Projekt Mapping Democracy: Podium in den Münchner Kammerspielen; Foto: Judith Buss
Projekt ''Mapping Democracy''

Mehr demokratische Teilhabe gewünscht

Auf Einladung des Goethe-Instituts diskutierten am letzten Sonntag in den Münchner Kammerspielen Künstler und Wissenschaftler aus Ägypten, Spanien und Deutschland über Protest und Partizipation in ihren Ländern. Claudia Mende war dabei.

Es ist ein multimediales Experiment: Per Live-Videoschalte diskutierten am Sonntag (26.11.) Künstler und Wissenschaftler aus Kairo, Madrid und München über die Zukunft von demokratischer Teilhabe und Protestformen.

Die deutsche Veranstaltung fand auf Einladung des Goethe-Instituts und seiner Projektpartner in den Münchner Kammerspielen statt. Die Besucher des renommierten Münchner Theaters konnten dabei ihre Fragen an Moderatorin Geraldine de Bastion auch per Twitter übermitteln.

Die Aktion war Auftakt der Veranstaltungsreihe "Mapping Democracy", die einen globalen Dialog in Echtzeit ermöglichen will. Dabei wurde bereits am Anfang klar: Demokratie ist immer ein gefährdetes, nie vollkommen erreichtes Ideal. Und die Unzufriedenheit mit den Regierenden ist auch in Europa groß, während in Ägypten die Revolution gerade in ihre nächste Phase geht.

Vertrauensverlust in die Demokratie

Demonstration auf dem Tahrirplatz in Kairo; Foto: dpa/picture-alliance
Mythos Facebook-Revolution: Die Rolle digitaler Medien für die Protestbewegung auf dem Tahrirplatz in Ägypten 2010 wird überschätzt, denn die Proteste nahmen erst Fahrt auf, nachdem das Internet gekappt worden war.

​​In Europa haben die Menschen in der Finanzkrise den Glauben an die Gestaltungsmacht der Demokratie verloren. Gab es in früheren Jahrzehnten Parteien, die sich anhand ihrer Wahlprogramme als entweder links oder konservativ zu erkennen gaben, so erscheint ihre Programmatik heute oft austauschbar.

"Die Politik hechelt den Finanzmärkten und ihrer weltumspannenden Logik hinterher", so der spanische Politikwissenschaftler und Analyst Jordi Vaquer Fanés. In Spanien hat vor allem die Gruppe 15-M großen Erfolg mit neuen Formen des Protests, weil sie sich nicht nur gegen politische Parteien sondern auch gegen Banken und Konzerne wendet. In Deutschland gebe es zwar auch eine weit verbreitete Unzufriedenheit, sie richte sich aber vorrangig gegen lokale Ereignisse und wolle allzu oft den Status quo konservieren, so der deutsche Soziologe Hartmut Rosa.

Die Proteste wendeten sich häufig gegen den Bau von Bahnhöfen, Startbahnen, Stromtrassen und Moscheen – getrieben von der Angst, vorhandenen Wohlstand zu verlieren.

Fragiler Übergang zur Demokratie

In Ägypten dagegen zeigt sich angesichts neuer Proteste auf dem Tahrirplatz, wie fragil der Übergang zur Demokratie ist. Um eine neue Verfassung wird seit Monaten ohne Aussicht auf Einigung gerungen und das gewählte Parlament wurde per Dekret des Militärrats im Juni 2012 wieder aufgelöst. Neuwahlen sind nicht in Sicht.

Die beiden ägyptischen Künstlerinnen auf dem Podium in Kairo, die Regisseurin Hala Galal und die Tänzerin und Choreografin Karima Mansour, waren sich einig, dass Demokratie nicht das alleinige Ziel ist, sondern vor allem ein Instrument für die Teilhabe der Ägypter an der Gestaltung ihres Landes.

 

Karima Mansour, die künstlerische Leiterin des Cairo Contemporary Dance Centre, hat sich mit anderen zu einer Gruppe unabhängiger Künstler zusammen geschlossen, die am Umbau des ägyptischen Kulturministeriums mitarbeiten wollen, dort aber auf Granit stoßen.

Ihre Anliegen auf Transparenz im Kulturetat werden von den Verantwortlichen im Ministerium abgelehnt. Diese Kluft zwischen Volk und Herrschen ist für Karima Mansour jedoch überall auf der Welt anzutreffen, nicht nur in Ägypten: "Ich glaube, wir reden alle von der gleichen Sache, auch wenn wir manchmal verschiedene Terminologien benutzen. Es geht um die Überwindung dieses tiefen Grabens zwischen den Institutionen der Regierung und dem Volk."

Soziale Medien und Demokratie

Die neue sozialen Medien brächten den Bürgern dabei per se noch nicht mehr Partizipation am politischen Prozess, so die einhellige Meinung der Experten. Für Hartmut Rosa ist eine Äußerung auf Twitter oder Facebook noch kein echter Diskurs, wie er zur demokratischen Entscheidungsfindung notwendig ist. Die sozialen Medien seien zwar wichtig, aber es gebe bisher noch keine Lösung, "wie man sie für die demokratische Willensbildung gezielt nutzen kann".

Polemische Meinungsäußerungen - wie sogenannte "Shitstorms" - seien nicht repräsentativ, sondern oft nur die Meinung einer meist lautstarken Minderheit. Für den Theatermacher Stefan Kaegi erfüllt auch im digitalen Zeitalter das Theater in Umbruchzeiten noch immer eine wichtige Funktion:

"Ich war 2001 in Argentinien, zur Zeit der großen Krise dort. Die Leute sind wie verrückt ins Theater gerannt, weil das eben ein Ort war, wo man das Gefühl hatte, es bedeutet etwas, dass wir miteinander diskutieren, weil man auf Leute traf, die mit gestalten wollten." Und im besten Fall werde daraus dann auch etwas, das "in die Welt draußen fließt".

Claudia Mende

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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