Brutale Polizeigewalt gegen eine friedliche Demonstrantin in Kairo; Foto: Reuters
Mona Eltahawys Essay: ''Warum sie uns hassen''

Arabische Frauen müssen Opfer sein

Die ägyptisch-amerikanische Journalistin Mona Eltahawy veröffentlichte kürzlich einen Artikel im "Foreign Policy"-Magazin, in dem sie primär den Islam und den Hass der Männer für die Unterdrückung der Frauen in der arabischen Welt verantwortlich macht. Über die geteilten Reaktionen auf den Beitrag informiert Joseph Mayton aus Kairo.

"Wut", "Frustration", "orientalistisch", "Fehlinterpretation" … das sind nur einige wenige Begriffe, die einige arabische Frauen verwendeten, um einen kürzlich erschienenen Artikel von Mona Eltahawy mit dem Titel "Warum sie uns hassen", zu kommentieren. In diesem Beitrag vertritt Eltahawy den Standpunkt, arabische Frauen stünden unter einer Art "Belagerung" der Männer im Nahen Osten.

Sowohl der Inhalt des Artikels als auch die Illustrationen von nackten verschleierten Frauen verärgerten viele Intellektuelle. "Ich sehe den Artikel als Bestätigung für die Sichtweise wütender weißer Männer, die helfen wollen, uns arabische Frauen 'zu retten'", meint Zainab, eine junge Studentin und Frauenrechtlerin aus Tunesien. "Normalerweise denke ich, dass Beiträge Mona Eltahawys meist zutreffend sind, aber dieser Artikel sagt viel über ihren Hass auf den Islam aus und über die Absicht, arabische Frauen stets als Opfer darzustellen."

Der Islam als der "Buhmann"

 Dalia Ziada; Foto: ©  Dalia Ziada
"Es gibt schlicht und einfach keine Verallgemeinerung, die sich auf alle arabischen Frauen anwenden lässt", meint Frauenaktivistin Dalia Ziada.

​​Zainab argumentiert, dass die Art und Weise, wie der Artikel formuliert wurde, im Kern problematisch ist. Sie glaubt außerdem, dass dadurch das der Islam zum "Buhmann" erklärt wird, dem westlichen Publikum vermittelt wird, dass "wir Frauen in der arabischen Welt in hohem Maße leiden und dass sie etwas unternehmen müssen, um uns vor den schrecklichen Männern zu befreien, die uns hassen".

Für sie kommt dies einer inakzeptablen Charakterisierung aller arabischen Frauen gleich. Zainab wendet ein, dass Generalisierungen, dass angeblich alle arabischen Frauen leiden, unzulässig seien. "Es ist unmöglich und unverantwortlich, eine solche Behauptung aufzustellen", sagt sie.

Andere, die Eltahawy kritisieren, verweisen auf den Libanon, Marokko und Tunesien als Beispielländer, wo sich die Lage der Frauenrechte in den letzten Jahren verbessert hat. "Es gibt schlicht und einfach keine Verallgemeinerung, die sich auf alle arabischen Frauen anwenden lässt", meint auch Dalia Ziada, eine führende Frauenrechtsaktivistin und Kommentatorin in Kairo. "Frauenrechte sind wichtig. Wir müssen deshalb auch weiterhin dafür kämpfen, aber es gibt keine einheitliche Schlussfolgerung, die sich auf die Situation aller Frauen in der Region übertragen lässt."

Eine giftige Mischung aus Kultur und Religion

Eltahawys wütender Artikel sprach vielen westlichen Frauen dagegen aus der Seele, die den Artikel als eine zutreffende Charakterisierung des Kampfes für Frauenrechte im Nahen Osten sehen. "Es ist ein wichtiges Zeugnis einer Frau, die selbst unter den Attacken von Männern in Ägypten zu leiden hatte", erklärte eine in Kairo lebende ausländische Journalistin. "Frauen sind in Ägypten schlechter gestellt. Die Autorin kämpft berechtigterweise dagegen an und bindet die Situation in einen größeren Zusammenhang", fügt sie hinzu.

In ihrem Artikel schreibt Eltahawy: "Nenne mir ein arabisches Land, und ich präsentiere dir eine Liste von Misshandlungen, getränkt in einer giftigen Mischung aus Kultur und Religion. Viele wollen sich jedoch damit nicht auseinandersetzen, um nicht wegen Gotteslästerung am Pranger zu stehen."

Mona Eltahawy; Foto: dpa
Sexismus und Männergewalt am eigenen Leib erfahren: Die bekannte ägyptische Bloggerin Mona Eltahawy wurde im vergangenen Jahr in Ägypten zwölf Stunden lang von Sicherheitskräften festgenommen und misshandelt.

​​Einige Kommentatoren, die auf ihren Artikel Bezug nehmen, weisen allerdings auf fehlerhafte Hypothesen hin. "Sie positioniert sich in erster Linie als Feministin. Deswegen bin ich so beunruhigt über ihre Ansichten, die sie in diesem Essay zum Ausdruck bringt", beginnt Mona Kareem ihre Stellungnahme, die auf Al-Monitor.com veröffentlicht wurde.

"Die Tatsache, dass Eltahawy das Niqab-Verbot unterstützt, signalisiert ihre tendenziöse Positionierung: Sie ist eine liberale, arabische Amerikanerin, weshalb ich sie als "anglophone Feministin" bezeichnen würde", fährt Kareem fort.

Für viele Kritiker Eltahawys ist das größte Problem mit dem Artikel nicht, dass die Autorin zwar wichtige Punkte thematisiert, die in der Öffentlichkeit auch angesprochen werden müssen. Gewiss müssten einige gravierende Fälle in punkto Frauenrechte in Ägypten diskutiert werden. Es seien vielmehr Tonfall und Wortwahl, die sich in der zweiten Hälfte des Artikels veränderten und für Irritationen sorgten, so die Kritik.

Von muslimischen Männern und Islamisten

So ist in Eltahawys Beitrag anfänglich von "arabischen Männern" die Rede, dann wechselt sie zu "muslimischen Männern" und schließlich zu "Islamisten". Nach Ansicht einiger arabischer Frauen beinhaltet diese Botschaft, dass der Islam die Schuld für alle Leiden der Frauen in der arabischen Welt trägt.

Heba Radwan, eine 20-jährige Frauenrechtsaktivistin und Studentin an der Cairo University, ist der Ansicht, dass dies in Ägypten realitätsfern sei. "Dabei sollte es Mona Eltahawy besser wissen. Die Zusammenhänge wirken konstruiert. Wenn in Ägypten Frauen belästigt werden, dann nicht von den Islamisten oder der Muslimbruderschaft, sondern in erster Linie von jungen Menschen – ob Muslime oder Christen. Zu behaupten, der Islam sei der ausschließliche Grund für die Probleme arabischer Frauen, ist verletzend und falsch", so Radwan.

Demonstration gegen Polizeigewalt in Kairo; Foto: dapd
"Die Töchter Ägyptens sind eine rote Linie" und "Wo bleibt die Würde der Frau?", skandierten Ägyptens Frauen, die zu Tausenden im Dezember 2011 nach Kairo gekommen waren, um gegen Übergriffe auf Frauen durch die ägyptischen Sicherheitskräfte zu demonstrieren.

​​Für Zainab besteht der Kern des Problems darin, dass Eltahawy "nicht für alle arabischen Frauen sprechen kann. Sie lebt nicht in der Region und ist heute eher Amerikanerin. Ich fühle nichts Verbindendes wie es einmal war und ihr Gebaren als Fürsprecherin für mich als arabische Frau ist frustrierend."

Kareem stimmt dem zu: "Das Essay ist stereotyp, wenn es auf Verallgemeinerungen und Klischees von arabischen Männern aufbaut, um einen Standpunkt zu formulieren. Eltahawy sagt: 'Sie hassen uns und wir müssen das zugeben!' Dann listet sie mehr als drei Seiten jüngster Verletzungen von Frauenrechten in der arabischen Welt auf. Worum es hier geht, ist nicht, ob Frauen in der arabischen Welt diskriminiert werden – diese Tatsache wird höchstens noch von einigen verrückten Islamisten abgestritten –, sondern darum, warum alle diese Vergehen angeblich aus reinem Hass resultieren, wie Eltahawy suggeriert."

Dialog sei der Schlüssel zur Zukunft der Frauenrechte in der arabischen Welt, meint Ziada. Und trotz der wütenden und pessimistischen Botschaft Eltahawys hofft sie, dass dieser Dialog zumindest einen wichtigen Ansatzpunkt für die arabische Frauen und die westliche Welt bilden kann.

Joseph Mayton

© Qantara.de 2012

Aus dem Englischen von Fabian Schmidmeier

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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