Mouhanad Khorchides Buch ''Islam ist Barmherzigkeit''

Systematik für ein humanistisches Verständnis des Koran

Mouhanad Khorchide hat ein wegweisendes Buch vorgelegt, einen Meilenstein für die islamische Theologie in Deutschland. Er will den Islam und den Koran von Äußerlichkeiten befreien und auf seinen spirituellen Kern zurückführen. Von Claudia Mende

Alle monotheistischen Religionen sind enorm wandlungsfähig, auch wenn die Inhalte der heiligen Bücher seit Jahrhunderten feststehen. In einer schnelllebigen Zeit gerät leicht in Vergessenheit, wie verschieden sie im Laufe ihrer Geschichte immer wieder gedeutet wurden.

Das gilt für Christentum und Judentum genauso wie für den Islam, auch wenn das durch die Auseinandersetzung mit der fundamentalistischen Verhärtung in Teilen der arabischen Welt manchmal übersehen wird.

Schwarze Pädagogik und das Drohen mit Höllenstrafen sind ja nicht auf den Islam begrenzt. Wie man heute mit den archaisch anmutenden Bestandteilen von Religion angemessen umgehen kann, ist eine brennende Frage für alle Theologen. Im Islam ist diese Frage angesichts der Herausforderung durch radikale Islamisten und Salafisten auch politisch von großer Bedeutung.

Dialogische Beziehung zwischen Mensch und Gott

Buchcover Islam ist Barmherzigkeit von Mouhanad Khorchide im Herder-Verlag
Mit seinem Buch "Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion" will Mouhanad Khorchide den Islam mit der Moderne versöhnen.

​​Die heilige Schrift des Islam lässt sich auf menschenfreundliche Art lesen, dafür tritt der Religionspädagoge und Leiter des 2011 gegründeten Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster ein. Khorchide stellt klar, dass die juristische Seite nicht der Kern des Islam ist, sondern die dialogische Beziehung des Menschen zu einem barmherzigen Gott.

Es geht nicht darum, einem Gottes zu folgen, der wie ein Diktator oder ein archaischer Stammesfürst den Menschen unverständliche Rituale auferlegt. Gott ist auch kein Buchhalter, der zählt, wie oft jemand betet oder wie lang die Kleider und der Bart sind. Es geht vielmehr um eine menschenwürdige Gestaltung der Welt aus einer Beziehung zum Göttlichen.

Nur etwa 80 der 6.236 Verse des Koran enthalten juristische Aussagen über die Gesellschaftsordnung zum Beispiel bezüglich Erb- und Strafrecht. Sie sind aber Dreh- und Angelpunkt sowohl für die Fundamentalisten als auch für Islamhasser, die sich beide auf die gleichen Textstellen beziehen. Khorchide setzt ähnlich wie in der Tradition der islamischen Mystik dagegen: "Der Koran ist an erster Stelle ein spirituelles Buch, das es den Menschen ermöglicht, Gott zu erfahren."

Dazu bringt er einige wichtige Differenzierungen an, die einen Weg zu einem modernen Islamverständnis weisen können. Seine Unterscheidung zwischen den in Mekka und jenen in Medina entstandenen Suren entspricht dem Stand der theologischen Forschung zum Islam.

In den mekkanischen Suren hat Mohammed grundlegende Prinzipien verkündet. In den Suren, die in seiner Zeit in Medina entstanden sind, ging es um die konkrete Umsetzung dieser Prinzipien "mit den Mitteln und Erfahrungen, die ihm damals, im siebten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel zur Verfügung standen."

Ein humanistisches Koranverständnis

Khorchide unterscheidet weiterhin zwischen Mohammed als Gesandten Gottes und Mohammed als Staatsoberhaupt in Medina und folgerichtig zwischen unwandelbaren theologischen sowie zeitlich bedingten juristischen Aussagen im Koran.

Es muss in der islamischen Theologie darum gehen, die zeitlos gültigen Aussagen von den zeitlich gebundenen zu trennen, ihre Intention herauszuarbeiten und sie in für heute gültige Aussagen zu transportieren.

Mouhanad Khorchide; Foto: Peter Grewer/Uni Münster
Dass Mouhanad Khorchide mit seinem Buch auch auf Arbeiten anderer Theologen – vor allem aus der sogenannten Ankaraner Schule und auf den 2010 verstorbenen Ägypter Nasr Abu Zaid – zurückgreifen kann, schmälert seine Leistung nicht, meint Claudia Mende.

​​Khorchides humanistisches Koranverständnis baut auf den Arbeiten der türkischen Theologen aus der Ankara-Schule auf. Mit dieser Hermeneutik will er die Muslime aus dem Dilemma führen, "entweder zu den Gesellschaftsstrukturen des siebten Jahrhunderts zurückzukehren, um nach dem Koran leben zu können, oder den Koran zu verwerfen, um im Heute leben zu können".

Khorchide ist nicht der erste Theologe, der so arbeitet, aber er geht in seiner Konsequenz über bestehende Ansätze hinaus. Er entwickelt eine Systematik, wie mit problematischen Koranversen umzugehen ist. So sind zum Beispiel die Aussagen des Koran zu den Christen und Juden heterogen, sie reichen von Aussagen zur großen Wertschätzung bis zur völligen Ablehnung und sind immer wieder Gegenstand erbitterter Debatten, in denen mit den entsprechenden Versen um sich geworfen wird.

Historische Kontextualisierung

Khorchide weist die jeweiligen Aussagen ihrem historischen Kontext zu und kann so erklären, warum die Wertschätzung für die anderen Offenbarungsreligionen die eigentliche Grundaussage des Koran ist.

Khorchide führt methodisch genau die Debatten, wie sie auch christliche und jüdische Theologen kennen. Er nimmt sogar Anleihen beim 2. Vatikanischen Konzil der katholischen Kirche, wenn es um das Verständnis von Offenbarung geht. Verwerflich ist das nicht, es ist gängige Praxis in einer offenen Gesellschaft, in der sich die Wissenschaften gegenseitig inspirieren.

Der Islam hat ja auch besonders in seiner Frühzeit viele Impulse aus anderen Kulturen und Philosophien aufgenommen. Khorchide greift auch auf die neuere exegetische Forschung am koranischen Text zurück. Sie hat nämlich gezeigt, dass alle drei Buchreligionen sich viel näher sind, als das im Alltagsbewusstsein der Gläubigen häufig präsent ist.

Einleitend beschreibt der Autor die biographischen Hintergründe seiner theologischen Arbeit. Das gehört mit zum spannendsten Kapitel des Buches. Khorchide schildert sehr persönlich die Widersprüche, die er schon in seiner Kindheit erlebte.

Als in Beirut geborener und in Saudi-Arabien aufgewachsenen Sohn palästinensischer Eltern hat er sowohl den liberalen Islam seiner Familie und des Libanon als auch die traditionalistische Variante in Saudi-Arabien erlebt, der selbst ein Monopoly-Spiel als Sünde galt. Als er nach Österreich zum Studium kam, stellte er fest, dass er als Palästinenser dort viel besser behandelt wurde als in einem Land, in dem dauernd die Rede vom "wahren Islam" war.

Vieles bei Khorchide ist nicht so neu, wie der Verlag es in seiner Werbung glauben machen will. Aber er greift bereits vorhandene Ansätze auf, spitzt sie zu und gießt sie in eine Systematik für ein neues, humanistisches Verständnis des Koran. Weil das Buch auch noch verständlich geschrieben ist und sich auf viele aktuelle Debatten bezieht, hat es das Zeug zum Klassiker.

Claudia Mende

© Qantara.de 2013

Mouhanad Khorchide: "Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion", Herder-Verlag 2012, 200 Seiten, ISBN 978-3-451-30572-9

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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