Salwa Bakr; Foto: Claudia Mende
Porträt der ägyptischen Schriftstellerin Salwa Bakr

Stimme der Ausgegrenzten

Salwa Bakr ist ein leiser Literaturstar. Die Kunst der Selbstinszenierung ist nicht ihre Sache. Dabei gehört die ägyptische Schriftstellerin zu den prominentesten Autorinnen und Intellektuellen ihres Landes. Ihr Werk umfasst 18 Bücher, die auch international wahrgenommen und in neun Sprachen übersetzt wurden. Von Claudia Mende

Salwa Bakr lässt lieber ihre Figuren sprechen. Sie interessiert sich vor allem für Frauen am Rande der ägyptischen Gesellschaft, für Ausgestoßene, psychisch Kranke oder Behinderte. Für Frauen, die durch widrige Lebensumstände straffällig geworden sind und sich in die Phantasie oder den Wahn flüchten, um mit ihrem Schicksal fertig zu werden.

"Ich schreibe über Frauen, die selten von anderen gesehen werden", sagt sie. "Meine Figuren sind Frauen, die unauffällig bleiben und von denen niemand einen Nutzen hat."

Buchcover Salwa Bakr: Nacht und Tag
Salwa Bakr: "Ich schreibe über Frauen, die selten von anderen gesehen werden"

​​Damit will sie sich bewusst von einer männlichen Literatur abgrenzen, die durch ihre patriarchale Brille in Frauen zuerst Ehefrauen oder Geliebte sieht. "Ich schreibe über Witwen oder verstoßene Frauen, die einsam sind, aber trotzdem Wünsche haben", so Bakr.

Perspektive von unten

So wie in ihrem bekanntesten Roman "Der goldene Wagen fährt zum Himmel" (Lenos Verlag, 1997), einem Klassiker der arabischen Frauenliteratur. Der Roman schildert mit viel Humor und Stilelementen der Satire die Schicksale einer Handvoll Frauen, die sich im Frauengefängnis von Alexandria treffen und eine Solidarität unter Frauen erleben, die sie so bisher nicht kannten.

Es geht um ihre Wünsche und Sehnsüchte, die in der ägyptischen Gesellschaft bisher kaum eine Rolle gespielt haben. Der Widerspruch zwischen weiblichen Bedürfnissen und dem konservativen Rollenmodell der ägyptischen Gesellschaft ist für die Autorin ein wesentlicher Antrieb für die Kreativität von Künstlerinnen.

Die Perspektive von unten bestimmt auch Salwa Bakrs Blick auf die aktuelle Situation in ihrer Heimat. Für sie war der Sturz Mubaraks Anfang 2011 eine umwälzende Erfahrung. "Mein Leben hat sich grundlegend verändert seit der Revolution", meint sie. Sie habe erlebt, wie sich Frauen durch die Protestbewegung auf einmal Dinge zugetraut haben, von denen sie vorher noch nicht einmal zu träumen wagten. Der Traum von einer Gesellschaft gleichberechtigter Bürgerinnen und Bürger war plötzlich in der Welt.

"Auf einmal waren Frauen mit ihren Talenten wichtig. Sie fingen an, sich selbst zu verändern und einen neuen Blick auf sich selbst zu gewinnen. Sie konnten auf einmal etwas Wichtiges beitragen, für sich selbst, aber auch für die ganze Gesellschaft. Das war für mich die wichtigste Botschaft der Revolution", erzählt Salwa Bakr.

Das Schweigen brechen

Deshalb kann sie auch nicht die Einschätzung teilen, die Situation der Frauen hätte sich seitdem verschlechtert. "Das wirkt zunächst so, es stimmt aber nicht. Frauen kämpfen heute mehr für ihre Rechte und deshalb hat sich ihre Lage verbessert."

Frau demonstriert in Kairo gegen sexuelle Belästigung; Foto: Mohammed Al Bedawi
Neues Selbstbewusstsein der ägyptischen Frau: Demonstration von Frauenaktivistinnen gegen sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit.

​​Vor der Revolution habe niemand über Themen wie sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung gesprochen. Es war üblich, dem Opfer selbst die Schuld zu geben, vor allem die jungen Frauen hätten aus Angst und Scham geschwiegen. Jetzt fangen sie an, ihre Schuldgefühle zu überwinden und bringen auch Fälle von Vergewaltigung durch Angehörige des Militärs vor Gericht. Mutige Frauen sprechen die Dinge an, wie sie sind. Diese Frauen sagen: "Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern, denn nicht wir sind schuld, ihr seid es. Das ist eine gewaltige Veränderung."

Salwa Bakr, geboren 1949, stammt selber aus einfachen Verhältnissen in Kairo. Ihr Vater war Eisenbahner, sie studierte zunächst Business Management, dann Theaterwissenschaften an der Ain Shams Universität in Kairo. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Film- und Theaterkritikerin, bevor sie Mitte der 1980er Jahre mit dem literarischen Schreiben begann.

Auf Distanz zu Ägyptens Feministinnen

Ihr erstes Buch musste sie noch auf eigene Kosten verlegen, das änderte sich dann angesichts begeisterter Kritiken schnell. Unter Mubarak saß sie für kurze Zeit im Gefängnis. Obwohl ihr Thema die Situation von Frauen in Ägypten ist, distanziert sie sich doch von den ägyptischen Feministinnen, wie sie zum Beispiel in der neu gegründeten "Egyptian Feminist Union" zusammen geschlossen sind.

Salwa Bakr sieht in ihnen in erster Linie gut betuchte Frauen aus der Oberschicht, die in ihrem Denken und in ihren Lebensverhältnissen meilenweit vom Leben der meisten Ägypterinnen entfernt sind.

Sie stimmt nicht mit dem Lamento von Feministinnen und Liberalen überein, dass jetzt vor allem Muslimbrüder und Salafisten für die Schwierigkeiten ägyptischer Frauen verantwortlich seien. "Frauen leiden nicht nur unter der islamistischen Politik – sie leiden unter jeder Politik, die sich nicht für ihre Belange einsetzt", sagt sie.

Für die Autorin durchdringt eine tief verwurzelte Frauenfeindschaft sämtliche Schichten der ägyptischen Gesellschaft und prägt auch die Debatten der liberalen Parteien. "Die ägyptischen Intellektuellen diskutieren über Politik und Kultur, aber Frauenrechte spielen in ihren Debatten keine Rolle. Letztlich denken sie genauso über Frauen wie die Muslimbrüder", so Bakr.

Hinter dieser Einschätzung stehen nicht zuletzt ihre eigenen Erfahrungen mit der Kairoer Kulturszene. Als Schriftstellerin hat sie zwar international Erfolg, in der Heimat fehlt es ihr dennoch an Anerkennung – und da klingt bei ihr auch Bitterkeit über die Mechanismen des ägyptischen Kulturbetriebs durch.

Frauendemonstration in Kairom gegen Polizeigewalt; Foto: dapd
"Mein Leben hat sich grundlegend verändert seit der Revolution": Salwa Bakr hat erlebt, wie sich Frauen durch die Protestbewegung plötzlich Dinge zugetraut haben, von denen sie vorher noch nicht einmal zu träumen wagten, meint Salwa Bakr.

​​Für ihre Romane, Kurzgeschichten und Erzählungen hat sie bereits zahlreiche internationale Preise erhalten, in Deutschland zum Beispiel den Literaturpreis der Deutschen Welle 1993. Aber keine einzige Auszeichnung in Ägypten. Sie verdient nicht nur weniger als männliche Schriftstellerkollegen, auch die Literaturpreise werden für sie nicht immer nach sachlichen Kriterien vergeben.

"Literaturpreise erhalten bei uns männliche Künstler, die noch dazu über gute Beziehungen zur Regierung verfügen. Wenn ich dagegen ein Buch veröffentliche, verdiene ich damit sehr wenig. Für mich ist das auch eine Art Korruption", empört sie sich.

Die Islamisten an ihren Leistungen messen

Trotz ihrer Distanz zu den Feministinnen ist sie sich doch mit vielen liberalen Kulturschaffenden einig, das die Muslimbrüder für Ägypten zu einem ernsthaften Problem werden können. Die Ursachen der Protestbewegung von 2011 sind noch längst nicht beseitigt: die große ökonomische Schere zwischen Arm und Reich, die Perspektivlosigkeit der Jugend und das Abrutschen der Mittelschichten in die Armut.

Man werde die Islamisten an ihren Leistungen messen. Wenn sie keine Fortschritte für die Masse der Bevölkerung erzielen, dann wird auch die Regierung von Mohammed Mursi mit massiven Protesten rechnen müssen.

Falls die Rechte von Frauen eingeschränkt werden, dann würden die Ägypterinnen die nötigen Mechanismen finden, um sich dagegen zu wehren. Genauso wie die Frauen in ihren Romanen sich nicht unterkriegen lassen und beharrlich die eigene Würde bewahren. Sie hat es schon ein paar Mal erlebt, wie sich in Kairo Händlerinnen gegen Salafisten massiv zur Wehr setzten. Die Geschäftsfrauen wollten das Gerede der religiösen Eiferer über ihren angeblich angestammten Platz am Herd nicht hören und warfen sie kurzerhand hinaus.

Genauso werde es auch den Muslimbrüdern ergehen, falls sie Ägypten in ein islamistisches Projekt verwandeln wollten. Denn für Salwa Bakr ist klar: Den Traum von einer echten Bürgergesellschaft können auch die Vertreter des politischen Islam nicht zerstören. Sie können ihn höchstens verzögern.

Claudia Mende

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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