Mehrnousch Zaeri-Esfahani: "33 Bogen und ein Teehaus"

Eine Million Schmetterlinge im Kopf

In ihrem Jugendroman "33 Bogen und ein Teehaus" erzählt Mehrnousch Zaeri-Esfahani mit poetischer Kraft ihre Geschichte vom fünften bis zum elften Lebensjahr – von der Schönheit ihrer Heimatstadt Isfahan und dem glücklichen Familienleben, von den Qualen der Diktatur im Iran und der Flucht nach Deutschland. Von Thomas Linden

Wir alle sind Kinder unserer Zeit, aber das heißt nicht, dass sich der Weg unseres Schicksals immer mit den Ereignissen decken würde, die gerade unsere Gesellschaft erschüttern. So kann es geschehen, dass in der Ukraine ein Atomkraftwerk außer Kontrolle gerät, während ein Flüchtlingskind aus dem Iran den vielleicht glücklichsten Moment seines jungen Lebens in Deutschland erfährt.

Am Beginn und am Ende ihres autobiographischen Berichts "33 Bogen und ein Teehaus" erzählt Mehrnousch Zaeri-Esfahani von der Ortschaft Pripjat, die nach der Reaktorkatastrophe im nahen Tschernobyl zur Geisterstadt wurde. Als in Europa 1986 die Bildschirme von verseuchten Kühen und ausgebrannten Industrieanlagen beherrscht wurden, geschah für das Mädchen das Unglaubliche, die Familie erhielt in Heidelberg ein neues Zuhause: "In diesem Augenblick ging eine Tür auf, und Millionen bunter Schmetterlinge flogen durch meinen Kopf", erinnert sie sich nach 30 Jahren.

Mehrnousch Zaeri-Esfahani beweist gleich auf den ersten Seiten ihres Buches, welch meisterhafte Erzählerin sie ist. Glauben wir nicht schon alle Details über Tschernobyl zu kennen? Sie schildert uns die Ereignisse, als sähen wir sie zum ersten Mal, oder als hätten sie sich in einer fernen Vergangenheit zugetragen.

Große und kleine Katastrophen

Buchcover "33 Bogen und ein Teehaus" im Peter Hammer Verlag
Vom Gefühl der Sprach- und Heimatlosigkeit und von der Freude des Ankommens: Kein deutsches Jugendbuch enthält derzeit eine solch dicht gewebte Erzählstruktur und keines vermag uns eine so unmittelbare Vorstellung davon zu geben, was ein Zuhause sein kann.

Die 1974 in Isfahan geborene Iranerin beschreibt eine unerhörte Begebenheit, ganz im Sinne der deutschen Novellentradition. Von der Wirklichkeit so zu erzählen, dass sie wie eine erfundene Geschichte wirkt, das nimmt ihr die Schwere des Faktischen, so erhält sie eine spielerische Note und wird verhandelbar.

Die verlassene Stadt Pripjat hat scheinbar nichts mit dem Schicksal der iranischen Familie zu tun. Im Fremden spiegelt man sich jedoch, und der großen Katastrophe steht die kleine private Katastrophe gegenüber. Eine Wendung, die das Erzählen noch interessanter macht, zumal Mehrnousch Zaeri-Esfahani einen Ton wählt, in dem sich Freundlichkeit und kindlicher Ernst vereinen.

So erfahren wir, wie der Vater, ein wohlhabender Arzt, gegen das Schah-Regime auf die Straße geht, und wie die Kinder die Revolution als großes Abenteuer erleben. Anhand des Kopftuchgebots wird der Terror im Detail geschildert, den das neue religiöse System installiert. Die Dimension des mörderischen Zynismus offenbart sich anhand der Glückwunschpostkarten, die die Mütter der im Iran-Irak-Krieg gefallenen Söhne vom Staat erhalten.

Odyssee aus dem Iran nach Deutschland

Über Nacht flüchtet die Familie in die Türkei. Mehrnousch muss ihre geliebten Katzen zurücklassen. Die Odyssee führt nach Ost- und West-Berlin, um dann über Karlsruhe schließlich in Heidelberg zu enden.

Das Gefühl, nirgendwo hin zu gehören, nirgendwo gewollt zu sein, die Erschöpfung, die Armut, die Demütigungen, die ein Kind in der Schule ertragen muss, weil es die Sprache nicht beherrscht, das liest man mit angehaltenem Atem, weil Mehrnousch Zaeri-Esfahani ohne jede Spur von Sentimentalität erzählt.

Die Nöte eines Kindes, das verlacht wird, dem die Scham so tiefe Schnitte in die Seele schneidet, das sie nie ganz verheilen, solche Szenen behält man nach der Lektüre unweigerlich in Erinnerung. Freilich gibt es auch Menschen, die genauer hinschauen, wie eine Lehrerin, der die Talente des Kindes nicht verborgen bleiben. Dieses Buch ist keineswegs in schwarze Bitternis getaucht.

Wir sehen die Welt vielmehr mit den weit geöffneten Augen eines Kindes, dessen Interesse unstillbar ist, egal ob es am Hafenbecken in Istanbul oder an der Spielzeugtheke im KaDeWe steht. Mehrnousch besitzt einen Blick für die anderen, dadurch gewinnt ihr Bericht an Spannung und Glaubwürdigkeit.

Kein deutsches Jugendbuch enthält derzeit eine solch dicht gewebte Erzählstruktur und keines vermag uns eine so unmittelbare Vorstellung davon zu geben, was ein Zuhause sein kann.

Thomas Linden

© Litrix/Goethe Institut 2017

Mehrnousch Zaeri-Esfahani: "33 Bogen und ein Teehaus",  Illustrationen: Mehrdad Zaeri-Esfahani, Verlag Peter Hammer 2016, 2. Auflage, 148 Seiten, ab 12 Jahren, ISBN: 978-3-7795-0522-8

Die Autorin, geboren 1974, kam 1985 mit ihren Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Sie wuchs in Heidelberg auf und studierte Sozialpädagogik in Freiburg. Seit 1999 ist sie in der Flüchtlingsarbeit tätig und seit 2014 Trainerin und Referentin für Interkulturelle Öffnung und ehrenamtliche Flüchtlingsbegleitung. Seit 2012 ist sie als Autorin tätig und lebt mit ihrer Familie in Karlsruhe.

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