Mathias Qash zu "Islam und Aufklärung: Vorsicht vor dem Mythos"

Bei uns ist weithin unbestritten, daß die islamische Welt dem Westen einmal intellektuell und kulturell weit überlegen war. Ebenso wenig bestritten wird, daß sich dieses Verhältnis mit der Zeit völlig umgekehrt hat.

Umso erstaunlicher ist unter diesen Umständen, daß in der derzeitigen Überlegenheit des Westens selten mehr gesehen wird als eine Momentaufnahme, die vielleicht schon längst an Farbkraft und Schärfe verloren hat. Die Überzeugung, daß die Entwicklung von Zivilisationen nicht linear verläuft, sondern eher den Gesetzen des schiefen Wurfs gehorcht, wird doch eigentlich schon seit Jahrhunderten kultiviert. Und wer in Ibn Chaldun bloß einen Muslim und somit einen schlechten Gewährsmann sieht, kann Ähnliches auch bei Arnold Toynbee und anderen nachlesen.

Stattdessen immer wieder diese Furcht vor dem Parallel- oder gar Gegenentwurf, die in der Forderung nach einer Aufklärung zum Ausdruck kommt. Wahlweise auch nach einer Reformation, jener Zwillingsschwester der Aufklärung, welcher der Islam angeblich ebenso dringend bedarf. Wobei die Muslime es einem ohnehin nicht recht machen können: Lehnen sie die Forderung ab, sind sie reformunfähig. Geben sie sich die Blöße und gehen auf sie ein, dann erweist sich darin ihre Unterlegenheit. Nur Selbstgenügsamkeit erscheint als Stärke.

Dieses Problem mit der Eigenwahrnehmung zeigt sich auch in einem Bereich, der auf den ersten Blick wenig mit Philosophie und Aufklärung zu tun hat:

Wir halten uns für das Volk der Dichter und Denker. Was praktisch heißt: Verwalter eines überkommenen Kulturerbes, dem zunehmend die Relevanz für den modernen Bildungskanon abgesprochen wird. Als philosophisch oder politisch bedeutsam werden Lessing oder Schiller (mit denen meine Tochter, mittlerweile 10. Jahrgangsstufe/G12, bisher nicht behelligt wurde) jedenfalls kaum wahrgenommen. Eher zufällig scheinen sie zeitlich mit der Aufklärung zusammenzufallen. Und was davor kam, können wir ohnehin nicht mehr lesen, sofern wir uns nicht auf die Eigenheiten des Frühneuhochdeutschen oder gar des Mittelhochdeutschen verstehen.

Im Iran z.B. wird dagegen 1000 Jahre alte Lyrik heute noch gelesen und verstanden. Und klar ist auch, daß die Gewächse in Saadis Rosengarten nicht nur betörend duften, sondern gelegentlich auch stechen: "Ein ungerechter Herrscher stellte einst einem Eremiten die Frage: 'Welche Art, Gott zu verehren, hältst du für die beste?' 'Für dich', antwortete der Fromme, 'ist das der Mittagsschlaf. Denn dann können deine geplagten Untertanen ein Stündchen oder zwei aufatmen und sich von dir erholen.'"

Ich weiß nicht, ob sich hier die Wunschträume der Unterdrückten artikulieren oder ob von der Respektlosigkeit gegenüber den Herrschenden, die in solchen Texten immer wieder thematisiert wird, auch intellektuelle und politische Sprengkraft ausging und -geht. Aber der Boden dafür bleibt bereitet.

Auch von der Religion ist die Dichtung kaum zu trennen. Die spätmittelalterliche Mystik in Europa fand in jedem Menschen eine Synapse zum Göttlichen. Damit drohte die Emanzipation des Individuums an den für die Heilsvermittlung zuständigen kirchlichen Institutionen vorbei. Folgerichtig kamen Mystiker wie Meister Eckhart oder Theologen wie John Wycliffe in den Ruch der Häresie.

Schon 300 Jahre früher hatte z.B. Nasir Chusrau Ähnliches gedacht und gedichtet. Daß bei ihm das Bindeglied zum Göttlichen kein Seelengrund war, sondern ein Rubin - geschenkt! Jedenfalls wird er heute sicher mehr gelesen als Eckhart, und mystische Spiritualität mit ihrem emanzipatorischen (leider meist nur:) Potential ist in vielen Teilen der islamischen Welt seit jeher viel präsenter als bei uns, wo sie erst in letzter Zeit wiederentdeckt wird und weitgehend Sache des Individuums ist.

Die Liste der Gemeinsamkeiten ließe sich zwar fortsetzen, aber eigentlich finde ich das eher langweilig, weil es dazu verführt, andere nur insofern zu respektieren, wie sie einem selbst ähneln. Immerhin aber können Gemeinsamkeiten auch dazu dienen, aus der klaustrophobischen Enge herauszutreten und sich selbst weniger einzigartig vorzukommen. Besser als gar nichts.

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