Proteste gegen Gerichtsurteile in Port Said; Foto: Reuters
Reaktion auf Urteile zu Fußballkrawalle in Ägypten

Schmutziges Spiel

Ein Jahr nach den blutigen Krawallen im Stadion von Port Said ist die Bevölkerung der Hafenstadt entsetzt über die Bestätigung der Todesurteile und die drakonischen Strafen gegen gewalttätige Fußballfans. Karim El-Gawhary berichtet aus Port Said, wie die neuen Urteile die Gewalt in Ägypten weiter anheizen.

Gebannt blicken sie auf den Fernseher im Café "Al-Sheef" im Zentrum Port Saids. Es dauert einige Minuten bis der Richter in Kairo alle Urteile im Fußballkrawall-Drama verlesen hat. 21 Todesurteile, die man bereits im vergangenen Januar gegen Fans des Fußballclubs von Port Said verhängte, wurden erneut bestätigt. Fünf neue Todesurteile sind hinzugekommen, 28 Angeklagte wurden freigesprochen. Der Rest der 73 Angeklagten wurde zu Gefängnisstrafen von bis zu 25 Jahren verurteilt.

Bei dem politisch brisantesten Teil der Urteile gegen neun Polizisten, die angeklagt waren, die Fußballkrawalle im Stadion von Port Said im Februar letzten Jahres geschürt oder zumindest weggesehen zu haben, wurden zwei Beamte, darunter der Sicherheitschef von Port Said, zu 15 Jahren Haft verurteilt, der Rest der Beamten wurde freigesprochen.

Große Fische, kleine Fische

Viele der Anwesenden im Café brechen nach dem Bekanntwerden des Urteilsspruchs zusammen, schlagen sich auf den Kopf, schreien und weinen. Manche setzen sich schweigend auf den Boden. "Mein Bruder Islam Loma wurde zum Tode verurteilt, doch die großen Fische, die hinter dem Ganzen stecken, hat man erst gar nicht angeklagt", sagt einer der Anwesenden.

Gericht in Kairo bestätigt Todesstrafe wegen Fußballkrawallen; Foto: picture-alliance/AP
Anlass zu neuerlichen Protesten: Die ägyptische Justiz hatte am Samstag (9.3.) in Kairo die Todesurteile gegen 21 Angeklagte wegen der tödlichen Fußballkrawalle in Port Said bestätigt und gegen weitere Beteiligte teils langjährige Haftstrafen verhängt. Jedoch wurden sieben von neun Angeklagten aus den Reihen der Polizei freigesprochen.

​​Er wisse nicht, auf wen er mehr wütend sein soll - auf den Staat und die Regierung, die diese Urteile zulassen oder die Anhänger des gegnerischen Kaiorer Al-Ahli-Clubs, die solange keine Ruhe geben bis ihre 72 Toten am Tag der Fußballkrawalle mit 72 Toten in Port Said gesühnt sind, sagt er und bricht in Tränen aus.

Schon wenige Minuten nach der Urteilsverkündung versammelte sich eine wütende Menge vor dem Polizeihauptquartier im Zentrum der Stadt, das in den letzten Wochen immer wieder Schauplatz blutiger Proteste gewesen war. Die Polizeiwache war am Vorabend des Urteils in weiser Voraussicht verlassen worden. Die Polizei hatte sich auf Befehl des Innenministeriums aus der Stadt zurückgezogen. Seitdem patrouilliert das Militär auf den Straßen.

Das war wohl einer der Hauptgründe, warum es nach dem Urteil diesmal in Port Said relativ friedlich blieb. Das Militär, eng mit den Suezkanal-Städten verbunden, wo ein Großteil der ägyptischen Truppen stationiert ist, wird gegenwärtig von den Menschen als Ordnungsmacht akzeptiert.

Vor der Polizeiwache diskutieren Militäroffiziere mit der aufgebrachten Menge. Auch Hosni El-Kheiyat ist gekommen. Er ist blind und wird von einem jungen Mann über den Platz geführt. "Mein einziger Sohn wurde jetzt zu lebenslänglicher Haft verurteilt! Er war noch nicht einmal 18 Jahre alt, als er festgenommen wurde", erzählt er, während seine Augen starr ins Leere blicken und die Tränen über das Gesicht laufen.

Sein Sohn sei nur für kurze Zeit neben dem Stadion einen Saft trinken gegangen und wurde schließlich willkürlich verhaftet. Er interessiere sich gar nicht für Fußball, sagt er. "Bei Gott, er ist unschuldig", ruft El-Kheiyat während er ein Foto seines Sohnes aus einer kleinen Mappe zieht und hochhält. Es zeigt einen noch fast kindlich wirkenden jungen Mann, der voraussichtlich erst in 25 Jahren das Gefängnis verlassen wird.

Willkürliche Verhaftungen

Tatsächlich werden in der ägyptischen Presse immer wieder Polizeioffiziere zitiert, die erzählen, dass es willkürliche Verhaftungen gegeben habe, darunter seien auch solche Personen gewesen, von denen die Polizei nur mutmaßte, dass sie hinter den Krawallen stecken könnten. "Wir haben hunderte Personen verhaftet, und es gut möglich, dass einige Unschuldige unter ihnen waren, die dann verurteilt wurden", wird einer der Polizisten zitiert.

Muhammad Schahata ist ein prominenter Mann in der Stadt. Jeder in Port Said kennt ihn besser unter dem Namen "Abu Hommus". Er ist der Vater eines jungen Mannes, der Anführer des Fanclubs Port Said war und dessen Todesurteil nun bestätigt wurde. Fast pausenlos wird Abu Hommus von Menschen auf der Straße begrüßt und umarmt. Er behauptet mit seinem Sohn im Stadion gewesen und anschließend nach Hause gegangen zu sein.

Jubel von Al-Ahli-Fans über das Urteil des Port Said Criminal Courts in Kairo; Foto: AFP/Getty Images
Freude und Genugtuung über das Urteil der Richter: Die als "Ultras" bekannten Anhänger des Kairoer Clubs "Al-Ahli" werfen der Polizei vor, bei der Stadionrandale vom Februar 2012 nicht energisch eingegriffen zu haben. Sie verlangten deshalb harte Urteile gegen die beteiligten Anhänger des Fanclubs in Port Said.

​​"Von den vielen Toten haben wir erst aus dem Fernsehen erfahren", erzählt er. Die meisten seien zertrampelt und zerquetscht worden, weil das Stadiontor auf der Seite der Al-Ahli-Fans zugeschweißt gewesen war. "Das haben wir alle nicht mitbekommen", meint Abu Hommus. Ein Woche darauf wurde sein Sohn von der Polizei abgeholt.

Scharfschützen gegen Demonstranten

Abu Hommus stand am 26. Januar beim ersten Urteil noch vor dem Gefängnis, im festen Glauben, seinen freigelassenen Sohn abholen zu können. Als dann die Todesurteile verkündet wurden, begannen die Auseinandersetzungen in Port Said. Von den Dächern wurde damals scharf geschossen. Ein junger Mann habe ihm noch zugerufen: "Abu Hommus geh' nach hinten, das ist zu gefährlich", als dieser in den Kopf geschossen wurde und neben ihm zusammenbrach.

"Sie haben Scharfschützen eingesetzt", ist sich Abu Hommus sicher. "Die meisten Toten an diesem Tag starben durch gezielte Kopf-, Nacken- und Herzschüsse." Er selber sei beim Militär gewesen und wisse genau, wie das funktioniere, erzählt er.

Unfairer Prozess

Das ganze Verfahren sei alles andere als fair gewesen, fasst Abu Hommus den Fußballkrawall-Prozess zusammen. Die Mehrheit der Ägypter seien El-Ahli-Fans. Und die galt es mit diesem Urteil auf Kosten des kleinen Port Said zu beruhigen, glaubt er.

Abu Hommus kündigte mittlerweile an, mit seiner Kampagne des zivilen Ungehorsams in Port Said weiterzumachen, durch die seit Wochen ein Großteil der Läden, staatlichen Institutionen und Schulen geschlossen ist.

"Wir hören erst auf, wenn unsere Forderungen erfüllt sind, der Fall der Stadionkrawalle neu aufgerollt wird und die Verantwortlichen für den Tod der Menschen in Port Said während der Zusammenstöße zur Rechenschaft gezogen sind – allen voran, der Innenminister sowie der Präsident und Muslimbruder Mohammed Mursi", sagt er.

Das Regime schlägt zurück

In einem Punkt sind sich die Menschen in Port Said mit den Al-Ahli-Fans einig: Die Sicherheitskräfte hätten bei den Krawallen ein schmutziges Spiel betrieben. Die Al-Ahli-Fans zählten zur vordersten Front im Aufstand gegen Mubarak und die ägyptische Polizei hatte einige Rechnungen mit ihnen offen. "Sie haben uns benutzt, um den Al-Ahli-Fans eins auszuwischen!", meint Abu Hommus. Auch er berichtet das, was sich viele Fans von Al-Ahli und Port Said erzählen.

Ausschreitungen nach der Urteilsverkündung in Port Said; Foto: Reuters
Eine Stadt im permanenten Ausnahmezustand: Bei Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Protestlern gegen das Urteil waren bereits im Januar in Port Said 31 Menschen getötet und über 300 verletzt worden. Auch bei der Beisetzung der Todesopfer der Stadion-Katastrophe war es im Januar zu Ausschreitungen gekommen.

​​Am Tag des Spieles gab es nur ein geringes Polizeiaufgebot im Stadion und auch keinerlei Kontrollen. "Das ist insofern merkwürdig, weil die Sicherheitskräfte normalerweise jede Wasserflasche und Zigarettenschachtel aufmachen", erzählt Abu Hommus. Auch er gibt die Geschichte von jenen "Auswärtigen" wieder, die mit Bussen zum Stadion herangekarrt wurden und weder den Al-Ahli- noch den Port-Said-Fans bekannt waren. "Uns wurde die Schuld zugeschoben und die Al-Ahli-Fans waren tot. Da haben sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen", glaubt er, wie viele in Port Said, die jegliche Täterrolle bei den Krawallen von sich weisen.

Hohn über die zum Tode Geweihten

Eine Versöhnung mit den Al-Ahli-Fans kann sich Abu Hommus, wie die meisten in der Stadt, allerdings nicht vorstellen. "Sie haben in Kairo über unsere Leichen und unsere zum Tode Verurteilten getanzt, das kann man nicht so einfach vergeben", meint er dazu.

Während einer der Demonstrationen taucht plötzlich ein junger Mann aus der Menge auf. "Ich bin die Nummer 21 der zum Tode Verurteilten – in Abwesenheit", skandiert er. Der 28-jährige Mahmud Salah hatte von seinem eigenen Todesurteil vom vergangenen Januar aus dem Fernsehen in Freiheit erfahren. "Ich bin nach der Hälfte des Spieles ins Café gegangen, dafür gibt es Zeugen", sagt er.

Mehrmals sei er verhaftet und wieder freigelassen worden. Vier Tage vor dem Urteil sollte er sich dann erneut bei der Wache melden. "Ich bin dann einfach nicht hingegangen. Doch seitdem bin ich auf der Flucht und schlafe keine Nacht zu Hause. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll", erklärt er noch. Dann verschwindet er wieder in der demonstrierenden Menge, geschützt von Menschen aus Port Said, die ihn kennen, weit entfernt vom Zugriff der Polizei, die die Hafenstadt am Suezkanal wohl inzwischen aufgeben hat.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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