Der ägyptische Verleger Mohammed Hashim; Foto: picture alliance
PEN-Preis für den ägyptischen Verleger Mohammed Hashim

Einer der Väter der Revolution

Der Verleger Mohammed Hashim hat den Hermann-Kesten-Preis des deutschen PEN-Clubs erhalten. Er hat sich nicht nur als Verleger ausgezeichnet, sondern sich auch unmittelbar um die Unterstützung der ägyptischen Revolutionäre verdient gemacht. Eine Würdigung von Stefan Weidner

Ohne einen unbändigen, ans Manische grenzenden Willen kann und wird niemand in der arabischen Welt ein unabhängiger Verleger ernst zu nehmender, guter Bücher werden. Und natürlich ist so einem Verleger, so einem Menschen dasselbe Schicksal beschieden, das auch in unseren Breiten die innovativen, kleineren und unabhängigen Verlage trifft, nämlich dass die Autoren, wenn der kleine Verlag sie erst einmal berühmt gemacht hat, abwandern.

Der vielleicht berühmteste Schriftsteller, den Dar Merit in dieser Weise hervorgebracht hat, ist Alaa al-Aswani, dessen Weltbestseller "Der Jakubian-Bau" in demselben Viertel spielt, in dem auch der Verlag beheimatet ist, der es zuerst publiziert hat; ja der sogar in einem ganz ähnlichen Haus spielt und in dessen buntem, realitätsnahen Personal eigentlich nur ein Verleger wie Mohammed Hashim fehlt.

Dieses Buch, das mit seiner harschen Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen in Ägypten wie nur wenige andere die Aufbruchsstimmung in Ägypten mit vorbereitet hat, dieses Buch als erster verlegt zu haben, ist ebenso symbolisch für das Wirken von Mohammed Hashims Verlag wie die Tatsache, dass der Verlag finanziell kaum davon profitierte, weil die Rechte, wie meist bei arabischen Büchern, bei den Autoren bleiben.

Zwischen Bücherbasar und Bücherflohmarkt

Buchmesse Kairo; Foto: AP
"Die Kairoer Buchmesse ist ein riesiger Bücherbasar und Bücherflohmarkt, der größte und zugleich staubigste und billigste der Welt."

​​Zum ersten Mal lernte ich Mohammed Hashim auf der Kairoer Buchmesse kennen. Sein Stand war, wie der fast aller seriösen, unabhängigen Verlage, in einem der windschiefen Bierzelte aufgestellt, die in Kairo dem entsprechen, was in Frankfurt die ehrwürdigen Messehallen sind.

Davon gibt es in Kairo zwar auch eine Handvoll, aber sie sind vergleichsweise bescheiden und nicht minder chaotisch als die Bücherzelte, in denen die Verleger hinter ihren aufgestapelten Büchern sitzen wie die Soldaten hinter Sandsäcken.

Die Kairoer Buchmesse ist ein Treffpunkt wie es die Frankfurter Messe ist, aber sonst, ganz anders als Frankfurt, eine reine Verkaufsmesse, ein riesiger Bücherbasar und Bücherflohmarkt, der größte und zugleich staubigste und billigste der Welt. Auf solchen Messen, die es überall auf der arabischen Welt gibt, in manchen Ländern auch mehrere im Jahr, machen die Verleger ihr Geschäft, nicht mit den Buchhandlungen, von denen es, meine Erzählung eingangs deutet es an, nur wenige kompetente gibt.

Die Verleger werden so, im wahrsten Sinne des Wortes zu fliegenden Händlern, Händler nämlich, die mit ihren Büchern von einer Messe zur anderen fliegen. Nennenswerte Gewinne macht so kaum jemand, aber sie fahren trotzdem alle dorthin, hocken zwischen ihren Bücherstapeln, treffen Kollegen, Autoren, Buchhändler, Leser, und so manches Buch wird einfach verschenkt.

Der Austausch über Bücher ist in einer solchen Situation aber auch zwangsläufig sehr intensiv. Jeder arabische Verleger kennt seine Leser vermutlich genauer als jeder europäische oder amerikanische. Es versteht sich, dass darin ein Potenzial liegt, welches wir bei uns heute allenfalls anhand der sozialen Netzwerke zu erahnen vermögen.

"Dar Merit" – ein soziales Netzwerk

"Dar Merit", der Verlag von Mohammed Hashim, ist nichts anderes als ein solches soziales Netzwerk, freilich kein virtuelles, sondern ein sehr reales, handfestes, fleischliches, lebendiges. Zentrum dieses Netzwerks ist Adresse, Kasr El-Nil, 6, eine Adresse, die klingt wie der Titel eines Romans von Nagib Machfus, und was sich in dieser Wohnung abspielt, hätte ebenfalls Stoff genug für die epischen Romane des ägyptischen Nobelpreisträgers abgegeben.

​​Ich sollte die Wohnung, die ich an jenem Ramadan zum ersten Mal sah, noch oft betreten. Mohammed Hashim pflegt das, was man früher einen offenen Salon nannte. Die Türen zum Verlag, wir haben es gehört, sind ohnedies fast immer offen, und wenigstens in den Abendstunden ist die Chance groß, dass man ihn selber trifft, ihn und eine immer wechselnde, mal mehr mal weniger illustre Runde von Freunden, Gästen, Schriftstellern, Journalisten, Philosophen, Bohemiens, Revolutionären und natürlich Lesern.

'Salon', freilich, das klingt hier zu hochtrabend, zu bourgeois. Sagen wir nicht 'Salon', sondern offene Küche, offene WG-Küche, wo jeder nach Lust und Laune vorbeikommen kann, ein ur-studentisches Ambiente, in dem auch würdevolle ältere Herren mit Spitzbauch ihren Platz haben und wo die Spitzel der Regierung, wenn es ihnen hier nicht zu unfein gewesen wäre, reichhaltiges Material vorgefunden hätten.

Die Haustür stand immer offen, und jeder konnte hereinmarschieren. Doch noch Ende Januar, als sich diese Wohnung, dieser Sitz des Verlags, schon längst in ein Lagezentrum, in einen Rückzugsraum, in eine Volksküche, in eine Notunterkunft für viele Dutzende erschöpfter und von der Polizei gejagter Demonstranten entwickelt hatte, noch Ende Januar 2011 also war der israelische Geheimdienst der Überzeugung, Mubarak säße sicher im Sattel (in Wahrheit ritt er da schon Rodeo, eine Übung, für die er definitiv zu alt war).

Einer der Väter dieser Revolution

Dieser Verlag, dieses Haus – und Verlag heißt auf Arabisch "Dar" (Haus) – ist ein Think Tank gewesen, ein Treffpunkt, ein Netzwerk, ein Debattierclub, ein politisches Labor, in dem die verschiedenen Thesen publiziert und ausprobiert wurden, vom Untergang der islamischen Welt, wie der Titel des Buchs von Hamid Abdel Samad lautete, den Mohammed Hashim auf Arabisch zu publizieren wagte und in seinem Salon vorstellte, bis zu den Schriften der Vordenker der "Kifaya"-Bewegung, dieser politischen Protestbewegung gegen Mubarak, die im Namen das ägyptische Wort für "es reicht" trägt.

Udabba min adjal Kifaya, "Schriftsteller für die 'Kifaya'-Bewegung lautete zum Beispiel eine von ihm gegründete Initiative, und bei den gelegentlichen Demonstrationen, die es durchaus auch vor dem Januar 2011 in Ägypten gab, konnte man ihn mitten in einem kleinen Häufchen von vielleicht hundert oder zweihundert Aktivisten sehen, die mit ihren Plakaten und Rufen eingekreist waren von einem vierreihigen Kordon schwarz gepanzerter Sicherheitspolizisten – demonstrieren durfte man, aber natürlich nur nach Kräften umzingelt.

Mohammed Hashim (m.) während einer Demo auf dem Tahrir-Platz gegen die Ernennung von Mohammad al-Sawi als neuen Kulturminister; Foto: DW
Einer der bescheideneren, fast unscheinbaren Wegbereiter des Arabischen Frühlings: der ägyptische Publizist und Verleger Mohammed Hashim

​​Ja, Mohammed Hashim war auf seine bescheidene, fast unscheinbare Art einer der Väter dieser Revolution, und er war es, weil er eben nicht polternd und pathetisch aufgetreten ist, nie den Macher markiert, nie den Führer gespielt hat und auch nichts davon sein wollte: Sondern weil er war, wie er nun einmal ist, weil er gearbeitet hat, was er gearbeitet hat, weil er das Nötige, und dieses Nötige war oft zugleich das Schöne – die schöne Literatur nämlich – erkannt hat und sich durch keine Widrigkeiten davon hat abhalten lassen, dem Namen seines Verlags getreu, denn Merit, die ägyptische Göttin, die diesem Verlag den Namen gab, war die Göttin der Tempelmusik und des Kultgesangs, die die Festlichkeiten mit Händeklatschen und Anfeuerungszurufen begleitete.

Wenn Kult hier nicht Dogma bedeutet – und dessen ist Mohammed Hashim allerdings unverdächtig – sondern Kultur, dann ist sein Verlag seinem Namen mehr als gerecht geworden.

Stefan Weidner

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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