Anhänger der Muslimbruderschaft tragen auf einer Demonstration Plakate mit dem Foto von Präsident Mursi und der Aufschrift "Das Volk will den Aufbruch"; Foto: AP
Muslimbrüder in der Opferrolle

''25 TV-Kanäle arbeiten gegen uns''

Unfaire Medien, feindliche Opposition, gewalttätige Demonstranten: Viele Muslimbrüder sehen sich zu Unrecht angegriffen. Besuch in einem Parteibüro der Islamisten in Kairo. Von Markus Symank

Kairo. Wenn es so etwas wie einen liberalen Flügel der Muslimbruderschaft gibt, dann ist Ahmed Abdel Futuh ein Teil davon. "Wir brauchen mehr Demokratie innerhalb unserer Organisation", fordert der junge Politiker von der Partei Freiheit und Gerechtigkeit (FJP), dem politischen Arm der ägyptischen Muslimbruderschaft. Der Basis müsse mehr Mitspracherecht eingeräumt werden, sagt Abdel Futuh: "Ägypten verändert sich, und um Schritt zu halten, müssen wir uns ebenfalls verändern."

Der Vorwurf, dass die Muslimbruderschaft Demokratiedefizite aufweise, ist alles andere als neu. Selten aber hört man ihn aus dem Mund eines Mitglieds der Organisation selbst. Auch in anderen Punkten präsentiert sich Abdel Futuh nicht als stromlinienförmiger Muslimbruder. Die seit Wochen anhaltende Kritik an der Regierung hält er für legitim, die "Wut der Menschen" sei angesichts der hohen Erwartungshaltung nach der Revolution verständlich. Dann aber schiebt er einen Satz nach, der weniger versöhnlich klingt: "Leider hören viele Demonstranten auf die Propaganda der Opposition und der Medien, die von den Anhängern des alten Regimes und dem Ausland gesteuert werden."

"Mursi erfolgreicher als Mubarak"

Die Islamisten in der Opferrolle, bedroht von unfairen Medien, feindseliger Opposition und gewalttätigen Demonstranten – diese Sichtweise ist innerhalb der Muslimbruderschaft weit verbreitet. Im Kairoer Stadtteil Dar al-Salam, in dem Abdel Futuh für die FJP arbeitet, teilen viele diese Meinung. Die gut zwei Millionen Bewohner des Bezirks sind größtenteils arm oder gehören der unteren Mittelschicht an, fast alle sind Muslime. In kaum einem Kairoer Quartier stimmten vor zwei Monaten mehr Menschen für die neue, religiös gefärbte Verfassung.

Ahmed Abdel Futuh (links) und Ahmed Ridan (rechts) von der ägyptischen FJP; Foto: Markus Symank
Ärger über die Haltung des Westens zu den Muslimbrüdern: Plötzlich poche das Ausland auf Demokratie und Menschenrechte. Dabei sei doch erstmals ein vom Volk gewählter ziviler Präsident an der Macht, meint Ahmad Ridan, der Vorsitzende der FJP im Kairoer Stadtteil Dar al-Salam (rechts).

​​Das Wahlergebnis hätte allerdings noch viel eindeutiger ausfallen können, wären da nicht die Medien, behauptet FJP-Mitglied Mohammed Hamada Hassan, ebenfalls aus Dar al-Salam. Die privaten Zeitungen und Fernsehkanäle verbreiteten rund um die Uhr Lügen, schimpft er. "Die Opposition hat mehr als 25 TV-Kanäle auf ihrer Seite. Wir haben drei. Dass wir die Wahl trotzdem gewonnen haben, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind", sagt Hassan, bevor er eine Broschüre aus seinem langen Gewand kramt, auf der ein freundlich lächelnder Mohammed Mursi abgebildet ist.

"Was macht eigentlich der Präsident?" steht in großen Buchstaben auf dem Faltblatt, gefolgt von einer Aufzählung der bisherigen Errungenschaften seiner noch kurzen Amtszeit. Rentenerhöhung, Schuldenerlass für Bauern, Waffenstillstandsabkommen zwischen Hamas und Israel. In nur sieben Monaten habe Mursi mehr erreicht als sein Vorgänger Husni Mubarak in 30 Jahren, so Hassan.

Vermeintlicher Religionskampf

Der FJP-Veteran Hassan ist zwei Generationen älter als Abdel Futuh. Wörter wie Demokratie und Gewaltenteilung gehören nicht zu seinem Alltagsvokabular. Stattdessen redet er lieber vom "Krieg", in dem sich die Muslimbruderschaft befinde. "Was wir in Ägypten erleben, ist keine Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition, oder zwischen verschiedenen politischen Strömungen", sagt der Islamist. "Es ist der alte Kampf zwischen Christentum und Islam, mit Amerika auf der einen Seite, und uns auf der anderen. Amerika tut alles, um den Aufstieg des Islam in Ägypten zu verhindern, aber mit Gottes Hilfe werden wir siegen."

Ein Mann malt eine Karikatur am Tahrir-Platz in Ägypten: Schrecksgespenst Muslimbrüder; Foto: Reuters
Schreckgespenst Muslimbrüder: Bedroht von unfairen Medien, feindseliger Opposition und gewalttätigen Demonstranten. Viele Anhänger der Muslimbrüder glauben, dass ihre Partei Opfer einer Verschwörung von Kritikern ist.

​​An der Front des vermeintlichen Religionskrieges ist der ehemalige Lebensmittelverkäufer Hassan bereits seit seiner Jugend im Einsatz der Muslimbruderschaft tätig. Nach dem Volksaufstand gegen Langzeitdiktator Husni Mubarak wurde er mit einem Posten in der FJP belohnt. Das Netzwerk, das er sich als Geschäftsmann aufgebaut hat, soll nun der Partei zu Gute kommen im Kampf um Wählerstimmen.

Reich macht Hassan seine neue Stelle nicht: 1500 ägyptische Pfund, umgerechnet etwa 170 Euro, bekommt er laut eigener Aussage pro Monat. In seinem Büro im Herzen von Dar al-Salam bröckelt der Putz von den Wänden, ein einsamer Computer ist das einzige moderne Ausstattungsstück. "Die Liberalen werden vom Ausland bezahlt, nicht wir. Könnten wir uns sonst etwa nicht eine komfortablere Einrichtung leisten?", kommentiert Hassan.

Doppelmoral des Westens

Der Vorsitzende der FJP in Dar al-Salam, Ahmed Ridan, sieht die Muslimbrüder ebenfalls als Opfer einer Verschwörung, verzichtet allerdings auf die martialische Rhetorik seines älteren FJP-Kollegen. "Die Liberalen haben keinen Respekt vor der Demokratie", sagt Ridan. Wie könnten sie zum Sturz von Mursi aufrufen, wo dieser doch vom Volk gewählt worden sei? Wieso wollten sie eine Verfassung für ungültig erklären, zu der die Menschen Ja gesagt hätten?

Auch den Westen klagt der Politiker an. Dieser habe 30 Jahre lang den Diktator Husni Mubarak hofiert. Nun, da erstmals ein vom Volk gewählter ziviler Präsident an der Macht sei, poche das Ausland plötzlich auf Demokratie und Menschenrechte: "Mursi werden mehr Steine in den Weg gelegt als jedem anderen Präsidenten."

Den Vorwurf, die Muslimbruderschaft verfolge eine antidemokratische Agenda, weist Ridan zurück. Niemand sei stärker daran interessiert, dass das Volk frei seine Meinung sagen könne, als die Muslimbruderschaft, denn "niemand ist näher am Puls der Leute als wir".

"Die Leute sehen, was wir für sie tun"

Tatsächlich nimmt sich die Präsenz der Linken und Liberalen in Dar al-Salam gegenüber der FJP bescheiden aus. Die Muslimbruderpartei kann hier auf das jahrzehntealte Hilfsnetzwerk der Mutterorganisation zurückgreifen, auf Suppenküchen und Kliniken für Arme. 500 000 Personen würden von den Diensten der Muslimbrüder in Dar al-Salam profitieren, sagt Ridan: "Keine andere Partei kann etwas Vergleichbares vorweisen. Wir sind die einzigen, die etwas für die Menschen tun."

Am 25. Januar dieses Jahres, dem zweiten Jahrestag der ägyptischen Revolution, organisierte die FJP Essensausgaben für Arme sowie ein Sportereignis für die Jugendlichen des Stadtteils. Während die regierungskritischen Demonstranten versucht hätten, staatliche Einrichtungen zu zerstören, habe man an der "Zukunft des Landes" gebaut, sagt Ridan.

Markus Symank

© Qantara.de 2013

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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