Ex-Kricketstar Imran Khan; Foto: AP
Porträt Imran Khan

Pakistans Traumfänger

In Pakistan gewinnt der Ex-Kricketstar und Populist Imran Khan zunehmend Anhänger. Sein Aufstieg verdeutlicht die grassierende Unzufriedenheit mit der derzeitigen Führung. Von Marcus Michaelsen

Neunzig Tage, mehr Zeit gibt Imran Khan sich nicht, um die Korruption in Pakistan zu beseitigen. Ginge es nach ihm, müssten alle Politiker ihre Guthaben schon jetzt öffentlich machen. Unter seiner Regierung wären Bescheidenheit und Transparenz an der Tagesordnung.

Auch zu einem anderen Problem des Landes hat der frühere Kricketstar eine klare Meinung: Terroranschläge und Extremismus könnten nur durch eine Auflösung der Allianz mit den USA beendet werden. Drohnenangriffe und Militäraktionen in der Grenzregion zu Afghanistan förderten den Zulauf zu militanten Gruppierungen, die Souveränität Pakistans aber werde gegen amerikanische Finanzhilfen verkauft.

Die einfachen Lösungen Imran Khans finden Gehör. In den letzten Monaten haben die Kundgebungen des Chefs der "Pakistanischen Gerechtigkeitsbewegung" (PTI) bis zu 100.000 Menschen angezogen.

An der Spitze eines Tsunamis

Muhammad Iqbal; Foto: Muhammad Iqbal Academy
Balance zwischen Authentizität und Moderne: Muhammad Iqbal, der Vordenker des Reformislam, gilt Imran Khan als Vorbild seiner politischen Visionen.

​​Khan hat die PTI vor 15 Jahren gegründet, saß aber bislang eher auf der politischen Ersatzbank. Die Unzufriedenheit mit der derzeitigen Regierung unter Präsident Zardari lässt die Zahl seiner Anhänger jedoch steigen. Mit Blick auf die für 2013 angesetzten Wahlen sieht Khan seinen Moment für gekommen und will an der Spitze eines "Tsunamis" das Land verändern.

Seine hartnäckig anmutende Zuversicht schöpft Imran Khan aus einem Lebensweg, den wohl kein anderer Politiker des Landes aufweisen kann. Als Kapitän der Nationalmannschaft holte er 1992 den bisher einzigen Weltmeistertitel im Volksport Kricket. Später baute er mit Spendengeldern ein modernes Krebskrankenhaus, in dem Patienten einkommensunabhängig behandelt werden. Nach ähnlichem Muster fördert er eine Privatuniversität.

Zugleich fand der bis dato als Lebemann bekannte Sportstar zur Religion. Zum Leitbild wählte er den Dichter und Philosophen Muhammad Iqbal, der als geistiger Gründervater Pakistans gilt. Als Vordenker des Reformislams suchte Iqbal nach einer Balance zwischen Authentizität und Moderne – seine Ideen sind durchaus noch relevant für ein Land, das sich nach wie vor unklar über seine Identität ist. Imran Khan findet hier Anregung zum Nachdenken über einen "islamischen Sozialstaat".

Frustration über ein blockiertes Land

Khans Appelle an Religiosität und Nationalstolz sprechen vor allem eine allmählich wachsende einfache Mittelschicht in den Städten an. Hier ist die Frustration über die blockierte Entwicklung Pakistans besonders hoch. Die großen Parteien des Landes gelten als Kartelle, welche Macht und Reichtum seit Jahrzehnten innerhalb enger Familienklans halten. Da sich die politische Elite weder fähig noch willens zeigt, gegen Energiekrise, Inflation und soziale Spannungen vorzugehen, suchen die Menschen nach Alternativen.

Die PTI zielt mit einer offensiven Kommunikationsstrategie auf dieses Milieu. Der Generalsekretär Arif Alvi erklärt begeistert, dass über eine einfache Registrierung per SMS bis Ende 2011 bereits 600.000 Mitglieder gewonnen werden konnten, eigentliches Ziel aber sei die 5-Millionen-Marke. Etwa 100.000 Nutzer folgen den Botschaften von Imran Khan auf Twitter, mehrere Facebook-Profile vernetzen die junge Gefolgschaft. Über Internet und Mobilfunk werden Umfragen unter den Anhängern durchgeführt.

Imran Khan (links) während einer Kundgebung in Peschawar 2011; Foto: AP
"Yes we Khan!" - Imran Khan setzt im Wahlkampf nicht nur auf Kundgebungen, wie hier in Peschawar, sondern auch auf moderne Werbemethoden über Medien wie Facebook und Twitter.

​​Inspiration bietet die mittels sozialer Medien geführte Kampagne von Barack Obama zu den US-Präsidentschaftswahlen 2008. "Yes we Khan!" lautet ein Slogan der PTI-Anhänger.

Mythos Facebook

Aber auch zum arabischen Frühling werden gern Vergleiche gezogen. Ebenso wie in Tunesien und Ägypten sind zwei Drittel der pakistanischen Bevölkerung unter 30 Jahre alt. Könnte Imran Khan die Jugend nicht mit Hilfe neuer Medien für eine politische Wende mobilisieren? Der Mythos der Facebook-Revolution wirkt auch in Pakistan.

Indes haben gerade einmal elf Prozent der Pakistaner Zugang zum Internet. Weitaus einflussreicher sind die privaten Fernsehsender, die sich seit etwa zehn Jahren großer Beliebtheit erfreuen. Im Wettstreit um Einschaltquoten bieten die wie Rockkonzerte aufgemachten Kundgebungen Imran Khans willkommene Bilder. Bislang ist die Berichterstattung aufmerksam und wohlwollend.

Doch die "Flitterwochen" zwischen Medien und Imran Khan sind bald vorbei, ist sich Arshad Sharif sicher. Der Bürochef des TV-Senders Dunya News in Islamabad geht davon aus, dass jeder einzelne Kandidat der PTI genau unter die Lupe genommen werde, sobald der eigentliche Wahlkampf beginnt. Durchaus selbstbewusst wissen die Privatsender um ihre politische Rolle, seit sie vor vier Jahren der Protestbewegung gegen den Militärherrscher Musharraf ein Podium gaben.

Stehen die Wahlen an, kommen weitere Faktoren ins Spiel. Landesweit müssen Wahlkreise besetzt werden. Neben ihrem populären Frontmann mangelt es der PTI jedoch an geeignetem Personal. Die Strukturen der etablierten Parteien hingegen reichen bis tief in die Provinzen und Dörfer Pakistans, wo Stimmen auf Basis weit verzweigter Patronagenetzwerke und persönlicher Loyalitäten vergeben werden. Die Mehrheit der Sitze im Parlament kommt noch immer aus den ländlichen Gegenden.

Auffangbecken für Berufspolitiker

Imran Khan; Foto: Abdul Sabooh/DW
Wünscht seinem Land einen "guten Tsunami gegen Korruption": Der frühere Cricket-Kapitän Imran Khan hat angekündigt, die Korruption in Pakistan binnen 90 Tagen zu beseitigen.

​​Aus diesem Grund öffnet sich die PTI nun für wechselwillige Mitglieder anderer Parteien. Prominentester Überläufer bislang ist Ex-Außenminister Mahmud Qureshi, der im letzten November seinen Parlamentssitz und das Parteibuch der regierenden Pakistan Peoples Party (PPP) aus Protest gegen deren servile Haltung gegenüber den USA abgegeben hat. Er erhielt sogleich ein hochrangiges Amt in der PTI, nicht ohne dadurch den Frust alteingesessener Aktivisten zu provozieren.

Imran Khans steigende Popularität zieht versierte Berufspolitiker an, die ohne Skrupel zwischen den Parteien wechseln und in seinem Windschatten ins Parlament gelangen wollen.

Obwohl die PTI immer wieder betont, nur "saubere" Politiker aufzunehmen, zeigt sich hier ein Dilemma: ohne diese etablierten Figuren und deren Gefolgschaft kann keine Wahl gewonnen werden, doch nähert sich Khan so genau jener Klientel an, gegen die er eigentlich zu Felde zieht.

Simple Lösungen für komplexe Probleme

Pakistans liberale Kreise reagieren inzwischen eher gereizt auf Imran Khan. Leitartikel und Blogs der englischsprachigen Presse nehmen mit Verve jeden seiner Auftritte auseinander. Auf Ablehnung stoßen vor allem seine zur Schau getragene Wende zum Islam und die antiamerikanische Rhetorik. Auch die simplen Lösungen, die Khan für die komplexen Probleme des Landes parat hält, erscheinen vielen suspekt.

Ein zentraler Verdienst des PTI-Chefs sei es allerdings, so die Journalistin Afia Salam, dass er eine junge und gebildete Bevölkerungsschicht mobilisieren konnte, die sich bislang kaum für Politik interessiert hat. Offensichtlich bietet der zunächst zum Wohltäter, dann zum Politikstar gewandelte Kricketkapitän den Hoffnungen der Jugend eine willkommene Projektionsfläche.

Ob und wie das somit angestoßene Engagement aufrecht erhalten werden kann und vor allem welche Richtung es nimmt, ist durchaus eine Frage, mit der sich die Führungselite Pakistans beschäftigen sollte.

Marcus Michaelsen

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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