Ein Unterstützer der tunesischen Ennahda-Partei auf einer Pro-Regierungsdemonstration in Tunis im Februar 2013; Foto: Louafi Larbi/Reuters
Nach dem Arabischen Frühling

Wege zu einem authentischen Säkularismus

Der demokratische Wandel in den Ländern der Arabellion muss verflochten sein mit der Fähigkeit religiös orientierter politischer Akteure, eine Form des politischen Säkularismus zu entwickeln, der mit den kulturellen Traditionen der Länder vereinbar ist. Ein Essay von Nader Hashemi

Zwei Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings bestätigt eine Reihe politischer Entwicklungen eine Behauptung aus meinem Buch "Islam, Secularism and Liberal Democracy" (2012). Darin argumentierte ich, dass in muslimischen Gesellschaften der Weg zur Demokratie, welche Biegungen und Wendungen er auch nevhmen wird, "nicht umhin kann, die Tore der religiösen Politik zu durchqueren". Damit meinte ich zweierlei Dinge.

Buchcover 'Islam, Secularism and Liberal Democracy: Toward a Democratic Theory for Muslim Societies' von Nader Hashemi; Quelle: Oxford University Press
In muslimischen Gesellschaften kann der Weg zur Demokratie nicht umhin, "die Tore der religiösen Politik zu durchqueren".

​​Zum einen ist es nötig, die Rolle der Religion in der Politik der zurzeit entstehenden muslimischen Staaten demokratisch zu verhandeln. Politischer Säkularismus muss errungen und nicht vorausgesetzt werden. Die Annahme, dass muslimische Gesellschaften sich seit langer Zeit mit dem emotionalen und kontroversen Thema der normativen Rolle von Religion in der Politik auseinandersetzen und dass bereits ein breiter demokratischer Konsens bei diesem Thema besteht, hat sich als Trugschluss erwiesen. Anders gewendet: Die Geschichte des Westens stellt kein universelles Modell für die Entwicklung von Geschichte dar. Die Annahme, dass die muslimische Welt bezüglich der Rolle der Religion in der Politik dieselben historischen Erfahrungen gemacht hat wie der Westen, ist schlichtweg falsch.

Religion und Politik

Zum zweiten argumentierte ich, dass religiös begründete Parteien und religiöse Intellektuelle eine besonders wichtige Rolle in der Demokratisierung ihrer Länder spielen könnten, vorausgesetzt, dass sie ihre politische Theologie mit den universellen Standards der Menschenrechte und den modernen Anforderungen der Demokratie in Einklang brächten. Letztere Entwicklung findet bereits statt – zwar nur allmählich, doch ihre Existenz kann nicht geleugnet werden.

Beispielsweise demonstriert die führende Rolle der islamistischen Ennahda-Partei im demokratischen Übergang Tunesiens, dass Formen von religiöser Politik und demokratischer Entwicklung tatsächlich vereinbar sind. Auch wenn die Lage der religiösen Parteien in Ägypten komplizierter ist, kann man auch in diesem Land einen ähnlichen Trend beobachten.

Wirft man einen Blick in die Zukunft, dann ist klar, dass ein demokratischer Wandel in muslimischen Gesellschaften auch weiterhin tief verflochten sein wird mit der Fähigkeit religiös orientierter politische Akteure, eine Form des politischen Säkularismus zu entwickeln, der mit den kulturellen Traditionen des Landes vereinbar ist.

Postkoloniales Erbe

Islamisten demonstrieren zur Unterstützung Mohammed Mursis vor dem Obersten Gerichtshof in Kairo, 20. Dezember 2012; Foto: Amr Nabil/AP/dapd
"Die Geschichte des Westens stellt kein universelles Modell für die Entwicklung von Geschichte dar. Die Annahme, dass die muslimische Welt bezüglich der Rolle der Religion in der Politik dieselben historischen Erfahrungen gemacht hat wie der Westen, ist schlichtweg falsch", schreibt Nader Hashemi.

​​Um die Demokratie zu erhalten und zu stärken, muss sich dieser authentisch verwurzelte "islamische Säkularismus" dem annähern, was der Gelehrte Alfred Stepan als "Twin Tolerations" (Doppeltolerierung) bezeichnete. Er meinte damit, dass eine klare Unterscheidung zwischen politischen Autoritäten und religiösen Gremien ebenso essentiell sei, wie der gegenseitige Respekt. Dies wird nur schwer zu erreichen sein, teilweise weil dieser Prozess von Natur aus von Konflikten beherrscht ist, aber auch aufgrund des brutalen Vermächtnisses der postkolonialen säkularen Staaten in der arabisch-islamischen Welt und den säkularen nationalistischen Ideologien, auf welche sich diese stützten.

Die Herausforderungen, die der arabisch-islamischen Welt bezüglich des politischen Säkularismus bevor stehen, wurden im September 2011 bei der Ägypten-Reise des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdogan, dessen Land von den meisten Islamisten als eine Art politisches Model erachtet wird, deutlich. Er wurde dort wie ein Held bejubelt. Tausende Menschen, zum Großteil Unterstützer der Muslimbrüder, kamen, um einen Blick auf den türkischen Führer zu erlangen. "Erdogan! Erdogan! Ein wahrer Muslim und kein Feigling", riefen sie, als sie ihn sahen.

Als Teil seiner Medienkampagne gab Erdogan ein Interview in der bekannten ägyptischen Talkshow "10 O'clock", in dem er das Konzept des Säkularismus verteidigte. "Seid nicht misstrauisch gegenüber dem Säkularismus. Ich hoffe, dass es einen säkularen Staat in Ägypten geben wird", verkündete er und erklärte weiterhin: "Ägypter, die glauben, dass der Säkularismus die Religion vom Staat entfernt oder ein ungläubiges Staatssystem ist, befinden sich im Irrtum. Säkularismus bedeutet Respekt gegenüber allen Religionen. Wenn dies umgesetzt wird, kann die ganze Gesellschaft in Sicherheit leben."

Die Reaktion der Muslimbrüder auf diese Worte war auffallend deutlich. Die anfängliche Begeisterung und der Enthusiasmus für den türkischen Premierminister schlugen schnell um. Plötzlich wurde er beschuldigt, sich in Ägyptens interne Angelegenheiten einzumischen und ohnehin nur die Vorherrschaft in der Region anzustreben. Erdogans Heldenstatus wurde in Frage gestellt, ebenso die Vorbildhaftigkeit der Türkei für die arabische Welt.

Vom säkularen zum zivilen Staat

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan besuch Kairo im September 2011; Foto: Khalil Hamra/AP/dapd
"Ein wahrer Muslim und kein Feigling!" Während seines Besuchs in Ägypten, verteidigte der türkische Premierminister Erdogan das Konzept des Säkularismus: "Seid nicht misstrauisch gegenüber dem Säkularismus", forderte er - was in Ägypten zum Teil auf Empörung stieß.

​​Erklären lässt sich dies durch das Vermächtnis der Modernisierungsprozesse, die muslimische Gesellschaften im 20. Jahrhunderts durchlebten. Türkische Erfahrungen mit Säkularismus und Demokratie unterscheiden sich von denen der arabischen Welt, wo das Wort Säkularismus jedes Gespräch verstummen lässt. Derzeit scheint sich eine Wortschöpfung zu etablieren, die ein Konzept beschreibt, das sich sowohl von einem säkularen als auch einem islamischen Staat unterscheidet: Es handelt ist sich um die Idee von al-dawla al-madaniya ("Zivilstaat"). Dies ist, was die Mehrheit der islamistischen Parteien nach eigenen Angaben anstrebt.

Eine Einigkeit über die Bedeutung dieses Konzepts, das Kernthemen wie Minderheitenrechte, Geschlechterrollen, die Art des Rechtssystems und Gewaltenteilung einschließt, herrscht allerdings noch nicht. Das Thema wird in der arabischen Welt energisch diskutiert und die Öffnung des politischen Raums und das Erblühen einer Mehrparteien-Politik wird zwangsläufig Klarheit in diesen Bereichen schaffen. Angesichts der Tatsache, dass Tunesien ein Vorbote dessen sein kann, wie ein islamistisch geführter "Zivilstaat" aussehen könnte, gibt dies Grund für Hoffnung.

Nader Hashemi; foto: Namjoo Hashemi
Nader Hashemi unterricht Nahoststudien und Islamische Politik an der Josef Korbel of International Studies der Denver University.

​​In vielerlei Hinsicht repräsentiert Tunesien ein Lichtblick im Arabischen Frühling, besonders in Bezug auf die Versöhnung von Islam, Säkularismus und Demokratie. Rashid Ghannouchi, der geistige Führer und Gründer von Ennahda, spielt hierin eine Vorreiterrolle. Durch eine Reihe von Interviews und Vorträgen hat er damit begonnen, die Spannung zwischen Säkularismus und islamisch-politischen Denken zu lockern.

Diese Debatten und politischen Transformationen erinnern an das Konzept der "multiple modernities" des Soziologen Shmuel Eisenstadt. Dieser argumentierte, dass das kulturelle Umwandlungsprogramm und die aus Europa stammenden institutionellen Regelungen nicht der einzige Weg in die Moderne seien. Verschiedene Kulturen und Regionen begehen verschiedene Wege und können unterschiedliche Erfahrungen in ihren Modernisierungsprozessen vorweisen. Mit anderen Worten, ein Modell kann nicht auf die ganze Welt angewandt werden, vor allem nicht wenn es darum geht, die tiefen Spannungen zwischen Religion, Säkularismus und Demokratie auszusöhnen.

Diese Beobachtung hat besondere Relevanz im Fall der gegenwärtigen arabisch-islamischen Welt. Wir sollten sie stets im Hinterkopf behalten, da wir versuchen, die sich entfaltenden Ereignisse des Arabischen Frühlings zu verstehen, ebenso wie den einzigartigen Weg der demokratischen Entwicklung, den die muslimischen Gesellschaften zurzeit beschreiten.

Nader Hashemi

© Qantara.de 2013

Aus dem Englischen von Laura Overmeyer

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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