Mädchen in einer Schulklasse in Kabul; Foto: UNICEF/DW
Porträt der Leiterin von Medica Afghanistan, Humaira Ameer Rasuli

Die Stille der afghanischen Frauen

Humaira Ameer Rasuli lebt gefährlich. Die afghanische Frauenrechtlerin erhebt ihre Stimme in einem Land, in dem Frauen vom Entwicklungsprozess immer noch ausgeschlossen sind. Sandra Petersmann hat mit ihr während ihres Besuchs in Deutschland gesprochen.

Ameer Rasuli nimmt kein Blatt vor den Mund. "Die Frau spielt in der afghanischen Gesellschaft keine Rolle. Ihre Rechte als Bürger dieses Landes werden weder anerkannt noch respektiert."

Diese fundamentale Kritik richtet sich gegen die afghanische Regierung und gegen die internationale Gemeinschaft. "Im Moment geht es doch nur darum, für Ruhe zu sorgen. Aber was ist ein Frieden wert, wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht daran beteiligt ist?"

Ameer Rasuli ist die Direktorin von "Medica Afghanistan". Die Hilfsorganisation ist seit Dezember 2010 unabhängig und setzt sich nach dem Vorbild ihrer deutschen Mutterorganisation "medica mondiale" für Frauen ein, die Opfer von Gewalt geworden sind.

Rasuli beklagt "die anhaltende Stille", die Afghanistans Frauen fast ein Jahrzehnt nach dem Sturz des radikal-islamischen Taliban-Regimes umgibt. Ameer Rasuli nennt als Gründe die Verrohung durch drei Jahrzehnte Krieg.

Die anhaltende Gewalt habe die traditionellen, patriarchalischen Stammesstrukturen verstärkt und für Frauen noch undurchlässiger gemacht. "Aber es liegt auch an der falschen Interpretation der Scharia. Es waren immer Männer, die das islamische Recht zu ihren Gunsten interpretiert haben."

Keine echte Freiheit für Frauen

Humaira Ameer Rasuli; Foto: DW
Ameer Rasuli: "Afghanische Frauen sind still. Und deshalb sind sie von den Hauptentscheidungsfindungen ausgeschlossen - in der Familie ebenso wie in der Gesellschaft."

​​Die Mutter eines kleinen Sohnes weiß, dass sie sich durch solche Aussagen in der islamischen Republik Afghanistan mächtige Feinde macht, doch das nimmt sie in Kauf. "Nach fast zehn Jahren Demokratie gibt es tatsächlich nur kleine demokratische Schutzhütten. Frauen fühlen keine echte Freiheit. Wir dürfen nicht sagen, was wir denken." Sie versucht es trotzdem so oft sie kann.

Ameer Rasuli gehört zu den wenigen privilegierten Frauen Afghanistans. Sie hat Betriebswirtschaft studiert, danach noch ein paar Semester Medizin. Jetzt leitet sie eine afghanische Hilfsorganisation von Frauen für Frauen, die über "medica mondiale" fest mit Deutschland verbunden ist.

"Es ist nicht leicht, eine afghanische Frau zu sein", erzählt sie lächelnd, und erinnert sich an einen internationalen Workshop, an dem sie mal in Deutschland teilgenommen hat. Auch Frauenrechtlerinnen aus Bosnien und Liberia, aus dem Kosovo und der Demokratischen Republik Kongo nahmen daran teil.

"Die Gewalt gegen Frauen ist in diesen Ländern durchaus vergleichbar, aber dort gibt es wenigstens schon schützende Gesetze, die zum Teil auch schon durchgesetzt werden. Ich war damals so deprimiert, weil wir noch so weit zurück sind in unserer Entwicklung."

Die neue afghanische Verfassung von 2004 erklärt in Artikel 23, dass Männer und Frauen "vor dem Gesetz die gleichen Rechte und Pflichten" haben und, dass jede Form von Diskriminierung verboten ist. Aber das sei nicht die Lebensrealität der Frauen, betont Ameer Rasuli.

"Wenn der politische Wille fehlt, die Gesetze auch umzusetzen, dann bedeutet das gar nichts." Die Realität ist, dass selbstbewusste Frauen in Afghanistan um ihr Leben fürchten müssen. Die mutige Radio-Journalistin Zakia Zaki wurde 2007 erschossen. Ein Jahr später starb die couragierte Polizistin Malalai Kakar durch ein Attentat.

Verfassung und Verfassungswirklichkeit

Die junge Frauenrechtlerin erkennt an, dass es gerade in den großen städtischen Zentren wie Kabul, Mazar-i-Sharif und Herat sichtbare Fortschritte gibt. Frauen gehören wieder zum Straßenbild, Mädchen gehen wieder zur Schule, einige besuchen auch weiterführende Schulen und Universitäten.

Im Unterhaus des afghanischen Parlaments sitzen derzeit mehr Frauen als es die Quote vorschreibt. Aber betrachtet man das Land insgesamt, dann hat sich für die große Mehrheit durch die westliche Intervention im Herbst 2001 fast nichts verändert.

Die Mütter- und Kindersterblichkeit gehört immer noch zu den höchsten der Welt. Die Statistiken sind niederschmetternd.

Kinder udn Frauen vor einer Klinik in Kabul; Foto: AP
Beklemmende Zahlen: Nach UN-Angaben verlieren bei 100.000 Geburten mindestens 1.600 Mütter ihr Leben. 280 von 1.000 Kindern sterben noch vor dem fünften Lebensjahr.

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Bis zu 80 Prozent aller Ehen sind Zwangsheiraten. Rund die Hälfte der Ehefrauen ist bei der Hochzeit jünger als 16 Jahre. Im Durchschnitt bringt jede afghanische Frau sechs Kinder zur Welt. Für fast 90 Prozent der afghanischen Frauen gehört Gewalt in der Familie zum Alltag, Vergewaltigungen gelten in den meisten Fällen als Schuld der Frauen.

Eine unislamische Organisation

Nur rund zwölf Prozent aller Frauen über 15 Jahre können lesen und schreiben. Die 31-jährige Ameer Rasuli kann unendlich viele Fälle aufzählen, in denen misshandelte Frauen nicht wussten, dass man ihnen keine Gewalt antun darf.

Sie berichtet über Abgeordnete des afghanischen Parlaments, die sie bedrängen, ihre Arbeit einzustellen, weil der Islam keine Gleichberechtigung, sondern Gerechtigkeit vorsehe. "Ich weiß nicht, was diesen Abgeordneten Gerechtigkeit bedeutet. Wir sind in ihren Augen eine unislamische Organisation, weil Gewalt gegen Frauen für sie nicht existiert."

Die Frauenrechtlerin appelliert an die internationale Staatengemeinschaft, Afghanistan nach dem geplanten Abzug der westlichen Kampftruppen nicht im Stich zu lassen. "Unsere große Hoffnung ist, dass die Regierung die international geltenden Rechte umsetzen muss und uns einbeziehen muss, wenn das Ausland sich weiter einmischt. Wir brauchen die Hilfe und Fürsorge der internationalen Gemeinschaft."

Der Preis für den Frieden

Der Friedensrat unter dem Vorsitzenden Burhanuddin Rabani (rechts); Foto: DW
In der Kritik: "Der Hohe Friedensrat akzeptiert uns nicht. Und wir vertrauen der Arbeit des Rates auch nicht", meint Rasuli.

​​Dennoch weiß die Direktorin von Medica Afghanistan, dass es am Hindukusch keine militärische Lösung geben wird. Der Weg führt auch für sie nur über zähe Verhandlungen. Sie findet es richtig, mit Vertretern der afghanischen Taliban-Bewegung zu verhandeln. Sie sagt aber auch: "Die Rechte der Frauen sollten für den Frieden nicht geopfert werden."

Ameer Rasuli setzt jedoch kaum Hoffnung in die Arbeit des Hohen Friedensrates unter dem Vorsitz des Ex-Präsidenten Rabbani, der für die afghanische Regierung die Gespräche mit der Taliban-Bewegung führen soll. In dem 70-köpfigen Gremium sitzen neben mächtigen Regionalfürsten, Religionsgelehrten und Stammesältesten auch neun Frauen, aber "ohne klare Rolle" und wieder in Stille.

Rasuli bemängelt, dass der Westen die Arbeit des Friedensrates finanziert, ohne zuvor eine gemeinsame Strategie und gemeinsame Ziele entwickelt zu haben.

"Das ist seit fast zehn Jahren das Grundproblem der afghanischen Entwicklung", resümiert Rasuli: das Fehlen einer gemeinsamen Strategie und das Fehlen klarer Zielvorgaben. Trotzdem glaubt sie, dass Afghanistans Frauen ohne die Unterstützung der Staatengemeinschaft keine Chance auf Entwicklung haben.

Sandra Petersmann

© Deutsche Welle 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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