Der Rapper Amkoullel (l.) tritt gemeinsam mit dem berühmten Kora-Spieler Yacouba Sissoko im Pili Pili Club in Bamako auf; Foto: DW/Tamasin Ford
Musikzensur in Mali

''Es ist, wie im Gefängnis zu sein''

Die militanten Islamisten im Norden Malis haben in ihrem Einflussbereich jede Form von Musik verboten. Viele Musiker sind aus Angst um ihr Leben geflohen. Im Exil in Bamako singen sie gegen die Gewalt. Tamasin Ford berichtet aus Bamako.

Das Publikum wartet gespannt auf den weltberühmten Musiker Yacouba Sissoko, der gerade mit seiner Kora, einem traditionellen harfenähnlichen Instrument, die Bühne im Pili Pili Club in Bamako betritt.

Die Bar im Herzen der malischen Hauptstadt Bamako ist nicht nur für seine afrikanische Küche bekannt, sondern auch für die Auftritte der bekanntesten Musiker des Landes. Doch jetzt, da militante Rebellen den Norden des Landes noch zum Teil besetzt halten, wird die Musik stark zensiert.

Rigide Regeln im Norden

Zouzou, ein Sänger aus Gao im Norden, ist einer der vielen Musiker, die nach Bamako in den Süden des Landes geflohen sind, nachdem im letzten Frühjahr die mit der Al-Qaida verbündeten Milizen die Kontrolle über Nordmali übernommen hatten.

Der malische Sänger Zouzou, Pili Pili Club Bamako; Foto: DW/Tamasin Ford
''Man braucht Freiheit, um sich wie ein Mensch zu fühlen!'': Der aus Gao stammende Sänger Zouzou ist einer der vielen Musiker, die in den Süden des Landes flohen, nachdem im letzten Frühjahr islamistische Milizen die Kontrolle über Nordmali übernommen hatten.

​​Die Islamisten verbieten jede Form von Musik - sogar Klingeltöne für Mobiltelefone. "Ich fühle mich sehr schlecht. Meine Eltern sind noch im Norden und leiden. Und die Musik leidet auch", erzählt Zouzou.

Die Milizen haben Verbindungen zu kriminellen Banden, Drogenhändlern und Waffenschmugglern. Sie werden von religiösem Eifer angetrieben. In dem von den Islamisten beherrschten Regionen werden extreme Formen der Scharia angewandt, darunter auch die Bestrafungsformen der Steinigungen und Amputationen. Die Islamisten zerstörten Gräber, historisch einzigartige Lehm-Moscheen und UN-Weltkulturerbe-Stätten, weil sie diese für anti-islamisch halten.

Zudem erließen sie offizielle Dekrete, die jede westliche Musik verbieten. "Es ist wie im Gefängnis, ohne Freiheit. Aber man braucht Freiheit, um sich wie ein Mensch zu fühlen", sagt Zouzou.

Musikverbote und Todesdrohungen

Nach den Musikverboten bekamen Musiker immer häufiger Todesdrohungen. Das bedeutete auch das Aus für das berühmte "Festival au Désert", das Festival in der Wüste, das seit 2001 jedes Jahr in der Nähe von Timbuktu stattgefunden hat. "Darüber sind wir wirklich traurig", sagt Festival-Organisator Manny Ansar. "Wir hatten begonnen, etwas Wichtiges für Timbuktu, für ganz Mali aufzubauen. Dass es nun gestoppt wurde, ist wirklich schlimm."

Ansar stammt aus einer Familie nomadischer Hirten, die in den riesigen Dünen nördlich von Timbuktu leben. Auch er hat Todesdrohungen erhalten und kann nicht nach Hause zurückkehren. Dennoch gibt er nicht auf und wird das Festival weiter organisieren - an einem anderen Ort unter anderem Namen: "Festival au désert en exil", also das Festival in der Wüste im Exil.

Im Februar reisen zwei Karawanen mit Künstlern durch Westafrika, geben Konzerte und treffen sich schließlich zu einem dreitägigen Finale in Burkina Faso. "Wir können nicht mit Waffen gegen sie kämpfen", sagt Ansar. "Für mich ist der einzige Weg, mit Kultur und Musik zu kämpfen."

Viele Familien flüchten aus dem Norden Malis in den Süden; Foto: picture-alliance/dpa
Flucht vor Gewalt und religiösem Extremismus: Hunderttausende Menschen sind bisher aus dem Norden Malis in die Nachbarstaaten oder den Süden des Landes geflohen, vor allem in die Hauptstadt Bamako.

​​Zurück im Pili Pili Club. Amkoullel geht zum Mikrofon. Er gehört zur neuen Generation junger Rapper in Mali, die traditionelle Instrumente, wie die Kora oder die Djembe, eine lederbespannte Trommel, zu modernen Rhythmen und Texten einsetzen.

Der 33-Jährige war der erste Rapper, der vor zwei Jahren beim Festival in der Wüste in Timbuktu auftrat. Er singt über sein Selbstbild, über Immigration und Respekt und ist schon überall in der Welt aufgetreten - zusammen mit malischen Musiklegenden wie Salif Keïta, Ali Farka Toure und Toumani Diabate.

Die Musik Malis wird nicht verstummen

Für sein Projekt "Plus Jamais ça" ("Nie wieder das") brachte er Rapper, Aktivisten und Freunde zusammen, um die internationale Gemeinschaft dazu zu bewegen, in Mali zu intervenieren. So entstand das Musikvideo "S.O.S", das auch die malischen Behörden auf ihn aufmerksam machte. "SOS" kam letzten März heraus, acht Monate vor dem Militärputsch ind er Hauptstadt. Es zeigt Videoaufnahmen von Männern mit Gewehren und Frauen, die aus ihren Häusern vertrieben wurden.

Der malische Rapper Amkoullel bei einem Auftritt im Pili Pili Club in Bamako; Foto: DW/Tamasin Ford
Musikalischer Hilferuf: Mit seinem Musik-Projekt "Plus Jamais ça" will der malische Rapper Amkoullel die Aufmerksamkeit der Welt auf die extremistische Gewalt in Mali lenken.

​​Amkoullel sagt, er hätte das Lied geschrieben, um Aufmerksamkeit zu bekommen und der Gewalt in Mali ein Ende zu setzen. Aber das Lied darf in den von der Regierung kontrollierten Medien nicht gespielt werden – nicht einmal im Süden.

Auch Amkoullel erhielt Todesdrohungen. "Ich habe nichts Falsches über die Regierung gesagt, also verstehe ich nicht, wovor sie Angst haben", sagt Amkoullel. "Aber ich werde als Künstler weiter das tun, was ich tun muss."

Ebenso wie Manny Ansar und die anderen Musiker im Pili Pili Club glaubt Amkoullel nicht, dass die Musik Malis verstummen wird. Er gibt zu, dass die Stimmen der Künstler im Norden zum Schweigen gebracht werden. Aber für ihn ist die Musik viel zu tief im Land und im Leben der Menschen in Mali verankert, als das sie jemals zum Schweigen gebracht werden könnte.

Tamasin Ford

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Mehr zum Thema
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

Seiten