Anahita Razmi: The Paykan Project, 2010/11, Auto, 38 Schriftdokumente, 11-stündiger Videoloop; Foto: © Anahita Razmi
Porträt der Künstlerin Anahita Razmi

Versuche über den Kulturtransfer

Anahita Razmi thematisiert in ihren Arbeiten politische sowie gesellschaftspolitische Fragestellungen, oft in Verbindung mit dem Iran. Im Rahmen der Reihe "Frischzelle" präsentiert das Kunstmuseum Stuttgart die erste museale Einzelausstellung der Performancekünstlerin. Daniela Gregori informiert.

Anahita Razmi pflegt einen speziellen Umgang mit dem Herkunftsland ihres Vaters. Es sei der Bezug einer Fremden, wie sie ausführt: "Jemand, der außen steht, aber sich gleichzeitig in einer nicht definierten Relation zu dieser Fremde befindet".

Als Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters hat es die Künstlerin mittlerweile in vielen ihrer Arbeiten selbst übernommen, jene Relation herzustellen: mit unterschiedlichsten Zugangsweisen und oftmals erstaunlichen Ergebnissen. Zumeist geht es um die Frage, was passiert, wenn man Alltägliches wie Gegenstände, Handlungen oder vertraute Bilder und Klänge in einen anderen kulturellen wie ästhetischen Kontext überträgt.

Anahita Razmi, The Paykan Project, 2010/11, Auto, 38 Schriftdokumente, 11-stündiger Videoloop; Foto: © Anahita Razmi
Auf Teherans Straßen allgegenwärtig: Der Paykan ist unter Iranern ein beliebter Wagen, außerhalb Irans ist die Marke jedoch so gut wie unbekannt. ( Anahita Razmi, The Paykan Project, 2010/11, Auto, 38 Schriftdokumente, 11-stündiger Videoloop)

​​Diese semantischen Verschiebungen und deren Folgen bilden vielfach die Grundlage für die Arbeiten der Künstlerin, die jetzt in Stuttgart zu sehen sind.

Im Paykan nach Deutschland

So ist der Paykan die gebräuchlichste und kostengünstigste Automarke des Iran; doch wird man das Fahrzeug auf den Straßen außerhalb der Grenzen des Landes nur selten finden. Für The Paykan Project hat die Künstlerin in Teheran ein gebrauchtes Exemplar des Fahrzeuges gekauft und in einer zweimonatigen Aktion nach Deutschland überführt.

Einen Monat hat die Reise in Anspruch genommen. Davor allerdings war die Künstlerin allein einen Monat lang damit beschäftigt, in einem aufwendigen bürokratischen Prozess eine Genehmigung zur Ausreise mit dem Fahrzeug zu erhalten.

Anahita Razmi: UP AND DOWN WITH THE USA, 2012, Installation/Diaprojektion; Foto: © Anahita Razmi
"Tod dem großen Satan Amerika" - Propaganda auf den Kopf gestellt: Anahita Razmis "UP AND DOWN WITH THE USA", 2012, Installation/Diaprojektion

​​Die Installation besteht nun aus dem Wagen selbst sowie den insgesamt 38 verschiedenen gerahmten Schriftstücken mit Stempeln und offiziellen Beglaubigungen. Die Schriftstücke mit ihren für das Auge des europäischen Betrachters so kunstvollen wie unverständlichen Buchstaben ziehen sich in Stuttgart gleich einem ornamentalen Fries die Wand entlang. Dokumentiert wird die Überführung durch die Sequenzen einer elfstündigen Videoaufnahme.

Hier ist zu sehen, wie die Künstlerin auf dem Beifahrersitz nach dem Grenzübertritt aus dem nahezu hermetisch verriegelten Land das Kopftuch abnimmt: Die Landschaft zieht vorbei und womöglich sind die Reisenden irgendwann mit den Gedanken bereits der vertrauten Umgebung des Zieles ganz nahe, denn im Nirgendwo zwischen Teheran und Stuttgart fällt im beiläufigen Gespräch unter den beiden der Satz, dass die Landschaft jener des Schwarzwaldes gleiche.

Harmlose Arsenale

Bei ihrer jüngsten in Stuttgart ausgestellten Videoarbeit Arsenals sehen wir die Künstlerin in Nahaufnahme, Rauch ausatmend, wiedergegeben in verzögertem Tempo. Das Wahrgenommene vermag zu irritieren, denn man sieht nicht wie oder was die Protagonistin einatmet. Die Musik, mit der jene Handlung untermalt ist, kennt man jedoch vom Showdown aus Hollywoodfilmen.

Anahita Razmi: Videostill aus Arsenals, 2012, Videoinstallation, ca. 15 Min.; Foto: © Anahita Razmi
Rauchwolken als "qualmende Waffen": Bei ihrer jüngsten in Stuttgart ausgestellten Videoarbeit Arsenals sehen wir die Künstlerin in Nahaufnahme, Rauch ausatmend, wiedergegeben in verzögertem Tempo.

​​Sie lenkt die Assoziation in die entsprechende Richtung: Schnell denkt man bei den ausgestoßenen Rauchwolken an qualmende Waffen. Das Unbehagen löst sich auf, wenn man im Dunkel des Präsentationsraumes eine Reihe von schwarz gefärbten, etwas bedrohlich wirkenden Gegenständen als das wahrnimmt, was sie sind: harmlose orientalische Wasserpfeifen.

Die Verwendung von Found Footage aus bekannten Filmen in Bild, Text oder Ton gehört ebenso zum Arbeitsprinzip der Künstlerin wie das Re-enactment früherer Performances bekannter Kollegen. So orientiert sich Razmi in der Videoinstallation Roof Piece Teheran an der 1971 in New York aufgeführten Performance Roof Piece von Trisha Brown. Und so sehen wir auf zwölf Monitoren Figuren auf Dächern, die eine nach der anderen über die Straßenfluchten hinweg die Bewegungen einer Chorgeografie weitergeben.

Mit dieser Arbeit wollte die Künstlerin nach eigener Aussage den Schritt in den heutigen Iran machen. Moderner Tanz existiert im Iran nicht, er ist ebenso verboten wie eine Performance im öffentlichen Raum. Um derlei riskante Unterfangen dennoch in jenem überwachten Staat durchzuführen, muss im Geheimen agiert werden.

Auf den Dächern von Teheran

Geklappt hat es dennoch, wenngleich mit einer zusätzlichen Ebene der Rezeption. Denn Teheran ist nicht New York und unweigerlich kommen einem wieder Bilder von jenen Frauen in den Sinn, die im Schutze der Nacht ihre Proteste von den Dächern von Teheran riefen. Bilder, die 2009 während der Unruhen im Iran durch die Welt gingen. Für Anahita Razmi ist Kunst die Möglichkeit ein Statement abzugeben.

Lediglich für White Wall Tehran (2007) musste die Künstlerin die Regie für ein Video für kurze Zeit anderen überlassen. Da wurde Razmi von der iranischen Revolutionsgarde aufgegriffen, weil sie diese kurz zuvor gefilmt hatte.

Durch das Filmen der weißen Wand in der Zentrale wurden die entsprechenden 27 Sekunden des Videobandes von einem der Gardisten überschrieben und so der vorherige Inhalt gelöscht. Sie machen, begleitet von den Geräuschen im Raum und jenen, die von außen eindringen, die Arbeit aus. Ein Statement ist es dennoch geworden.

Daniela Gregori

© Goethe Institut 2013

Anahita Razmi wurde 1981 in Hamburg geboren. Zwischen 2001 und 2009 studierte sie an der Bauhaus-Universität Weimar, dem Pratt Institute in New York und der Staatlichen Akademie der bildenden Künste, Stuttgart. Für das Paykan Projekt wurde sie 2010 mit dem Arbeitsstipendium des Edith Russ-Haus für Medienkunst in Oldenburg ausgezeichnet, für Roof Piece Tehran erhielt sie 2011 den Emdash Award der Frieze Foundation, London. 2012 wurde Razmi das Schindler-Stipendium des Wiener Museums für angewandte Kunst (MAK) in Los Angeles zugesprochen, das sie im April 2013 für knapp sechs Monate antritt.

Frischzelle_17 – Anahita Razmi, Kunstmuseum Stuttgart, Ausstellung noch bis zum 3. März 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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