliance
Widerstand gegen Erdogans autoritären Regierungsstil: Eine Frau protestiert am 22.06.2013 in Köln mit einem Plakat gegen Übergriffe auf Demonstranten in der Türkei. Die Kundgebung wurde von der Alevitischen Gemeinde Deutschland organisiert.

​​In der Moschee würde ohnehin keiner zugeben, dass er Erdogan unterstützt – eigentlich nur auf Facebook. "Da zeigen viele ihr wahres Gesicht." Auch der Vorstand der Moschee will offiziell keine Stellung beziehen.

Mehr als 100.000 Türken leben in Berlin. Wer von ihnen zu Erdogan steht, ist unklar. Seine Kritiker sind offener: "Ich bewundere diese jungen Leute", sagt Gülcin Wilhelm, sie seien so oft provoziert worden.

'Altes' und 'neues' Istanbul

Die Autorin, die vor 36 Jahren als Studentin aus Istanbul nach Deutschland gezogen ist, zählt auf: Die Angriffe mit Tränengas und Wasserwerfern, die Verhaftungen, die brutale Räumung des Gezi-Parks, wo die Demonstranten eine Zeltstadt errichtet hatten. "Dass die immer noch keinen Stein in die Hand genommen haben!" Sie schüttelt ihre schulterlangen schwarzen Haare, nippt an ihrem Glas Tee.

Treffpunkt mit der Autorin ist die "Confiserie Orientale" in Berlin Mitte: Im Glastresen liegen kleingewürfelte, pastellfarbene Süßigkeiten, im Hintergrund klimpert türkische Musik. An den Wänden hängen schwarz-weiße Bilder des 'alten' Istanbuls, jenem Istanbul, in dem Gülcin groß geworden ist.

Nicht das 'neue' Istanbul von Erdogan, in dem die neue Mittelschicht ihren Reichtum mit immer neuen Häusern und Baustellen zeigt und in dem Religion und konservative Werte eine immer größere Rolle spielen. "Das ist nicht mehr meine Stadt", sagt sie. Sie fahre nur noch in die Türkei, wenn wieder eine Hochzeit anstehe oder eine Familienfeier. Im April war sie wieder dort – und hätte fast den Boden geküsst, als sie wieder in Berlin gewesen sei. Gülcin lacht.

Doch jetzt überlegt sie, vielleicht wieder nach Istanbul zu fahren - einfach so, wegen der Proteste. "Zum ersten Mal gefällt mir die Stadt wieder. Ich habe wieder ein Verhältnis zu Istanbul." Denn die jungen Leute geben ihr Hoffnung, dass es das liberale Istanbul ihrer Erinnerungen doch noch gibt. "Die schlummerten wohl nur, aber die waren wohl immer da." Sie lächelt. Denn können die jungen Leute ihre Forderungen nach mehr Demokratie, vielleicht sogar Neuwahlen durchsetzen, wäre das ein wichtiger Schritt für die Türkei, glaubt sie.

Drohende Eskalation?

Gülcin Wilhelm, türkistämmige Publizistin und Journalistin; Foto: DW
Furcht vor einer gewaltsamen Konfrontation zwischen Protestierenden und Sicherheitskräften in der Türkei: Gülcin Wilhelm, türkistämmige Publizistin und Journalistin und Autorin des Buches "Generation Koffer – Die zurückgelassenen Kinder"

​​Trotzdem hat Gülcin Angst, dass die Situation eskalieren könnte. Vor ein paar Tagen hat Erdogan gedroht, mit der Armee gegen die Protestierenden vorzugehen. Das hält auch Ismael für möglich. "Erdogan zeigt jetzt allen sein wahres Gesicht, das er den Kurden schon immer gezeigt hat." Der Kurde, der lieber nur seinen Vornamen geschrieben sehen möchte, meint damit die Unterdrückung, der die kurdische Minderheit in der Türkei lange Zeit ausgesetzt war.

Ismael engagiert sich in einem kurdischen Kulturverein in Berlin, neben ihm sitzt ein Mann, der in einer türkischen Zeitung blättert. Früher, sagt er, war er "Miliz", ein Mitglied der kurdischen Guerillaorganisation PKK, die in den frühen 1980er Jahren einen bewaffneten Krieg gegen den türkischen Staat führte. Seit vier Jahren lebt er in Berlin.

Anfang des Jahres haben die PKK und Erdogan einen Waffenstillstand geschlossen, vor ein paar Wochen sind die PKK-Kämpfer in den kurdischen Nordirak abgezogen. Ismael ist sich nicht sicher, dass sich Erdogan an das Abkommen halten wird. Überhaupt: Unter den Demonstranten in Istanbul seien viele Kurden. Sollte die Armee tatsächlich eingreifen, "dann werden die Kurden aufstehen". Mehr will Ismael nicht sagen.

Ece Yildirim glaubt nicht, dass es zur Eskalation kommen wird. Die Sozialarbeiterin organisiert zusammen mit ihren Freunden Solidaritätskundgebungen in Berlin: Demonstrationen, Vorträge an Unis, ein Protestzelt in Berlin – alles, um zu zeigen: "So geht das nicht". Sie hat über Facebook von den Demonstrationen gehört und noch am selben Tag ein Solidaritätskomitee gegründet.

Allerdings spalte Gezi die türkische Gemeinde in Berlin, gibt sie zu, und nicht alle schätzen ihr Engagement.

Die Reinigungskraft in ihrem Büro habe ihr erklärt, dass sie Eces Arbeit nicht in Ordnung findet: "Sie hat zu mir gesagt: 'Das schadet dem Ansehen unseren Landes!'" Ece seufzt. Dabei sei es wichtig, auch in Deutschland Solidarität zu demonstrieren: "Die deutsche Regierung hat immer angenommen, dass die Türkei ein demokratisches Land ist."

Sie lacht darüber, wie lächerlich sich diese Annahme für sie anhört. Doch Deutschland sei ein wichtiger Handelspartner der Türkei, und so könnte die deutsche Regierung Druck auf Ankara ausüben – darin liegt ihre Hoffnung.

Naomi Conrad

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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