Mathieu Amalric (Nasser-Ali) und Golshifteh Farahani (Irâne); Foto: dapd
Marjane Satrapis Film ''Huhn mit Pflaumen''

Zauberhafter Galgenhumor in Teheran

Nach "Persepolis" sind die Erwartungen riesig: Ein neues Meisterwerk voller Aufmüpfigkeit und Subversivität? Doch Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud gehen in "Huhn mit Pflaumen" in eine ganz andere Richtung. Der Film ist ein surreales Melodram, ein wunderbares. Von Susan Vahabzadeh

Man muss eines vorwegschieben: Essen ist für einen durchschnittlichen Perser eine große Sache, und wenn einer nicht mal mehr mit seinem Leibgericht aus seiner düsteren Stimmung herauszubringen ist, dann ist er todunglücklich. Nasser Ali Khan (Mathieu Amalric), der traurige Held im neuen Film der "Persepolis"-Schöpferin Marjane Satrapi (wieder in Zusammenarbeit mit Vincent Paronnaud), sieht seit dem Verlust seiner Geige im Leben keinen Sinn mehr.

Erst versucht er, ein vergleichbares Instrument aufzutreiben, als ihm das nicht gelingt, erscheint seine Reaktion ziemlich drastisch – er beschließt zu sterben. Das ist der Ausgangspunkt von "Huhn mit Pflaumen", der Rest ist eine Analyse des Unglücks, eine märchenhaft melancholische Erklärung dafür, warum es Menschen gibt, die eines Tages vom Leben genug haben.

Todesengel und viel schwarzer Humor

"Huhn mit Pflaumen" nimmt uns mit auf eine Reise nach Teheran in der Schah-Zeit, und und der Film sieht aus wie das Kino jener Zeit, die sich Satrapi hier ausmalt – und fühlt sich auch so an: wie ein Douglas-Sirk-Melo auf persisch, mit einem surrealen Touch, geheimnisvollen Antiquitätenhändlern, Todesengeln und ziemlich viel schwarzem Humor. Vielleicht sogar wie eine Sirk-Fassung der "fabelhaften Welt der Amélie", voller kleiner Vignetten und Ideen.

Kinoplakat Marjane Satrapis Film
"Zauberhafter Galgenhumor": Der Film "Huhn mit Pflaumen" handelt von dem Meistergeiger Nasser Ali Khan (Mathieu Amalric), der beschließt zu sterben, nachdem seine geliebte Geige zu Bruch gegangen ist.

​​Da gibt es beispielsweise einen kleinen Ausflug in die Zukunft von Nassers Kindern: Die Tochter ist eine rauchende Lebefrau, der Sohn lebt in der amerikanischen Provinz, und die Beobachtung über diese Entwicklungen im Exil, wie die beiden hinter der Kultur verschwinden, in der sie gelandet sind, wären Stoff für einen ganz anderen Film – eher eine Komödie.

Aber Satrapi will das Traurigsein auskosten, sie setzt diverse Schichten zusammen, eine emotionale, eine gesellschaftliche, eine politische, die Hoffnungen der Fünfziger in Iran - ganz anders als in Europa, wo man die Nachkriegszeit eher mit Enge und Biedersinn verknüpft.

Marjane Satrapi hat zwar keinen Geiger in der Ahnenreihe – Nasser Ali Khan ist Violinist, ein gefeierter sogar –, aber allzu weit hat sie sich auch diesmal nicht wegbewegt von ihrer Biographie, hat sich aus dem Anekdotenschatz ihrer Familie bedient und Erinnerungen weitergesponnen.

Das Drama um die zerbrochene Geige

So wird nach und nach das Drama von Nassers Leben aufgerollt, wie er mit großem Erfolg gescheitert ist. Der Bruder hat als der begabtere gegolten, die Mutter hat ihn gegängelt, und Irâne, die große Liebe seines Lebens – gespielt von Golshifteh Farahani, einer der wenigen Iraner(innen) in diesem Film – hat er nicht heiraten können. Darum geht es natürlich eigentlich, um die eine Frau, die er nicht vergessen kann, den Ursprung allen Glücks und allen Übels – wir sind nur vor der Liebe gleich, sagt Marjane Satrapi, auch den Tod kann man mit Geld umgestalten, aber nicht die Liebe.

Nassers Mutter hat ihn dazu gedrängt, dann doch die falsche Frau zu heiraten, Faranguisse (Maria de Medeiros) – und der kann er, vom Leibgericht abgesehen, nicht viel abgewinnen. Sie hat im Streit, aus Eifersucht, seine Geige zerbrochen...

Nasser geht slapstickartig alle gängigen Todesarten durch, befindet alle als eklig oder entwürdigend und beschließt dann, sich in sein Zimmer zurückzuziehen und dort binnen acht Tagen einfach zu sterben. Jeden Tag tauchen wir mit ihm ab in die Vergangenheit, jeden Tag geht es um andere Menschen und um einen anderen emotionalen Fehlschlag.

Marjane Satrapi; Foto: AP
Bereits mit "Persepolis" gelang der iranischen Comiczeichnerin Marjane Satrapi ein filmisches Meisterwerk. Nun kommt die Fortsetzung ihrer Iran-Saga ins Kino, mit hochkarätiger Besetzung.

​​"Huhn mit Pflaumen" basiert, wie der autobiographische Trickfilm "Persepolis" über ihre Jugend in Iran und im frühen Exil, auf einer von Satrapis Graphic Novels; das Animations-Universum mit seinen geisterhaften Nebelschwaden bahnt sich hier den Weg in den Realfilm. Trotzdem gab es bei der Premiere im Wettbewerb in Venedig im Herbst etwas Enttäuschung – man erwartet von Marjane Satrapi eben erst mal subversive Sprüche und politische Aufmüpfigkeit.

Zauberhafter Galgenhumor

Dabei hatten Satrapi und Paronnaud schon lang bevor sie mit der Arbeit an ihrem zweiten gemeinsamen Film begannen, verkündet, diesmal werde alles ganz anders werden als bei "Persepolis". Und in vielerlei Hinsicht ist das richtig, weil es eben kein Zeichentrickfilm ist, weil es sich um eine ganz andere Epoche Irans handelt, weil hier nicht so offen politisiert wird.

Aber die Art der Erzählung, dieser zauberhafte Galgenhumor, wie Reales und Übersinnliches ineinanderfließen – das haben beide Filme auf jeden Fall gemein. "Huhn mit Pflaumen" ist weniger zielgerichtet, er ist ein Märchengeflecht, entsteht aus ineinander verwobenen Geschichten aus Nassers Leben. Diese labyrinthische Struktur ist aber sicherlich intendiert: Wenn man schon einer Todessehnsucht auf den Grund zu gehen versucht, dann braucht man mit Vereinfachungen gar nicht erst anzufangen.

Und im Übrigen: Letzten Endes ist "Huhn mit Pflaumen" eine Ode an den freien Willen. Nassers Leben kreist um die Frage, wie erbärmlich klein die Belohnung sein darf, für die man sich fügt. Und so unpolitisch ist diese Frage nun wieder nicht.

Susan Vahabzadeh

© Süddeutsche Zeitung 2012

POULET AUX PRUNES, F 2011 - Regie und Buch : Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud. Kamera: Christophe Beaucarne. Mit: Mathieu Amalric, Maria de Medeiros, Golshifteh Farahani, Chiara Mastroianni, Isabella Rossellini, Jamel Debbouze. Prokino, 93 Minuten.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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