Blouzaat.18: “Who is in who is out?” Ahmed Sabbagh. Siebdruck auf Leinwand; Foto: From Here to Fame Verlag
Moderne arabische Graffitikunst

Kalligraphie als moderne Protestkultur

Arabische Künstler definieren die Bedeutung des Graffitis neu, indem sie klassische arabische Kalligraphie mit politischen Botschaften verbinden. Das Buch "Arabic Graffiti" widmet sich dem neuen Kapitel arabischer Straßenkunst. Cinnamon Nippard berichtet.

Ein Graffiti kann weitaus mehr sein als nur eine Wandzeichnung aus der Spraydose: Denn diese besondere Art der Straßenkunst hat bei den revolutionären Umbrüchen in der arabischen Welt auch eine Rolle gespielt. Der Aufstand in Syrien wurde Anfang März von der Verhaftung einer Gruppe von Kindern zwischen acht und 15 Jahren in Gang gesetzt, die beim Zeichnen eines regimekritischen Graffitis an den Wänden Ihres Schulgebäudes ertappt worden waren.

Die Kinder wurden am 20. März freigelassen. Berichten zufolge hatte man sie während der Haft gefoltert, woraufhin die Menschen empört auf die Straße gingen, um gegen die Regierung zu demonstrieren - ein Protest, der bis heute andauert.

Dass es Graffiti in der arabischen Welt überhaupt gibt, wird von breiten Teilen der Öffentlichkeit im Westen überhaupt nicht wahrgenommen. Ein im Berliner Verlag 'From Here to Fame' herausgegebenes Buch will das nun ändern: Der Band, verfasst vom deutschen Graffiti-Autor und Verleger Don Karl und dem libanesischen Typographen Pascal Zoghbi, stellt die wichtigsten Künstler aus der Region vor und führt zudem in das arabische Alphabet ein. Zudem erklärt das Buch die Grundlagen verschiedener klassischer Kalligraphie-Stile.

Graffiti; Quelle: From Here to Fame Verlag
Mehr als nur "Taggen": Kunstvolle, ausdrucksstarke Kalligraphien sind zentrale Elemente der Graffitikunst im Nahen- und Mittleren Osten, die mitunter auch politische Botschaften enthalten.

​​In der westlichen Welt ist die Grundlage des Graffitis das sogenannte "Taggen", also das Markieren der Wandzeichnung mit dem Namen oder Pseudonym eines Graffiti-Sprayers.

Der Typograph Pascal Zoghbi meint, dass das Graffiti in der arabischen Welt eine andere, gesellschaftlich bedeutendere Rolle als im Westen eingenommen hat – es ist viel mehr als nur das klassische "Revier-Markieren" vieler US-amerikanischer oder europäischer Sprayer. Slogans wie "Unterstütze die Revolution!" breiten sich von Land zu Land aus und stellen daher ein aktives Zeichen der politischen Protestkultur in der Region dar.

Für Dissidenten in einem von der Zensur betroffenen Land sei das Graffiti die einfachste und schnellste - und nicht selten die einzige - Methode, seine Meinung frei zu äußern. "Zeitschriften werden zensiert, Blogs werden gesperrt", so Zoghbi. "Die Regierung hat oft die gesamte Kommunikationsstruktur unter ihrer Kontrolle, sodass das Graffiti nicht selten der einzige Weg ist, öffentlich eine Position einzunehmen, ein Statement abzugeben."

Der Preis der Meinungsäußerung

Anders als in der westlichen Welt werden Graffitis in einigen arabischen Ländern immer noch mit drakonischen Strafen sanktioniert. Berichten zufolge haben in Syrien die Schergen des Regimes den jugendlichen Sprayern  die Fingernägel ausgerissen. In Libyen zahlten einige der Demonstranten, die Ihre Botschaft mit Sprühdosen auf den Straßen verbreiteten, einen noch viel höheren Preis.

"Als sie die Widerstandflagge zeichneten, die den Machthaber Gadaffi hinwegfegt, wurden sie von Gaddafis Sicherheitskräften erschossen", schildert Zoghbi.

Buchcover Arabic Graffiti
Graffitikunst in der arabischen Welt? Viele Europäer wissen überhaupt nicht, dass eine solche Kunst existiert und auch eine Form des Protests darstellt. Das Buch "Arabic Graffiti" eröffnet tiefe Einblicke in die Graffiti-Kultur der arabischen Welt.

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Der Libanon zählt dagegen zu jenen Ländern in der arabischen Welt, in denen Graffiti nicht illegalisiert werden. Was den Stil betrifft, so sind die libanesischen Künstler stark von der New Yorker Graffiti-Kunst der 1980er Jahren beeinflusst, während Graffiti-Künstler in anderen arabischen Ländern stärker von den vertrauten Linien der arabischen Schrift inspiriert werden, erklärt Zoghbi.

Dagegen hat die Straßenkunst in Palästina viele Formen von politischen Botschaften: von klassischen Wandmalereien bis hin zu schablonierten Märtyrer-Abbildungen.

Die umstrittene Mauer, die Israel im Westjordanland errichtet hat, ist darüber hinaus ein zentrales Thema für palästinensische und international anerkannte Künstler wie etwa Banksy, Blu und Swoon, um die israelische Politik kritisch zu hinterfragen.

Die Kunst mit Botschaft

Einer der einflussreichsten Künstler, der in dem Buch "Arabic Graffiti" vorgestellt wird, ist der in Frankreich geborene Tunesier eL Seed, der derzeit in Kanada lebt.

eL Seed hat sich einen besonders ausdruckstarken kalligraphischen Stil zu eigen gemacht, der auf die traditionelle arabische Schrift und einem unverbrauchten urbanen Bewusstsein basiert. Bei seinen groß angelegten künstlerischen Darstellungen steht die Botschaft plakativ im Vordergrund. Die Graffitis bestehen aus Sinnsprüchen wie "Respektiere unsere älteren Menschen", "Inspiration" und "Ich brauche meine Geschichte".

'Balance' von den Künstlern  eL Seed und Hest1; Quelle: From Here to Fame Verlag
"el Seed modernisiert die Kunstart grundlegend, er macht sie städtisch, sodass es junge Graffiti-Künstler inspiriert", berichtet Don Karl über eL Seed.

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"el Seed modernisiert die Kunstart grundlegend, er macht sie städtisch, sodass es die jungen Graffiti-Künstler, wie zum Beispiel jene in Beirut,  inspiriert", sagt Don Karl über eL Seed. "Jeder kennt ihn und jeder mag seine Arbeit."

Künstler wie eL Seed beziehen sich in ihren Werken auf antike Traditionen. Die Entwicklung der arabischen Sprache wird in die Zeit um 1300 v. Chr. datiert. Das arabische Alphabet selbst ist um 500 v. Chr. entstanden.

Das Buch beinhaltet eine kurze Beschreibung der verschiedenen kalligraphischen Stile, inklusive der ältesten und sehr raffinierten arabische Schrift, Kufi, welche sich in zwei Kategorien aufgeteilt hat. Der feine, kurvenförmige Stil wurde in Nordafrika und Spanien benutzt, während die rechteckige kufische Form im Osten der arabischen Welt weiter entwickelt wurde.

Antike arabische Schrift in Paris

Quelle: Cinnamon Nippard
Lateinische Buchstaben werden von dem Künstler L'Atlas mit geometrischer arabischer Kufi-Schrift kombiniert, um eine Brücke zwischen dem Osten und Westen zu errichten.

​​L'Atlas ist ein Künstler aus Paris, der in den 1980ern und 1990er Jahren von dem Graffiti-Wahn erfasst wurde, sich aber für mehr als nur die lateinische Schrift, mit der er aufwuchs, interessierte. Besessen von Schriftzeichen aller Art, begann er die chinesische und arabische Kalligraphie zu studieren.

Nachdem er arabische Kalligraphie-Lehrmeister kennenlernte, studierte l'Atlas in Marokko, Ägypten und Syrien und entwickelte eine Leidenschaft für die eckige Kufi-Schrift.

L'Atlas entwickelte eine neue Art vom Alphabet, bei dem er lateinische Buchstaben mit den geometrischen kufischen Formen kombiniert, um neue visuelle Möglichkeiten aufzuspüren und eine Brücke zwischen dem Osten und Westen zu errichten.

Nachdem er 2001 von der Polizei beim Graffitizeichnen aufgegriffen wurde, entschied sich l'Atlas, seine Ideen auf legal Weise zum Ausdruck zu bringen. Er begann das  "abziehbare Gafferband" einzusetzen.

Mit seinen Graffitis möchte er die Menschen dazu anregen, ihre festgefügten Standpunkte zu hinterfragen. "Meine Arbeit steht dem Menschen gegenüber und sagt: "Wohin gehst du? Was machst du", erklärt l'Atlas.

Der Kompass war auch ein Sinnbild seiner selbst, als Künstler, der aus dem Underground kam und lernen musste, sich im Stadtleben und in der Kunstwelt zurechtzufinden. Innerhalb weniger Jahre hatte jeder in Paris von l'Atlas gehört und von seinem Wunsch, Kontinente, Epochen und Kunstformen zu verbinden.

Cinnamon Nippard

© Deutsche Welle/Qantara.de 2011

Übersetzung aus dem Englischen von Rigien Bagekany

Redaktion: Arian Fariborz & Lewis Gropp/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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