Moderatorin mit Niqab, Foto: dapd
Maria TV in Ägypten

Der verengte Blick

Seit einem Monat gibt es in Ägypten den ultraorthodoxen Fernsehkanal Maria TV. Hier geben verschleierte Frauen Kosmetik- und Ehetipps. Das Programm zeigt aber auch: Die Islamisten sind im Aufwind. Von Viktoria Kleber

Nur ihre braunen Augen schauten aus dem Gesichtsschleier hervor, ansonsten ist von ihrem Körper nichts zu sehen. Von Kopf bis Fuß ist Abeer Shahin in eine schwarze Abaya, ein loses Gewand, eingehüllt. Ihre Finger bedeckt sie mit Handschuhen. Ihr Gesicht ist durch den Niqab, einen Gesichtsschleier, verhüllt.

Tag für Tag spricht Abeer Shahin so die Nachrichten bei Maria TV, einem Fernsehsender von und für ultrakonservative Musliminnen. Seit einem Monat ist Maria TV auf Sendung, ihre Macherinnen tragen alle Niqab, den Gesichtsschleier, vor und auch hinter der Kamera.

Unter Mubarak wäre das undenkbar gewesen. Abeer Shahin sieht Maria TV als Beweis, dass die Revolution in Ägypten erfolgreich war. "Mit Maria TV kämpfen wir gegen die Diskriminierung von Ganzverschleierten", sagt sie.

Denn unter Mubarak waren komplett verschleierte Frauen so gut wie nie im Fernsehen zu sehen. Sie durften nicht in Behörden arbeiten, nicht an Universitäten dozieren.

Aufzeichnung bei Maria TV, Foto: dapd
"Niqab on Air" als Politikum und Tabubruch: Heba Seraj , Maria-TV-Mitarbeiterin, bei der Aufzeichnung einer Sendung.

​​Und auch Studentinnen mussten stets mit offenem Gesicht zu Klausuren antreten - wer den Niqab trug, dem wurde die Zulassung zur Prüfung verwehrt. Bestimmte Restaurants, Cafés oder Sportclubs dürfen die vollständig Verschleierten bis heute nicht betreten.

Der Niqab als religiöse Pflicht

Maria TV will Frauen mit Niqab mehr Selbstbewusstsein geben und ihnen Ratgeber sein für ein Leben im Sinne des Propheten Mohammeds. Sechs Stunden senden sie täglich - genügend Zeit, um über Themen wie Ehe, Untreue, Kindererziehung, Haushalt oder Kosmetik zu diskutieren.

Männer sind in der Sendung nicht erlaubt, auch nicht als Anrufer. Wenn Expertinnen eingeladen werden, dürfen sie nur mit dem Gesichtsschleier vor die Kamera treten oder sie werden verpixelt. Denn für die Macher von Maria TV ist der Niqab religiöse Pflicht. "Es gibt nur einen Weg für eine Muslimin, sich richtig zu kleiden", sagt Abeer Shahin. "Sie muss den Niqab tragen. Das steht im islamischen Gesetz so geschrieben."

Nur der Niqab mache es möglich, den Menschen nicht anhand seines Aussehens, sondern anhand seines Charakters zu beurteilen.

Doch die Mehrheit der Muslime in Ägypten lehnt den Niqab ab. Die Al-Azhar Universität, höchste Lehrautorität in Glaubensfragen für den sunnitischen Islam, hat das Tragen des Niqabs sogar verboten. Weder im Koran noch in anderen Grundsatzschriften sei vom Niqab die Rede.

Liberale Ägypter empört

Es ist nur eine Minderheit der Ägypter, die Maria TV vor den Fernseher lockt. Manche bemängeln sogar, dass der Sender nicht konservativ genug sei. Die Stimmen der Frauen würden das männliche Geschlecht erregen, sie sollten von Männern nachgesprochen werden, schlug Scheich Ibrahim vor.

Doch die meisten Ägypter waren bei Sendebeginn von Maria TV empört, auch die Frauenrechtlerin Sally Zohney. Inzwischen denkt sie anders. "Viele kritisierten, dass Frauen durch Maria TV ermutigt werden, Kopftuch oder Niqab zu tragen", sagt sie, "aber wenn ich nach meinen Rechten frage, liberale Frauen in den Medien zu sehen, dann haben auch sie das Recht auf ihre eigenen Vertreter."

Benannt ist Maria TV nach Maria, einer koptischen Sklavin aus Ägypten, die der Prophet Mohammed befreite und sie dann zur Frau nahm. Der Gründer, Ahmed Abdalla, in der Salafistenszene bekannt als Prediger Abu Islam, Vater des Islams, verschweigt, woher das Geld kommt.

Frauenrechtlerin Sally Zohney, Foto: privat
Tendenz zur Islamisierung: Die ägyptische Frauenrechtlerin Sally Zohney glaubt, dass durch Maria TV mehr Frauen ermutigt werden, den Niqab zu tragen.

​​Bereits 2006 ging er mit Ummah TV, einem Missionierungskanal, auf Sendung. Mubaraks Sicherheitskräfte besuchten das Studio regelmäßig, konfiszierten Kameras und Computer und verhafteteten Ahmed Abdallah.

Islamische Kräfte im Aufwind

Heute ist Ahmed Abdallah wieder ein freier Mann. Er und andere konservative Kräfte sind im Aufwind. Auf offener Straße befehlen sie Frauen, Kopftücher zu tragen oder unverheirateten Liebespaaren keine Händchen zu halten. In Suez wurde kürzlich ein junger Mann von einem Salafisten umgebracht, weil er mit seiner Verlobten abends im Park saß - alleine. Im inzwischen aufgelösten Parlament diskutierten Islamisten darüber, Frauen die Scheidung ganz zu verbieten und das Heiratsalter von 18 auf zwölf Jahre zu senken.

Doch der Einfluss des Islams auf die Gesellschaft wird in Ägypten schon seit langem von Jahr zu Jahr stärker. Laut Sally Zohney sind die Auswirkungen aber jetzt erst spürbar, durch das neue Selbstbewusstsein der Islamisten. "Die Kultur von Kopftuch und Niqab nimmt zu, heute sehe ich viel mehr Teenager und Studenten, die verhüllt sind", sagt Zohney. "Mit der Wahl eines islamischen Präsidenten fühlen sie sich selbstbewusster."

Sally Zohney und viele andere Liberale fürchten sich vor diesem neuen Selbstbewusstsein. Abeer Shahin, die Nachrichtensprecherin, hingegen ist stolz darauf, im Fernsehen gesehen zu werden - auch wenn der meiste Teil ihres Körpers verdeckt bleibt.

Viktoria Kleber

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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