Privatsphäre nirgendwo - Wie 1.400 Flüchtlinge auf einem ehemaligen eingezäunten US-Militärgelände leben müssen

06.07.2018

Die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken für Flüchtlinge in Bamberg hat für Bundesinnenminister Seehofer Modellcharakter für die geplanten Ankerzentren. Für Betroffene und deren ehrenamtliche Helfer ist sie vor allem eines: unmenschlich. Von Pat Christ

Nachts joggt Andrew (Name geändert). Wenn sich die anderen zur Ruhe begeben haben, wenn sie versuchen zu schlafen, wenn er niemanden mehr hat, mit dem er reden kann, schnürt Andrew seine Laufschuhe. Er läuft im «Camp», wie die Flüchtlinge die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken in Bamberg nennen. Oder er läuft aus dem Camp hinaus in die Stadt. Andrew läuft seinen Gedanken davon: «Ich kann schon lange nicht mehr ohne Licht einschlafen.»

Andrew ist einer von rund 1.400 Menschen, die in der Aufnahmeeinrichtung auf einem ehemaligen Gelände der US-Army leben. Seit zwei Jahren ist das Camp nicht nur Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber, sondern auch Ankunftszentrum. Deshalb ist in Bau C auf dem Gelände in der Buchenstraße eine Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge untergebracht. Das Asyl-Team des Bamberger Amts für soziale Angelegenheiten, das Verwaltungsgericht und die Zentrale Ausländerbehörde befinden sich ebenfalls auf dem riesigen Gelände.

Damit kommt die Aufnahmeeinrichtung der Idee von «Ankunfts-, Entscheidungs- und Rückführungszentren» des Bundesinnenministeriums so nahe, dass sie als Modell für die sogenannten Ankerzentren dient. Bald soll sie offiziell ein Ankerzentrum sein. Anfang Juni beschloss das bayerische Kabinett, dass in jedem Regierungsbezirk solch ein Zentrum geschaffen werden soll. Bis zum 1. August soll es eine entsprechende Vereinbarung mit dem Bund geben. Zwischen 1.000 und 1.500 Personen sollen jeweils in den Zentren untergebracht sein.

Andrew lebt seit sieben Monaten in der Aufnahmeeinrichtung. Er floh aus Nigeria - einem Land, in dem die Terrormiliz Boko Haram einen blutigen Kampf gegen Regierung und Volk führt. Er sei gefangen genommen worden und habe versucht, zu fliehen, erzählt Andrew. Da hätten sie auf ihn geschossen. Andrew hält kurz seine linke Hand hoch. Drei Finger fehlen. Die mussten nach der Schießerei amputiert werden. Wird es stockdunkel um ihn, sieht Andrew immer wieder diese Szenen.

Viele, die in der Aufnahmeeinrichtung leben, kommen nachts nicht zur Ruhe. Denn nachts kommt die Polizei. Schätzungsweise einmal in der Woche fährt ein Polizeiauto ins Camp und holt einen der Bewohner ab, berichtet Mirjam Elsel, Pfarrerin in Hirschaid-Buttenheim und Koordinatorin für die Arbeit mit Flüchtlingen im Dekanatsbezirk Bamberg. «Bis vor kurzem geschah das sogar mit Blaulicht, so dass es wirklich jeder in der Aufnahmeeinrichtung mitbekommen hat», erzählt sie. Dagegen hatten Flüchtlingsorganisationen protestiert. Ob sie es jetzt anders machen, weiß Elsel nicht. Sie ist nachts nicht im Camp.

Die Pfarrerin ist meist nur dann in der Einrichtung, wenn sie einen Flüchtling, der bei ihr in der Kirchengemeinde lebt, zur Zentralen Ausländerbehörde im Camp begleitet. Auch dann kommt die Pfarrerin nicht einfach so in die Einrichtung hinein. Sie muss ihren Pass abgeben und wird von der Security begleitet.

Journalisten ist der Zutritt verwehrt. Besuche von Pressevertretern seien nur bei Sammelterminen möglich, erklärt die Bezirksregierung von Oberfranken. Termine dafür werden immer erst kurz vorher bekanntgegeben. Und der Tross ist dann meist so groß, dass intensive Gespräche oder Einzelgespräche mit Asylsuchenden kaum möglich sind. Als «Safari» bezeichnen einige Teilnehmer des Pressetermins die Art und Weise des Rundgangs.

Auch Mirjam Elsel ist gehalten, mit den Geflüchteten nur zu den Behörden zu gehen: «Dass wir Leute in ihren Wohnungen besuchen, wird nicht gern gesehen.» Aber natürlich war die Pfarrerin schon manchmal in den Wohnungen. Sie sind etwa 100 Quadratmeter groß, meist mit einem sehr großen Zimmer, in dem oft sechs bis sieben Leute leben.

«Die Küchen haben sie überall ausgebaut», sagt Elsel. Die Menschen können sich also dort kein Essen zubereiten. Erst habe die Regierung durchsetzen wollen, dass überhaut keine Lebensmittel in den Wohnungen sein dürfen, erzählt Elsel. Das habe sie aber wieder aufgegeben. Denn die Kinder haben auch dann Hunger, wenn die Kantine geschlossen hat.

Kinder gibt es viele im Camp. Andrew wohnt mit drei Kindern aus Nigeria zusammen. Eines ist nur eine Woche alt. Insgesamt leben 19 Menschen in der Wohnung mit vier Zimmern, der er zugeteilt worden ist: 16 Erwachsene und drei Kinder.

Die größeren Kinder gehen im Camp in die Schule. Angebote für Vorschulkinder gibt es nicht. Der Bamberger Verein «Freund statt fremd» wollte eine Spielstube organisieren. Doch das war schwierig, sagt Vereinsmitglied Thomas Bollwein: «Plötzlich hatten die Ehrenamtlichen 40 Kinder zu betreuen, das war kaum zu leisten.» Jetzt im Sommer ist die Spielstube geschlossen.

«Mit das Schlimmste ist, dass es keinerlei Privatsphäre gibt», sagt Markus Ziebarth von der Caritas, die dort Asylsozialberatung anbietet. Es gebe keine abschließbaren Räume, keine Schließfächer. Privateigentum sei völlig ungeschützt. Oft wird geklaut.

Die einzige Ausnahme stellt das Gebäude für allein reisende Frauen dar: «Hier ist zumindest die Haustüre abschließbar.» Die Frauen müssten aber, wenn sie das Gebäude betreten, daran denken, sich umzudrehen und abzusperren. Denn die Tür fällt nicht automatisch ins Schloss. Viele vergessen das: «Daran merkt man, mit wie wenig Elan das Thema 'Schutz' verfolgt wird», sagt Ziebarth.

Der «Gipfel der Unverschämtheit» bestehe darin, dass Familien mit alleinreisenden Männern zusammenpfercht werden: «Weil die Familien eine beruhigende Wirkung auf die Männer hätten.» Auch seien die Wohnungen viel sauberer, sagt die Regierung: «Doch das geht zulasten der Frauen, die sorgen dafür, dass es sauber ist.»

«Wir sind im Moment 20 in einer Wohnung», erzählt Even (Name geändert), der vor drei Jahren aus Eritrea floh. Zu sechst lebt er mit anderen in einem Raum. Die 20 Bewohner teilen sich eine Dusche und eine Toilette. Toilettenpapier wird rationiert ausgegeben. Auch Even schläft nachts kaum. «Ich gehe spazieren», erzählt der 21-Jährige. Schlaftabletten will er nicht nehmen. Irgendwann ist der junge Mann so müde, dass er einschläft.

Das klappt bei Andrew nicht mehr. Andrew schluckt seit sieben Monaten Schlaftabletten. Die nimmt er nachmittags. Nach dem Basisdeutschkurs in den Räumen von «Freund statt fremd». Nach dem Kurs geht er zurück ins Camp, nimmt die Medizin ein, schläft einige Stunden, dann ist es Abend. Später joggt er wieder.

Andrew und Even haben inzwischen ihren Ablehnungsbescheid erhalten. Beide rechnen damit, dass sie eines Nachts geholt werden. Andrew hat sich zwar einen Anwalt genommen und will klagen. Doch er erwartet, dass ihm das nichts nützt.

Weil sie Angst haben, geholt zu werden, tauchen manche Bewohner nachts bei anderen unter. «Dann können schon mal 25 Leute in einer Wohnung sein», sagt Pfarrerin Elsel. Verboten ist das nicht. Im Camp darf sich jeder frei bewegen: «Es ist ja kein Gefängnis.»

Die Angst, die alle haben, erzeuge eine unglaubliche Spannung im Camp. Und die bekomme jeder mit, der sich ein kleines bisschen länger dort aufhalte, sagt Thomas Bollwein. Diese ständige Angst, verbunden mit der Perspektivlosigkeit, verändere die Bewohner, sagt Elsel: «Es ist absolut erschreckend, was in einem einzigen Jahr aus den Menschen wird.» Immer wieder erzählt man ihr von Suizidversuchen. Immer wieder müssten Bewohner in die Psychiatrie eingeliefert werden.

Die angstvolle Spannung steht im Widerspruch zur sommerlichen Idylle, die das Gelände ausstrahlt. Alles ist grün. Die Häuser sind im guten Zustand. Ohne die Absperrzäune und den dreifachen Stacheldraht könnte man sich durchaus vorstellen, hier zu leben. «Das Areal ist in Ordnung», bestätigt Mustapha (Name geändert), der seit Mai in der Aufnahmeeinrichtung lebt. Derzeit teilt er sich ein Zimmer mit sechs anderen Männern aus Nigeria. Das erträgt er noch. Richtig schlimm ist für ihn das Essen: «Dauernd gibt es Pasta, jeden Abend Brot.» Er kann sich nicht selbst verpflegen. Wie die meisten Campbewohner muss er mit 100 Euro im Monat auskommen.

«Beim Essen zeigt sich, in welchem Maße die Menschen dadurch zermürbt werden sollen, dass ihnen jegliche Selbstbestimmung genommen wird», kommentiert Elsel. Während Mustapha vor dem Camp über sich erzählt, kommt ein Wachmann an den Zaun gerannt. Es sei verboten, vor dem Zaun zu stehen und zu sprechen, lässt er von seiner Chefin ausrichten - auf Englisch. Mustapha erzählt weiter, ignoriert die Anweisung des Mannes. Er steht auf öffentlichem Grund außerhalb des Camps. (epd)

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