Tänzer des ''Stop and Dance''-Projekts; Foto: © Amira El Ahl
''Mahatat''-Tanzprojekt in Kairo

Stehen bleiben, tanzen!

"Stop and Dance" ist ein ambitioniertes interkulturelles Tanzprojekt, das die Mobilität von Straßenkunst in Ägypten gezielt fördern will. Aus Kairo informiert Amira El Ahl.

Acht Frauen stehen auf einer Rolltreppe, die zum Gleis der Metrostation St-Theresia im Stadtteil Shubra führt. Sie stehen hintereinander, beachten sich kaum. Doch dann erreicht die erste das Ende der Rolltreppe. Anstatt wie alle anderen Passanten von dort zum Bahnsteig weiterzugehen, presst sie sich gegen die Wand und beginnt sich an ihr entlang zu winden.

Die Frau hinter ihr tut es ihr gleich, und auch die folgenden sechs. Sie räkeln, rollen und schieben sich an der Wand entlang, bis sie am Ende der Wand und am Beginn des Bahnsteigs angekommen sind. Dort verharren die Frauen, eng an die Wand gepresst, ohne jegliche Bewegung.

Unterhaltsame Tanzperformance im U-Bahnhof

In der Zwischenzeit ist eine Metro eingefahren, Menschen steigen aus, einige schauen verwundert aber gehen weiter, andere bleiben stehen, lachen. Ein älterer Mann bleibt besonders lange stehen. Den Kopf leicht schief gelegt und mit gerunzelter Stirn schaut er auf dieses Knäuel Frauen, die sich an der Wand winden. Sein Blick scheint zu sagen: Was tun sie da bloß, was soll das sein? Dann reißt ihn das Tröten der U-Bahn aus seinen Gedanken. Der Fahrer bläst das Signalhorn mehrmals, auch er hat die Frauen entdeckt und scheint Spaß an der Vorstellung zu finden.

Die acht Frauen sind Teil des "Stop and Dance"-Projekts, eines interkulturellen Tanzprojekts dessen Ziel es ist, Tanz in den öffentlichen Raum zu bringen. An drei Wochenenden von Ende März bis Mitte April fanden Vorführungen in verschiedenen Metro-Stationen in Kairo statt.

Tänzer des "Stop and Dance"-Projekts; Foto: © Amira El Ahl
Flashmob-artige Kunst: Die Aufführungen des „Stop and Dance“-Projekts beginnen für den Außenstehenden völlig spontan und ohne Ankündigung. Auf einer Bühne würden sie nicht funktionieren.

​​Organisiert wurde das Projekt von "Mahatat", einer multikulturellen Kunstinitiative, die im vergangenen Jahr von vier Initiatoren gegründet wurde. Ihr Ziel ist es, Kunst in den öffentlichen Raum und damit zu den Menschen zu bringen. Deshalb stehen auch alle Projekte in diesem Jahr unter dem Titel "Shaware3na", "unsere Straßen".

Gesponsert wird "Shaware3na" hauptsächlich vom "Danish Egyptian Dialogue Institute". Zu den weiteren Sponsoren gehört auch die Deutsche Botschaft, die den Workshop des "Stop and Dance"-Projekts unterstützt hat.

Neben dem "Stop and Dance"-Projekt organisiert Mahatat im Laufe des Jahres noch weitere Straßenaktionen, unter anderen "The Tree Project" im Kairoer Stadtteil Dokki. Die ägyptische Künstlerin Yara Mekawei und die dänische Künstlerin Nanna Guldhammer werden gemeinsam mit ägyptischen Kunststudenten und Jugendlichen des Viertels in einem Workshop künstlerische Designs für die Bäume des Viertels erarbeiten. Zum Abschluss des Workshops wird es ein eintägiges Festival für die Nachbarschaft geben, an dem die entstandenen Kunstwerke betrachtet werden können.

Für die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks

"Was wir tun, tun wir der Kunst wegen", sagt Mayada Said, eine der Initiatoren von Mahatat. Ausgelöst durch die post-revolutionäre Stimmung in Ägypten entstand das Mahatat-Kollektiv durch die Leidenschaft, das Engagement und die Vision der vier Initiatoren die Mobilität von Kunst im öffentlichen Raum zu unterstützen. Das Ziel des Kollektivs ist es die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks in Ägypten zu unterstützen.

Straßenkunst und Straßenkultur sind derzeit noch recht selten in Ägypten, Künstler und Initiatoren sind deshalb auch immer auf mögliche Schwierigkeiten bei den Aktionen im öffentlichen Raum vorbereitet. Zu jeder Aufführung werden die Künstler von Sicherheitspersonal begleitet, die mit den zuständigen Sicherheitskräften am Aufführungsort und wenn nötig auch mit dem Publikum reden.

Tänzer des "Stop and Dance"-Projekts; Foto: © Amira El Ahl
Eroberung des öffentlichen Raums: Unter Mubarak waren kulturelle Veranstaltungen in Ägypten auf offener Straße kaum möglich. Die Revolution hat neue Bühnen und Möglichkeiten für die Künstler geschaffen, die diese nun ausschöpfen wollen.

​​"Dabei ist Straßenkunst etwas, dass tief in der arabischen Kultur verankert ist. Es ist nichts neues, die Straße hat immer eine wichtige Rolle gespielt, nur eben in der jüngeren Vergangenheit nicht", sagt Mayada Said.

Für das "Stop and Dance"-Projekt haben drei Choreografinnen – Karima Mansour (Ägypten), Paulina Almeida (Portugal) und Birgitt Bodingbauer (Deutschland) – in einem zweiwöchigen Workshop die acht Tänzerinnen, die meisten von ihnen Laien, auf die Vorführungen vorbereitet.

Eine Metrostation als dramaturgisches Element

Die Vorführungen beginnen flashmob-artig, spontan und ohne jede Ankündigung. Aus Passanten wird von einer Sekunde zur nächsten eine Tanzgruppe. "Wir arbeiten mit Bewegungen, die wir auch jeden Tag in der Metro sehen. Die Vorführung funktioniert in einer ganz subtilen Art", sagt Birgitt Bodingbauer. Auch die Station selber fungiert als Element der Dramaturgie. "Jede Station ist anders, und das ändert auch die Elemente die wir benutzen", erklärt Paulina Almeida. Die Vorführungen sind für den öffentlichen Raum konzipiert und könnten so nicht auf die Bühne gebracht werden. Vor allem spielt Improvisation eine große Rolle, die Tänzerinnen müssen schnell auf unvorhergesehene Umstände reagieren.

​​"Wir haben alles erlebt", sagt Mayada Said, Projektmanagerin von "Stop and Dance". Mal wollte das Sicherheitspersonal einer Station die Tänzer sofort loswerden und die Aufführung unterbinden, mal kam ein Sicherheitsbeamter und drückte Mayada Said eine CD von sich in die Hand. Selber Hobbysänger war er so begeistert von der Aufführung, dass er auf eine Möglichkeit hoffte, mitzumachen.

Aber nicht nur für die Passanten ist es ungewöhnlich, Tanz an einem Ort zu erleben, an dem sonst nur hektischer Alltag herrscht. Auch die Tänzer hatten großen Respekt vor dieser Aufgabe. "Ich hatte wirklich Todesängste", erzählt Amany Atef.

Die 22-jährige Studentin konnte sich schwer vorstellen, dass die Ägypter das Konzept der Flashmob-Vorführungen verstehen würden. "Beim ersten Mal hatte ich schreckliche Angst vor den Reaktionen, aber die meisten Passanten waren sehr nett, haben gelacht und geklatscht." Mram Ahmed ging es ähnlich. "Aber die Energie der Gruppe hat es einfacher gemacht, wir sind ja nie alleine."

Egal welche Reaktion "Stop and Dance" bei den Passanten hervorgerufen hat, eines haben die Tänzer auf jeden Fall erreicht: mit ihrer Kunst für einen Moment den Alltag der Menschen zu durchbrechen.

Amira El Ahl

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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