Osama Bin Laden; Foto: AP
Nach dem Tod von Osama Bin Laden

Neue Chancen für Afghanistan, den Westen und die islamische Welt

Der renommierte britisch-pakistanische Buchautor und Korrespondent für Pakistan und Afghanistan, Ahmed Rashid, begreift den Tod Bin Ladens als große Chance für den Westen: US-Präsident Obama sollte nun sein vor zwei Jahren in Kairo gegebenes Versprechen einlösen, Brücken zur islamischen Welt zu bauen.

Der meistgesuchte Mann der Welt wurde nun also endlich erledigt – und zwar nicht in einer felsigen Bergfestung, sondern in einem ehrbaren Mittelklasseviertel einer verschlafenen pakistanischen Bergstadt, die von ihren Gründern im 19. Jahrhundert bewusst orientiert am Muster südenglischer Siedlungen angelegt worden war.

Welch eine Aura den Anführer von Al Qaida umgab, wurde dabei ein weiteres Mal deutlich: Die ausgedehnte Villa in der er in Abbottabad Zuflucht gesucht hatte befand sich ganz zufällig in Nachbarschaft von Pakistans angesehenster Kadettenanstalt und eines bekannten Bazars.

Für drei Jahrzehnte hatte Osama Bin Laden Muslime in aller Welt fasziniert, war der Fluch von Armeen und Geheimdiensten weltweit gewesen. Als er zu Beginn der 1980er Jahre nach Peschawar in Pakistan ging und dort mit Bulldozern und den Millionen, die seine Familie im Baugewerbe gemacht hatte, Höhlenverstecke für die afghanischen Mudschaheddin baute, konnte niemand ahnen, dass der magere, schüchterne aber faszinierende Saudi einmal die Welt verändern würde. Eben dies aber geschah.

Ein messianischer Wahn

Die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001; Foto: dpa
"Wir lieben den Tod mehr als das Leben": Ein messianischer Wahn führte dazu, dass Bin Ladens Anhänger am 11. September 2001 auf einen Schlag fast 3.000 Menschen töteten, schreibt Rashid.

​​Ein messianischer Wahn führte dazu, dass seine Anhänger am 11. September 2001 auf einen Schlag fast 3.000 Menschen töteten, und er anschließend die USA verhöhnte, ihn zu fangen, wenn sie könnten. Für Al Qaida wurde das zum Leitspruch: "Wir lieben den Tod mehr als das Leben." Sein Ansehen in extremistischen Kreisen wuchs in dem Maße, in dem es Armeen in aller Welt nicht gelang, der Strategie der Al Qaida etwas entgegenzusetzen.

Die Tatsache, dass es ihm ein Jahrzehnt lang gelang, Spezialeinheiten, Geheimdiensten und Drohnen der USA zu entkommen, bedeutete unter den Gotteskriegern eine Art von Rekord. Für sie war damit klar: Ihr Anführer war von Gott gesegnet, wurde von ihm beschützt.

Selbst nach dem Sturz der Taliban, als sich die Strukturen von Al Qaida auflösten, und selbst als bin Laden die Organisation nicht mehr führen und befehligen konnte, wuchs der Einfluss von Al Qaida weiter – im Irak, in Nordafrika, in Europa – selbst in den USA versuchte eine Handvoll von Muslimen zu Märtyrern zu werden.

Al Qaida als Bewegung, als strukturierte Organisation, als sich entwickelnde Philosophie jedoch gab es nicht mehr. Was sich nach dem 11. September verbreitete, war die Vorstellung, als Märtyrer zu sterben und dabei so viele Ungläubige wie möglich mit sich in den Tod zu reißen.

Ein diffuses, dezentrales Netzwerk

Al Qaida wurde zu einer diffusen Ansammlung kleiner Trupps, wodurch allerdings die Bedrohung nicht geringer wurde (und immer noch nicht verschwunden ist), da ein einzelner, mit einer Bombe bewaffneter Attentäter auf dem Times Square in New York potentiell die Panik und das Blutvergießen des 11. September wiederholen kann. Bin Laden ist zwar als Anführer lange schon bedeutungslos, war für viele aber nach wie vor ein Symbol des Märtyrertums und der Vernichtung. In der Geschichte der muslimischen Welt ist er ohne Beispiel.

In dem Durcheinander, das er in der islamischen Welt auslöste, wurden Muslime in Extremisten und Gemäßigte geschieden – etwas, was sich in diesem Ausmaß noch nie zuvor ereignet hatte.

Demonstranten in Kairo; Foto: AP
Nicht für den Dschihad, sondern für Freiheit und Demokratie gehen in der arabischen Welt junge Menschen auf die Straße: Demonstranten in Kairo fordern nach der Revolution des 25. Januar die Garantie von Presse- und Meinungsfreiheit sowie politischer Partizipationsrechte.

​​Und er spaltete den Glauben noch weiter, indem er Millionen gläubiger Muslime als Häretiker bezeichnete, da sie seine, auf die Idee des Heiligen Krieges reduzierte Vorstellung von Islam, nicht teilten. Der Schrecken, den seine radikalen Ansichten unter totalitären islamischen Herrschern auslöste, führte dazu, dass lange Zeit kaum jemand den Mut hatte, ihm die Stirn zu bieten.

In der Tat ist es so, dass es heute in der arabischen Welt die jungen Menschen sind, die nicht für den Dschihad, sondern für Freiheit und Demokratie auf die Straße gehen. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es Bin Laden trotz 30-jähriger Anstrengungen nicht gelang, in der arabischen Welt Unterstützung zu finden, was dazu führte, dass Muslime heute fast durch die Bank seine Vorstellungen von einem weltweiten Dschihad ablehnen.

Das Erbe des Top-Terroristen

Dennoch wird sein Vermächtnis noch eine Generation lang die muslimische Welt überschatten. Von seinen Anhängern werden wir schon sehr bald hören. In nächster Zeit ist mit Racheakten zu rechnen, im Besonderen mit Selbstmordanschlägen in Afghanistan, Pakistan und im Nahen Osten. Auch seine Vorstellung vom Dschihad wird nicht einfach verschwinden, da ihr zahlreiche Randgruppen weiterhin anhängen.

Auch wenn die weiteren politischen Ansprüche dieses Denkens ein Ende gefunden haben, führt es in muslimischen Gesellschaften doch zu einer weit verbreiteten Intoleranz gegen Christen, Juden, andere religiöse Minderheiten und selbst gegen Strömungen innerhalb des Islams, beispielsweise gegen Sufis.

Dennoch ist Bin Ladens Tod weltweit auch eine große Chance. Präsident Barack Obama muss nun sein vor zwei Jahren in Kairo gegebenes Versprechen einlösen, Brücken zur islamischen Welt zu bauen.

Am wichtigsten dafür wird es sein, dass die Amerikaner sich für einen fairen und gerechten Friedensvertrag zwischen Israelis und Palästinensern einsetzen. Gleichzeitig muss der Westen den neuen arabischen Gesellschaften, die aus den Ruinen der alten Diktaturen entstehen, freundschaftlich und offen begegnen.

Bin Ladens Tod wird es auch einfacher machen, Friedensgespräche zwischen den Taliban, der Regierung in Kabul und den USA zu eröffnen. Nun, da Bin Laden tot ist, stehen die Taliban nicht länger in der Schuld von Al Qaida.

Nach dem Sturz der Taliban, 2001, finanzierte Al Qaida die Bewegung und bildete sie weiter aus. Die älteren Talibanführer hatten da aber schon lange genug von der Überheblichkeit der arabischen Gotteskrieger.

Die Taliban möchten in ein Heimatland frei von Ausländern, inklusive Amerikanern, zurückkehren, sie haben jedoch kein Interesse daran, Anschläge auf Botschaften oder Supermärkte in westlichen Hauptstädten zu verüben. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht, dass sich bislang kein afghanischer Taliban am globalen Dschihad beteiligt hat.

Für die Taliban ist es nun viel einfacher geworden, ihre Verbindungen zu Al Qaida zu kappen und als Afghanen – und eben nicht als Teil eines weltweiten Dschihad – zu verhandeln. Die NATO und die Nachbarstaaten Afghanistans müssen die Chance ergreifen und politisch wie militärisch so handeln, dass Präsident Hamid Karzai mit den Taliban verhandeln und den seit 33 Jahren andauernden Krieg beenden kann.

Zeit zur Neuorientierung

Ahmed Rashid; Foto: AP
Ahmed Rashid: "Die Helden der Extremisten sind tot oder liegen im Sterben, ihre Ideologie ist bankrott. Heute müssen Muslime einen Ausweg aus dieser Sackgasse des Extremismus finden."

​​Auch Pakistan, ein Land das zur Brutstätte des Extremismus und der Intoleranz geworden ist, muss diese Chance, die Richtung zu wechseln, ergreifen. Die Lage von Bin Ladens Versteck hat ein weiteres Mal gezeigt, wie gespalten Pakistans Militär und Geheimdienste sind.

Für einige Pakistanis war er ein Held, da er dem Westen Widerstand leistete und weil es in Pakistan an Helden mangelt. Vielleicht haben die Führer Pakistans nun den Mut, die bin Laden umgebenden Mythen platzen zu lassen und zu zeigen, dass er ein politischer Parasit war, der zu Selbstmordanschlägen aufrief, die pakistanischen Taliban mit gründete und in einem Land Intoleranz schürte, das vor seiner Ankunft mit sich halbwegs im Reinen gewesen war.

Auf die Kolonialisierung muslimischer Gesellschaften durch den Westen folgten die Unabhängigkeitskämpfe und auf diese wiederum Stillstand und Unterdrückung. Bin Laden wurde zu einer Zeit bekannt, als Muslime nach einem Ausweg aus diesen Widersprüchen suchten und er wollte uns weit zurück in die Vergangenheit schicken.

Heute müssen Muslime einen Ausweg aus dieser Sackgasse des Extremismus finden. Die Helden der Extremisten sind tot oder liegen im Sterben, ihre Ideologie ist bankrott.

Es obliegt den Anführern der muslimischen Zivilgesellschaft, sie endgültig an den Rand zu drücken, damit wir wieder – wie es 1947 Mohammed Ali Jinnah, der Gründer Pakistans sagte (und die arabische Jugend von heute fordert das selbe) – in die Moscheen und Tempel und Kirchen gehen und frei unseren Glauben ausüben und unserem Leben nachgehen können. Wir befinden uns an einer Wasserscheide. Entscheidend wird sein, ob der Westen und die muslimische Welt die sich bietende Chance ergreift.

Ahmed Rashid

© Heinrich Böll Stiftung 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Neue Chancen für Afghanistan, den Westen und die islamische Welt

Ich stimme der Diagnose von Ahmed Rashid zu. Seine Erinnerung an den Staatsgründer Pakistans, Mohammed Al Jinnah, ist aber zu optimistisch. Die Idee eines Staates für die indischen Muslime war zu idealistisch, sie hat mehr Unglück und Krieg bewirkt als die Kolonialherrschaft, die dieser Staat ablösen sollte. Die Entwicklung verläuft weiter in Richtung einer islamistischen Militärdikatur, mit Unterstützung der islamischen Massen - s. die Ermordung eines der wenigen christlichen Politiker Pakistans und die Befreiung seines Mörders!

Hermann Joseph ...21.05.2011 | 15:46 Uhr