Mit List gegen das Burka-Verbot - Schweizer stimmen über landesweiten Bann ab

09.10.2017

Seit mehr als einem Jahr dürfen sich Musliminnen im Schweizer Kanton Tessin nicht mehr verhüllen. Die Zahl der Touristen aus dem arabischen Raum stagniert. Von Jan Dirk Herbermann

Die junge Frau steht an der Rezeption des Hotels de la Paix in Lugano, sie studiert ein Papier mit arabischer Schrift. Über dem Text glitzert ein Bild des Luganer Sees, umsäumt von Bergen und Blumen. «Ja, ich habe schon vorher von dem Verbot gehört», sagt sie mit ernster Miene. Ihre dunklen Haare sind zusammengebunden, sie trägt Makeup. «Wir kommen aus Kuwait und wollen hier eine paar schöne Tage verbringen», erklärt die Frau und blickt ihren Mann an. «Das Verbot gefällt uns nicht.»

Das Verbot? Es handelt sich um das sogenannte Burkaverbot im Schweizer Kanton Tessin. Vor mehr als einem Jahr, im Juli 2016, trat das Gesetz gegen die Vollverschleierung in Kraft. Seitdem dürfen Personen jedweden Geschlechts ihre Gesichter im öffentlichen Raum nicht mehr verhüllen. Klar ist: Das Gesetz richtet sich in erster Linie gegen muslimische Frauen, die ihr Antlitz nicht in der Öffentlichkeit zeigen wollen.

Bei diesen Frauen handelt sich fast ausschließlich um Reisende aus islamischen Ländern, die Burka (Ganzkörperschleier) oder Niqab (Gesichtsschleier) tragen. Schweizer Musliminnen bedecken ihr Gesicht sich so gut wie nie. Schon bald könnte das «Burkaverbot» in der ganzen Schweiz gelten. Voraussichtlich werden die Schweizer bis 2019 über eine landesweit geltende Weisung gegen Verschleierung und Vermummung abstimmen.

Befürworter des Verbots wie Walter Wobmann von der Schweizerischen Volkspartei wollen ein «Zeichen gegen den extremen Islam und politische Chaoten» setzen. Gegner wie der Islamische Zentralrat warnen vor einer «Verletzung der Religionsfreiheit und der persönlichen Freiheit der betroffenen Frauen». Bei einem Ja wäre die Schweiz das nächste europäische Land mit «Burkaverbot» - in Österreich gilt der Bann seit dem 1.Oktober.

Bei ihrer Entscheidung für oder gegen die Verschleierung dürften viele Schweizer auf das Tessin schauen. In dem italienisch-sprachigen Ferienkanton läuft gewissermaßen ein Pilotprojekt für die ganze Eidgenossenschaft. Schadet das Verbot dem Image und dem Geschäft mit zahlungskräftigen Touristen aus arabischen Ländern? Lässt sich das Verbot überhaupt umsetzen?

Zunächst befürchtete die Fremdenverkehrsbranche im Tessin ein Imageproblem. «Heute kann ich sagen: Die große Mehrheit der Gäste aus den arabischen Ländern, besonders den reichen Golfstaaten, hat kein Problem damit», erläutert Lorenzo Pianezzi, der Präsident des Tessiner Hotelverbandes. Das liegt auch an der Informationskampagne: Die Hotels weisen ihre Gäste rechtzeitig auf die Bestimmungen hin.

Dennoch stagniert die Zahl der Reisenden aus den islamischen Ländern. Im Jahr 2015 zählte der Hotelverband 50.000 Logiernächte von Reisenden aus dem Orient, im Jahr 2016 waren es ebenfalls 50.000. In den Jahren zuvor, als das «Burkaverbot» noch nicht galt, verzeichneten die Statistiker satte Steigerungen. «Das ist schon komisch», räumt Verbandschef Pianezzi ein. «Wir wissen noch nicht, ob tatsächlich ein Zusammenhang mit dem Burkaverbot besteht.»

Um einen Schwund der arabischen Klientel zu vermeiden, wendet die Tessiner Polizei das «Burkaverbot» in sanfter Manier an. Die Ordnungshüter klären die verschleierten Frauen zunächst auf. «Wenn man den arabischen Touristen erklärt, dass die Autorität des Kantons - das Parlament - dies beschlossen habe, wird das Verhüllungsverbot gut befolgt», sagt Michele Bertini, der Sicherheitsdirektor Luganos gegenüber der Zeitung «Blick». Wer sich trotzdem weigert, den Schleier zu lüften, muss mindestens 90 Euro zahlen. Im Wiederholungsfall können gar 9.000 Euro fällig werden.

Allerdings umgehen einige Damen mit Geschick und Chuzpe das Verbot. So flanieren vermehrt Musliminnen mit übergroßen Sonnenbrillen und der Hand vor dem Gesicht auf den Tessiner Promenaden. Andere ziehen sich einen medizinischen Mundschutz über das Gesicht. Auf diese Umgehungsstrategien weiß die kantonale Polizei noch keine Antworten. (epd)

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