Ägyptische Demonstrantin in Kairo während einer Protestaktion gegen die Muslimbrüder (Foto: picture alliance/landov)
Muslimbrüder und Frauenrechte in Ägypten

Ein Projekt des patriarchalen Extremismus

In ihrem Essay beschreibt die Historikerin und Feministin Margot Badran, wie die Muslimbruderschaft die internationalen Beschlüsse der UN-Frauenrechtskommission in Frage stellt – und damit die demokratischen Errungenschaften der ägyptische Revolution insgesamt.

Dank der Revolution des 25. Januar schienen Meinungsfreiheit und andere Formen des öffentlichen Diskurses nach jahrzehntelanger Repression und Diffamierung des politischen Gegners wieder möglich. Doch diese Errungenschaften sind nun durch die von den Muslimbrüdern betriebene Politik der patriarchalen Unterdrückung erneut in Gefahr.

Die Führung der Muslimbruderschaft (nicht die Ikhwan-Jugend und die abgespaltenen Gruppierungen innerhalb der Partei) lässt deutlich durchblicken, dass allein sie beansprucht, über Fragen der Menschenrechte zu entscheiden und was gut und notwendig für alle Bürger ist. Ihre autoritäre Arroganz ist unverkennbar.

Ungeniert benutzen sie den Islam, um das patriarchale System zu stützen, an dem sie festhalten und das ihnen Macht garantiert. Was sie in den vergangenen zwei Jahren sukzessive in die Mitte des inzwischen ausgedienten Parlaments und die Medien einbrachten, haben die Muslimbrüder nun zu einer offiziellen Deklaration ihres patriarchalen Projekts zusammengefügt.

"Schreckgespenst Frauenrechte"

Symbolbild Machtkampf in Ägypten (Foto: shoot4u/Fotolia.com/DW)
Tauziehen um die Macht in Staat und Gesellschaft: "Die ägyptische Revolution, die eine umfassende Transformation der Gesellschaft bedeutet, wird erst dann erfolgreich sein, wenn das gesamte patriarchale System überwunden ist", schreibt Badran.

​​Doch was genau war der Auslöser dafür, mag man sich fragen. Kann das als eine Antwort auf das "Schreckgespenst Frauenrechte" oder die Sorge vor einem schleichenden "Egalitarismus" gewertet werden? Auf dem 57. Treffen der UN-Frauenrechtskommission ("UN Commission on the Status of Women") vom 4. bis 15. März in New York wurde das Problem der Gewalt gegen Frauen erörtert. Am Ende der Sitzung hatte man sich in einer Erklärung auf ein Maßnahmenpaket zum Schutz vor Gewalt gegen Frauen geeinigt.

Anstoß der Debatte waren die jüngsten physischen Attacken und sexuellen Übergriffe auf Frauen auf den Straßen und öffentlichen Plätzen Ägyptens. Empörte junge Frauen wie Männer hatten daraufhin die Eigeninitiative ergriffen, da die islamisch geführte Regierung ohnehin nur dazu in der Lage ist, sich allein zu schützen, nicht aber die eigenen Bürger. Bewusst wollten diese jungen Menschen mit ihrer Aktion ein Zeichen setzen.

Man konnte beobachten, wie die Muslimbrüder vor einiger Zeit erbittert ihren Hauptsitz verteidigten, als sie angegriffen wurden, wobei sie allerdings nicht davor zurückschreckten, auch Frauen zusammenzuschlagen – obwohl sie doch stets betont hatten, die ägyptische Frauen grundsätzlich wertzuschätzen.

Anstatt sich den Forderungen nach einem Ende der Gewalt gegen Frauen anzuschließen, ergriffen die Muslimbrüder während der Sitzung der UN-Frauenrechtskommission die Gelegenheit, diese internationalen Bemühungen unter Beschuss zu nehmen.

Falls sie damit beabsichtigten, von ihrem schwindenden Einfluss abzulenken, so haben sie jedoch das Gegenteil erreicht. Denn damit haben Sie die Befürworter von Gerechtigkeit, Freiheit und Würde nur noch mehr angespornt, entschiedener für die demokratische Transition ihrer Gesellschaften zu kämpfen, deren Anfang die Revolution bildete.

Die Muslimbrüder verurteilten die von der UN-Frauenrechtskommission geforderte Beseitigung jeglicher Form von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Ihr Argument: Der Artikel widerspräche den Prinzipien des Islam und untergrabe die islamische Ethik und familiäre Ordnung.

Mantra von der kulturellen Invasion des Islams

Die Islamisten warnen vor einer vollständigen gesellschaftlichen Desintegration, falls die Erklärung in Kraft gesetzt werden sollte. Diese Behauptung überboten sie sogar noch mit dem alten Mantra, dass dies eine intellektuelle und kulturelle Invasion muslimischer Staaten darstelle. Im Zuge dessen würden die spezifisch moralischen Grundwerte und Strukturen, die für den Zusammenhalt der islamischen Gesellschaften stünden, beseitigt. Doch dieses alte religiös-kulturelle Argumentationsschema ist mehr als fadenscheinig.

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi (Foto: Reuters)
Autoritäre Arroganz: "Die Führung der Muslimbruderschaft lässt deutlich durchblicken, dass nur sie allein das Recht beansprucht, über Fragen der Menschenrechte zu entscheiden", kritisiert Badran.

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In ihrer Erklärung warnen die Muslimbrüder vor den gesellschaftlichen Folgen, die durch die Ratifizierung des UN-Dokuments entstünden.

Ferner gibt die Erklärung der Muslimbrüder Auskunft darüber, was Mädchen und Frauen tun sollten und was nicht, was sie sein sollten und was nicht. Tatsächlich hat diese Erklärung nichts anderes als die Kontrolle der Männer über Frauen zum Inhalt. Nicht ein einziges Wort ist zur Gewaltanwendung gegen Frauen, zu körperlicher und sexueller Gewalt sowie zur Verletzung von Frauenrechten zu lesen. Eher handelt es sich um ein Dokument, das die Sorge der Männer um ihre bisherigen Privilegien, ihre Macht und Autorität reflektiert.

Patriarchaler Atavismus

Als "destruktive Instrumente, die einer Schwächung der Familie als wichtige Institution gleichkommt und die gesamte Gesellschaft zerrüttet" führen die Muslimbrüder folgende Punkte gegen die UN-Erklärung an, darunter:

1. den Austausch der "Vormundschaft" durch "Partnerschaft", wodurch sich die gesamten Aufgabenaufteilungen und Rollen innerhalb der Familie zwischen Mann und Frau verschieben, z.B. in Fragen der Finanzierung, Kindererziehung und bezüglich der im Haushalt anfallenden Arbeit.

2. Die Verlagerung der Autorität in Scheidungsfragen vom Ehemann zum Richter (was eigentlich bereits vor einem Jahrzehnt durch den als khul bekannten Mechanismus geschehen ist. Dieser ermöglicht Frauen eine Scheidungsanfrage an Richter zu stellen.)

3. die Aufhebung der Zustimmungspflicht der Ehemänner bezüglich der Reisefreiheit von Frauen

(Die vollständige Liste der Einwände ist unter Ikhwanweb einzusehen)

Diese Punkte verdeutlichen, in welchem eklatanten Widerspruch der "patriarchale Atavismus" der Muslimbrüder zur ägyptischen Revolution steht. Das Patriarachat als ein Kontrollregime der Älteren über die Jüngeren, der Männer über die Frauen, der Priviligierten über die weniger Priviligierten hat keine Zukunft.

Die verschiedenen Formen der Frauenunterdrückung, die letztlich dazu dienen sollen, die Vorherrschaft von einigen wenigen zu sichern, sind auf Dauer zum Scheitern verurteilt. Die Revolution, die eine tiefgreifende und umfassende Transformation der Gesellschaft bedeutet, wird zum abschließenden Erfolg führen, wenn das gesamte patriarchale System beseitigt ist.

Der Islam wird dann auch nicht mehr als Deckmantel patriarchaler Politik herhalten. Und die Gleichheit hinsichtlich der Geschlechter, Klassen, Ethnien und Konfessionen wird sich letztlich durchsetzen können – ein ungeteilter säkularer und religiöser Triumph gleichermaßen.

Margot Badran

© Al-Ahram Online 2013

Margot Badran ist Historikerin und Expertin für Feminismus, spezialisiert auf den Nahen Osten und die arabische Welt. Sie ist Forscherin am "Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington". Ihr jüngstes Buch trägt den Titel "Feminism in Islam: Secular and Religious Convergence".

Übersetzt aus dem Englischen von Joana Bobie-Amoah

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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