Hausfassade in Ain El Helweh; Foto: Mona Naggar
Palästinensische Flüchtlinge im Libanon

Vererbter Flüchtlingsstatus

Das Vorhaben der Palästinenser, vor der UN-Vollversammlung Palästina in den Grenzen von 1967 als unabhängigen Staat anerkennen zu lassen, wird von den Flüchtlingen im Libanon mit gemischten Gefühlen gesehen. Eine Reportage aus dem libanesischen Flüchtlingslager Ain El Helweh von Mona Naggar

Ain El Helweh sieht wie ein Slum aus. Die Gassen sind dunkel und eng, der Asphalt ist mit Löchern übersät. Zwei bis dreistöckige Wohnhäuser wechseln sich mit kleinen Lebensmittelläden und Werkstätten ab - an vielen Wänden bröckelt der graue Putz und die Gebäude sehen provisorisch aus.

 Ain El Helweh ist das größte der 12 Palästinenserlager im Libanon. Ungefähr 40.000 Menschen leben dort auf engsten Raum zusammen. Das Lager liegt ganz in der Nähe des südlibanesischen Sidon und ist in den vergangenen Jahrzehnten längst mit der Stadt zusammengewachsen.

Riham Ali ist in diesem Lager geboren: "Für mich ist das die Hölle", sagt die 21-Jährige. Es gibt keine richtigen Straßen, es ist eng und stickig. Elektrizität und Wasser werden sehr oft abgestellt, beschreibt sie ihre Lebenssituation.

 Riham ist auch wütend über die ständigen Kontrollen der libanesischen Armee: "Sie stehen am Eingang des Lagers. Oft streite ich mich mit ihnen, weil ich mich manchmal weigere, ihnen meinen Ausweis zu zeigen."

Vom Traum der Rückkehr

Enge Gassen, wenig Licht und Luft - Der Alltag im Flüchtlingslager Ain El Helweh; Foto: Mona Naggar
Enge Gassen, wenig Licht und Luft - Alltag im Flüchtlingslager Ain El Helweh, das größte im Südlibanon.

​​Wie die meisten Bewohner von Ain El Helweh stammt Riham von Palästinensern ab, die 1948 nach der Gründung des Staates Israel ihre Heimat verlassen mussten. Rihams Großeltern stammen aus Safad, eine Stadt, die heute in Nordisrael liegt. Für die 21-Jährige besteht kein Zweifel: Sie ist fest entschlossen: eines Tages dorthin zurückzukehren.

Die Rückkehr in die Heimat der Vorfahren ist wie ein Traum, der von den Eltern auf die Kinder weitergegeben wird. Ein Traum, der den Flüchtlingen hilft, ihr Leben am Rande der libanesischen Gesellschaft zu ertragen.

Die junge Frau macht bereits ihre zweite Berufsausbildung und hat kaum Hoffnung auf einen Arbeitsplatz. Sie ist gelernte Buchhalterin und drückt nun wieder die Schulbank, um bald ihren neuen Abschluss als Ingenieursgehilfin zu machen. "Meine Zukunft ist gescheitert", davon ist die junge Frau überzeugt: "Ich lerne und lerne - aber ohne Aussicht auf Erfolg. Niemand stellt mich ein, weil ich Palästinenserin bin."

Ohne Bürgerrechte

Für palästinensische Flüchtlinge gelten im Libanon besondere Regeln. Viele Berufe dürfen sie außerhalb des Lagers nicht ausüben. Auch Besitz dürfen sie außerhalb des Lagers nicht erwerben. Die rechtliche Diskriminierung begründen libanesische Politiker damit, dass die Flüchtlinge sich nicht dauerhaft im Gastland ansiedeln sollen. Die Angst, die mehrheitlich sunnitischen Palästinenser könnten die konfessionelle Zusammensetzung im Libanon verändern, ist groß.

Der Felsendom in Jerusalem bleibt Symbolbild für die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge von 1948; Foto: Mona Naggar
Der Felsendom in Jerusalem als Symbolbild für die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge von 1948: Nach Angaben der UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten) leben allein im Libanon heute zwischen 350.000 und 400.000 palästinensische Flüchtlinge.

​​Der Plan der palästinensischen Autonomiebehörde vor der UN-Vollversammlung, Palästina in den Grenzen von 1967 als unabhängigen Staat anerkennen zu lassen, wird von den Flüchtlingen im Libanon mit gemischten Gefühlen gesehen.

Viele junge Palästinenser wie Riham hoffen, dass die Ausrufung des Staates ihre Lebenssituation verbessern könnte. Als palästinensische Staatsbürger würden sie vielleicht den gleichen Status wie alle anderen arabischen Staatsbürger auch genießen.

Kein Vertrauen in die Politik

Viele Vertreter der älteren Generation sind da jedoch skeptisch. Sie haben ihr Vertrauen in die Politik verloren - wie auch Abu Salih. Der 88-Jährige musste mit 25 sein Dorf in der Nähe von Akko im heutigen Israel verlassen.

Er macht sich keine Illusionen, jemals wieder zurückzukehren: "Meine Kinder haben noch Hoffnung. Sie sind hier geboren und wissen nichts über Palästina, aber sie würden alles dafür geben, dort zu leben." Abu Salih ist jedoch überzeugt, dass ein unabhängiger Staat Palästina den alten Flüchtlingen nichts mehr bringen würde.

Diese Flüchtlinge sind die großen Verlierer des palästinensisch-israelischen Friedensprozesses, der 1993 in den Verträgen von Oslo und der Schaffung der Palästinensischen Selbstverwaltung mündete. Verhandlungen über ihre Zukunft wurden ausgeklammert. Spätere Verhandlungen scheiterten.

Es ist unklar, welche Folgen es für die palästinensischen Flüchtlinge in den Nachbarländern haben wird, wenn ein Staat Palästina ausgerufen wird, der aus der Westbank und dem Gazastreifen besteht. Allein in Libanon leben 455.000 Palästinenser, schätzt das UN-Hilfswerk für die Palästinaflüchtlinge.

Für die Rechte der Flüchtlinge

Jabir Sleiman von der Flüchtlingshilfsorganisation "Aidoun"; Foto: Mona Naggar
"Keiner weiß, was mit uns passiert, wenn ein Staat Palästina anerkannt wird": Jabir Sleiman von der Flüchtlingshilfsorganisation "Aidoun"

​​"Die Diskussion über die juristischen Folgen dieses Plans hat unter Palästinensern, unter Akademikern und in den Medien noch gar nicht richtig begonnen", sagt Jabir Sleiman. Er hat die Organisation "Aidoun" - zu Deutsch Rückkehr - mitgegründet.

Im Libanon setzt sie sich für die Rechte der Flüchtlinge ein. Sleiman bemerkt, dass es eine Menge offener Fragen gäbe: "Welche Konsequenzen hat etwa die Ausstellung palästinensischer Pässe für uns Flüchtlinge von 1948? Verlieren wir damit unseren Flüchtlingsstatus und dürfen nicht zurück in unsere Dörfer, die wir vor 63 Jahren verlassen mussten?"

Der 66-Jährige stammt aus einem Dorf südlich von Jaffa und lebt seit Jahrzehnten im libanesischen Sidon. Das Engagement für die Rückkehr der Flüchtlinge hat für ihn weiter Priorität, ungeachtet der Initiative der Palästinenser, einen Staat vor der UN-Generalversammlung anerkennen zu lassen.

Der erste und wichtigste Schritt sei, dass Israel das Recht der Flüchtlinge von 1948 auf Rückkehr anerkenne. Dazu müsse es einen internationalen politischen Willen geben, dieses Ziel umzusetzen. Sleiman stützt sich dabei auf die UN-Resolution 194, die Rückkehr, Entschädigung und Rückgabe des Eigentums für die Palästina-Flüchtlinge garantiert: "Wir wollen in unsere Heimatdörfer zurückkehren, nicht einfach irgendwohin."

Mona Naggar

© Deutsche Welle 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Vererbter Flüchtlingsstatus

Die Flüchtlinge sind für Abbas nur ein Instrument; um ihre Zukunft hat er sich nie wirklich gesorgt. Sie sind tatsächlich die grossen Verlierer. Es bleibt offen, ob sie mit der Gründung eines palästinensischen Staates auch die palästinensische Staatsbürgerschaft bekommen. Realpolitisch gesehen ist eine Rückkehr der Flüchtlinge in heute israelisches Staatsgebiet doch reinste Theorie. Aber angenommen einige würden in ihre Orte zurückkehren, die heute in Israel liegen, dann wären sie wieder Fremde, eigentlich wieder nicht zuhause und der palästinensische Pass nützt ihnen dann auch nichts. Würden sie dann die israelische Staatsbürgerschaft beantragen und schlussendlich dann als Israelis ihre grosse Rückkehr feiern?

Sandra Hoffmann30.09.2011 | 13:02 Uhr