Burj Khalifa in Dubai; Foto: dpa
Rainer Hermanns ''Die Golfstaaten''

Wohin geht das neue Arabien?

Während in den Kernländern der arabischen Welt die Menschen gegen Stagnation aufbegehren, präsentiert sich der Golf als Speerspitze der Modernisierung. Von den Errungenschaften und Schattenseiten dieses Aufstiegs berichtet der Nahost-Korrespondent Rainer Hermann in seinem neuen Buch. Claudia Mende hat es gelesen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate und die Kleinstaaten am Golf wurden vom Rest Arabiens lange als kulturlose Peripherie verachtet. Man schaute mit Hochmut auf die neureichen Vettern auf der Arabischen Halbinsel. Doch in den 1971 zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammen geschlossenen sieben Fürstentümern hat ein Aufbruch in die Moderne stattgefunden, von dem die kulturellen Zentren des "alten Arabien" weit entfernt sind. Längst laufen die jungen Stadtstaaten Dubai, Abu Dhabi, Kuwait und Qatar den einstigen Machtzentren Ägypten, Syrien und dem Irak in puncto Wirtschaftskraft und politischer Bedeutung den Rang ab.

Die früheren Kernregionen der arabischen Welt stehen zwar für eine große Geschichte, aber nicht gerade für eine dynamische Gegenwart. Auf den Gegensatz zwischen "altem" und "neuem" Arabien hat Rainer Hermann sein Buch über die Golfstaaten aufgebaut. Es ist keines jener schnell produzierten Werke zum Arabischen Frühling, die die Verlage zur Zeit gerne auf den Markt werfen.

Im Gegenteil, es ist gründlich recherchiert und das Ergebnis jahrelanger Korrespondenten-Tätigkeit Hermanns, der seit 2008 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Abu Dhabi berichtet. Ganz ohne die "Arabellion" geht es aber auch nicht, deshalb stellt ein Anfangskapitel den Bezug zu den arabischen Protestbewegungen her.

Dubai: Traumland vieler Araber

Während in den traditionellen Kernländern der arabischen Welt die Menschen gegen Stagnation und verkrustete Strukturen aufbegehren, präsentiert sich der Golf als Speerspitze der Modernisierung. Mit Ausnahme Bahrains ist die Protestbewegung an den Golfstaaten fast vollständig vorbei gegangen. Dagegen sind ihre Medien wie der TV-Sender Al-Jazeera aus dem kleinen Qatar, das selbst auch nicht demokratisch regiert wird, zum Sprachrohr der Revolution geworden.

Rainer Hermann; Foto: Helmut Fricke
FAZ-Korrespondent Rainer Hermann interessiert sich in seinem Buch auch für die Schattenseiten des wirtschaftlichen und politischen Aufstiegs am Golf.

​​Kenntnisreich und detailliert schildert Hermann, wie der Golf vom Beduinenstaat zum hypermodernen Zentrum der modernen Weltwirtschaft aufsteigen konnte: Innerhalb einer Generation haben die Golfbewohner einen Quantensprung bewältigt, der seinesgleichen sucht. Der Islamwissenschaftler und Volkswirt erläutert die unzähligen Facetten aus Bereichen wie Stadtplanung, Kultur, Ökologie, Gesellschaft und Geschichte, die in dieser Erfolgsgeschichte zusammenfließen.

Der Leser erfährt von den Gesundheitsproblemen durch den neuen Reichtum der Golfaraber oder von der Immobilienblase in Dubai. Kleiner Schönheitsfehler: Die Reportagen, die an die einzelnen Kapitel angehängt sind, sind bereits in der FAZ erschienen, so etwa die Reportage über Dubais ausländische Arbeiter, die um ihre Arbeitsrechte kämpfen oder die Begeisterung für klassische Musik in Abu Dhabi.

Als treibende Kraft in den Emiraten erweist sich vor allem Dubai. Die Stadt ist für Hermann zum Synonym dessen geworden, was Araber leisten können, wenn man ihnen die Freiheit lässt. Die so oft als "Disneyland" verspottete Metropole ist zum Traumland der Araber avanciert, so wie einst Amerika im 19. Jahrhundert das ersehnte Ziel verarmter Europäer war. Hier ist eine Symbiose von Kapitalismus und Islam entstanden, die Hermann bewundert, ohne ihre Schattenseiten und Wider-sprüche auszusparen. Im Gegensatz zu anderen Erdölförderländern wie Libyen ist es am Golf gelungen, die Einnahmen aus dem lukrativen Erdölgeschäft in die lang-fristige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zu stecken.

Für den FAZ-Journalisten ist der Aufstieg Dubais zur Metropole ein Ergebnis strategischer Planung und Voraussicht der Herrscherfamilie. Mit gezielten Investitionen in Logistik, Infrastruktur, Immobilien und Finanzdienstleistung hat sich die Stadt zur internationalen Drehscheibe im Handel zwischen Europa und Asien entwickelt. Nicht zuletzt hängt das auch mit einem pragmatischen Verständnis vom Islam zusammen, das bis heute die Golfstaaten prägt, obwohl äußere Formen der Frömmigkeit wichtiger geworden sind.

Codewort für Freiheit

Hermann erklärt das damit, dass in einer beduinischen Gesellschaft islamische Prediger keine bedeutende Rolle gespielt haben. Man konnte sie sich früher oft nicht leisten und ihr Ansehen war gering. Eine wichtige Errungenschaft am Golf ist deshalb auch die offene Gesellschaft, die von Arabern anderer Länder ungemein geschätzt wird. Der Name Dubais wurde zum Codewort für Freiheit und die Erfüllung persön-licher Träume und erinnert heute mehr an Amerika als an die arabische Welt.

Arbeiter vor Scheich-Said-Moschee in Abu Dhabi; Foto: dpa
Land der Extreme: Die Emirate beheimaten mit der Scheich-Said-Moschee nicht nur die drittgrößte Moschee der Welt; mit dem höchsten "ökologischen Fußabdruck" der Welt erhielten sie auch eine zweifelhafte Auszeichnung durch den WWF.

​​Das wichtigste Merkmal Dubais ist eine Beliebigkeit ohne eigene Identität, ohne lokalen Bezug, ohne Authentizität. Dubai könnte überall sein, die Stadt ist der "Idealfall der Globalisierung" und gleichzeitig ein Musterbeispiel für ökologischen Wahnsinn. Das zeigt sich an Skipisten in der Halle bei Außentemperaturen von vierzig Grad. Ökologisch leben die Emirate in einer Weise über ihre Verhältnisse wie sonst kein Staat auf der Welt.

Abu Dhabi hat im Jahr 2010 vom World Wildlife Fund (WWF) die zweifelhafte Auszeichnung des höchsten "ökologischen Fußabdrucks" erhalten. Der "Fußabdruck" gibt an, wie viel rechnerische Fläche ein Individuum verbraucht, um seinen Lebensstandard dauerhaft zu ermöglichen. Da hilft auch Abu Dhabis Öko-Vorzeigeprojekt Masdar City nicht wirklich weiter, denn es kann nicht eine Wasser- und Energieverschwendung kompensieren, wie sie sonst nur noch in den USA grassiert.

Hermann schildert Errungenschaften wie Schattenseiten des Aufstiegs am Golf ausführlich, er ordnet ein und beschreibt Zusammenhänge, kommentiert aber nur zurückhaltend.

Das neue außenpolitische Schwergewicht Qatar

​​Zurück zur arabischen Protestbewegung: Im Oman wurden Demonstranten verhaftet, ansonsten hat sich am Golf – mit Ausnahme Bahrains - bis jetzt kaum Widerstand geregt. In Qatar gab es noch nicht einmal eine Petition an das Herrscherhaus der al-Thani, geschweige denn eine Demonstration.

Das liegt nicht nur am großen Wohlstand in der Region, sondern auch an einer besseren Regierungsführung mit ihrer Modernisierung von oben. Eine echte Gewaltenteilung oder umfassende Pressefreiheit gibt es hier aber nicht.

Im März 2011 gab es zum ersten Mal politische Gefangene in den Emiraten - was aus ihnen geworden ist, erfährt man leider nicht. Trotzdem hat sich im Jahr der arabischen Proteste das Gravitationszentrum im Nahen Osten weiter an den Golf verschoben, wo vor allem das kleine Qatar, kaum größer als Hessen, zu den neuen außenpolitischen Schwergewichten gehört. Qatar, für Hermann eine "Familienshow der al-Thani", hat eine Hauptrolle bei der Mobilisierung der Staatengemeinschaft gegen Gaddafi übernommen.

Bei der Internationalisierung des Konflikts in Syrien spielt Qatar allerdings eine eher zweifelhafte Rolle. Ob sich der Emir in Syrien nicht überhebt, wird sich noch zeigen müssen. Hermanns Buch über die Golfstaaten ist eine Pflichtlektüre für alle, die sich für die politische Entwicklung am Golf und ihre Hintergründe interessieren.

 

Claudia Mende

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

Rainer Hermann: "Die Golfstaaten. Wohin geht das neue Arabien?". Dtv premium, München 2011.

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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