Menschen zünden Kerzen für die Opfer in Norwegen; Foto:Matt Dunham/AP/dapd
Nach den Anschlägen in Norwegen

Das Dilemma der Islamkritiker

Das Massaker von Norwegen enthüllt die gravierenden Irrtümer der Islamkritiker: Nicht etwa ein Muslim zog in den Krieg gegen den Westen - der Täter gehört vielmehr derselben Denkschule an wie sie selbst. Damit wird deutlich: Die wahren Gegner der Anti-Islam-Bewegung sind nicht die Muslime. Es sind die eigenen Mitbürger. Von Stefan Weidner

Wäre der Anlass nicht so verstörend, man könnte es für eine Ironie der Geschichte halten, dass die Islamkritik über Nacht in dieselbe Rechtfertigungsnot katapultiert wurde, in die sie den Islam seit jeher zu bringen suchte.

Nachdem sich der norwegische Massenmörder Anders Breivik so nachdrücklich auf die von ihr seit Jahren propagierte Weltsicht beruft, fordert sie für sich eben die Unterscheidung zwischen radikal und gemäßigt, gewaltbereit oder eher diskursorientiert ein, die sie ihrem imaginierten Gegner, dem ideologisch vermeintlich geschlossenen Islam, stets verweigerte.

Jedem jedoch, der die Islamkritik für ihre undifferenzierte Haltung zum Islam und den Muslimen bislang aus guten Gründen angegriffen hat, sei jetzt empfohlen, der Islamkritik dieselbe Differenzierung nicht vorzuenthalten - selbst dann nicht, wenn diese lauthals jede Verantwortung für die Tat in Norwegen ablehnt und sich der Aufarbeitung der eigenen Positionen sowie der Abgrenzung gegen radikale Tendenzen noch verweigert.

Ganz unabhängig also davon, was die Islamkritik selbst an Aufarbeitung leistet oder nicht, gestehen wir ihr, ja sogar ihren abgedrehteren Vertretern zu: Dies haben sie nicht gewollt. Nur was wollen sie dann? Auf unerwartete Weise könnte uns die Tat von Anders Breivik eine Richtung weisen. Gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem islamischen Fundamentalismus und seinem ideologischen Gegner, der europäischen Anti-Islam-Bewegung, waren den hellsichtigeren Beobachtern immer schon aufgefallen.

Norwegens Attentäter Anders Behring Breivik; Foto: AP Photo/Twitter, Anders Behring Breivik
Der Hass auf den Islam und die paranoiden Ängste vor einer islamischen Unterwanderung Europas haben Breivik also nicht zum Krieg gegen die Muslime veranlasst, sondern zu einem maximal brutalen Schlag gegen die eigene Gesellschaft, schreibt Weidner.

​​Gleichwohl dürfte niemand damit gerechnet haben, dass die Anti-Islam-Bewegung auch ein ähnliches Tatmuster, einen ähnlichen Brutalisierungsfaktor hervorbringen würde. Überraschend ist ferner, dass die Mimesis der Gewalt nicht zu einer Nachahmung der Attentäter von New York, Madrid oder London geführt hat.

Wäre es das Ziel gewesen, diese zu spiegeln oder sich für ihre Taten zu rächen, hätte Breivik seine Bombe im Regierungsviertel von Riad zünden, in Skandinavien Asylantenheime in Brand setzen oder wie der Scharfschütze von Malmö im Jahr 2010 dunkelhäutige Menschen jagen müssen.

Islamistischer Terror nicht primär gegen den Westen gerichtet

Solche Taten, so schrecklich sie gewesen wären, hätten uns nicht annähernd in der Weise erschüttert, wie es nun der Fall ist. Und die Islamkritik wäre vermutlich ebenso ungeschoren davongekommen wie nach dem Dresdner Gerichtssaalmord vom 1. Juli 2009, der gleichermaßen islamfeindlich und rechtsradikal motiviert war wie die Taten Breiviks, der aber ein Nachdenken, wie es jetzt anhebt, verblüffenderweise nicht ausgelöst hat - weil das Opfer niemand von "uns" war?

Der uns alle verstörende und für die Islamkritik hochnotpeinliche Aspekt des Massakers in Norwegen liegt darin, dass das - dem Attentäter selbst kaum bewusste - Nachahmungsmuster nicht das des islamischen Terroristen im (und gegen den) Westen ist, sondern das des Terrors von Muslimen gegen Muslime.

In der Perfektion von Planung und Ausführung ist Breiviks Tat mit der Mohammed Attas am 11. September 2001 vergleichbar. Von der Zielrichtung her ähnelt sie jedoch den Aktionen der vielen Hundert zumeist namenlosen Attentäter, die sich auf den Märkten von Peshawar, Kabul oder Bagdad in die Luft sprengen, um möglichst viele ihrer Glaubens- und Leidensgenossen mit in den Tod zu reißen.

Die Islamkritik war immer blind gegen die Tatsache, dass der islamische Terror nicht primär gegen den Westen, sondern gegen die Andersdenkenden in der eigenen Welt, unter den Muslimen, gerichtet ist. Während dort bis heute Anschläge an der Tagesordnung sind, haben sie sich bei uns als große Ausnahme erwiesen, und dies nicht nur dank wachsamer Behörden, sondern vor allem, weil die eigentliche Front der Auseinandersetzung nicht dort verläuft, wo es die Islamkritiker argwöhnen und behaupten: hier bei uns.

Die anderen sind wir selbst

"Der Krieg in unseren Städten" lautete der Titel eines 2003 erschienenen Buchs, das für die paranoide Richtung der Islamkritik typisch ist. Udo Ulfkotte, der Autor, forderte darin unter anderem die Aufstockung der GSG 9 und anderer Antiterrorkommandos, damit wir gegen die zu erwartenden Angriffe von Muslimen aus dem Inneren unserer Gesellschaft gewappnet sind.

Nun aber wollte den "Krieg in unseren Städten" ausgerechnet jemand auslösen, der derselben anti-islamischen Denkschule wie Ulfkotte angehört. Die Aufstockung der Anti-Terror-Einheiten zu fordern: Es klingt, von heute aus betrachtet, als habe uns Ulfkotte damit vor der Radikalisierung seiner eigenen Ideen schützen wollen.

Menschen trauern beim 'Rosenmarsch' in Oslo; Foto:Erlend Aas, Scanpix Norway/AP/dapd
Tiefe Anteilnahme: Eine Woche nach den Doppel-Anschlägen von Norwegen ist das Land noch immer in tiefer Trauer. .

​​Der Hass auf den Islam und die paranoiden Ängste vor einer islamischen Unterwanderung Europas haben Breivik also nicht zum Krieg gegen die Muslime veranlasst (auch wenn unter seinen Opfern zahlreiche muslimische Einwanderer oder deren Kinder sind), sondern zu einem maximal brutalen Schlag gegen die eigene Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund besteht das eigentliche Trauma der Islamkritik nicht darin, dass Breivik ihre Ideen zitiert und sich daraus eine licence to kill gebastelt hat, sondern dass seine Tat unmissverständlich die wahre Stoßrichtung dieser Bewegungen offenlegt: die eigene Gesellschaft, wie sie nun einmal ist: Europa, der Westen selbst.

Der 22. Juli 2011 hat gezeigt, dass die greifbarste Frucht der islamkritischen Aktivitäten bislang nirgendwo die Zurückdrängung des Islams ist, sondern nur die Spaltung eben derjenigen Gesellschaft, für die die Islamkritik zu sprechen vorgibt, die sie verteidigen und stärken will. Die anderen, lernen wir jetzt, sind wir selbst. Die Anti-Islam-Bewegung hat nicht den Hass gegen den Islam, sondern den gegen das heutige Europa hochgepäppelt, gegen jeden europäischen Bürger und erst recht jeden Politiker, der den Makel hat, sich nicht von ihr irre machen zu lassen.

Niemand, nicht einmal die entschiedensten Kritiker der Anti-Islam-Bewegung, haben das ganze Ausmaß dieses autoaggressiven Potentials erahnen können. Vielmehr haben wir uns von der Rhetorik der Anti-Islam-Bewegung, ja vom bloßen Namen "Islamkritik" in die Irre leiten lassen. In Wahrheit ist der Islam hier nur die (stark überstrapazierte) Bande, über deren Umweg die Kugeln der Kritik die eigene Gesellschaft anstoßen sollen. Die Islamkritiker kritisieren den Islam und meinen die eigene Gesellschaft, die nicht so ist, wie sie sie sich wünschen.

Thilo Sarrazin; Foto: dpa
Der frühere Bundesbankvorstand und Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin hatte mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" sowie mit Thesen über die angeblich vererbbare Dummheit von Migranten für Empörung gesorgt - nicht nur bei Zuwanderern.

​​Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" war ein Paradebeispiel dafür, wie eine im Prinzip hilfreiche, aber offenbar wenig willkommene Kritik (am nicht mehr finanzierbaren Sozialsystem, am Werteverfall, an Bildungsferne und anderem) in eine unfruchtbare und überaus hässliche Islamdebatte verdreht wurde, sodass sie sich damit am Ende selbst kastrierte. Sarrazin, der als Beamter gute Arbeit geleistet und uns sicher etwas zu sagen gehabt hätte, ist in die Falle getappt, die sich die Islamkritik immer selbst stellt, wenn sie behauptet, wir litten weniger an uns selbst als an den anderen.

Viele gegensätzliche gesellschaftliche Visionen

Es mutet vor diesem Hintergrund naiv an, an der Islamkritik vornehmlich das verzerrte, kenntnislose und oftmals zu rassistischen Stereotypen erstarrte Islambild zu bemängeln. Man ist ihr damit nur auf den Leim gegangen. Viel besser wäre es gewesen, mit Nachdruck die Vorstellungen der Islamkritiker von ihrer eigenen Gesellschaft herauszuarbeiten.

Denn je genauer man hinschaut, desto klarer wird: Hinter dem gemeinsamen Feindbild Islam verbergen sich viele, oft sehr gegensätzliche gesellschaftliche Visionen. In der Ablehnung der gegenwärtigen Zustände ähneln sie sich, in ihren Zielvorstellungen sind sie äußerst verschieden.

Die islamkritische Bewegung einer Differenzierung zu unterwerfen, wie es nach dem 22. Juli kaum anders möglich sein wird, bedeutet, ihr den "Islam" aus dem Namen zu streichen und sie, nackt wie sie dann vor uns steht, noch einmal zu fragen: Was will sie? Die Spreu vom Weizen, das Indiskutable vom Diskutablen wird dann leichter zu trennen sein.

Stefan Weidner

Der Autor ist Islamwissenschaftler, Autor, Übersetzer und Chefredakteur der vom Goethe-Institut herausgegebenen arabischen Zeitschrift "Fikrun wa Fann" (Kunst und Gedanke). Demnächst erscheint: "Aufbruch in die Vernunft. Islamdebatten und Islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen" (Bonn 2011).

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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