Erinnerungsmarsch im Libanon in Gedenken an den Mord an Rafik Hariri; Foto: DW
Libanesischer Bürgerkrieg

Streit um ein Schulbuch

22 Jahre nach Ende des Bürgerkrieges halten viele Libanesen es noch immer für verfrüht, sich über ihre Geschichte zu verständigen. Der jüngste Versuch, ein staatliches konfessionsübergreifendes Schulbuch durchzusetzen, endete mit 15 Verletzten. Aus Beirut informiert Sonja Hegasy.

Vor 37 Jahren, am 13. April 1975, begann der libanesische Bürgerkrieg, der tatsächlich aus einer Vielzahl von Bürgerkriegen bestand: Christen gegen Palästinenser, Drusen gegen Maroniten, Syrer gegen Libanesen, Sunniten gegen Kommunisten, Schiiten gegen Schiiten. Vor 22 Jahren wurde die Gewalt mit dem Abkommen von Ta’if offiziell beendet. Es folgte ein Amnestiegesetz für alle Straftaten der Milizen vor 1991.

Bis heute flammt die Gewalt jedoch immer wieder auf. Und bis heute fürchten die meisten Libanesen, dass ein Bürgerkrieg jeden Tag erneut ausbrechen kann. Seit zwei Jahrzehnten lebt die Gesellschaft mit ihren Kriegsversehrten und Verschwundenen am Rande eines neuen Krieges.

Die Ermordung von Premierminister Rafik Hariri 2005 hat auch seinen Gegnern klargemacht, dass das Land nicht zur Ruhe kommt. Auf Hariris Tod folgte der Abzug der Syrer und eine langsame Auseinandersetzung mit dem Erbe der Vergangenheit. Hat das Amnestiegesetz dazu beigetragen, die Gesellschaft zu befrieden? Oder kann sie keine Ruhe finden, weil es weder zu einer rechtlichen noch moralischen öffentlichen Auseinandersetzung gekommen ist? Diese Frage wird heute von immer mehr Libanesen gestellt; auch von Milizionären und Kämpfern, die selbst darauf hinweisen, dass sie von der Amnestie profitiert haben.

Im Abkommen von Ta’if wurde explizit für die Schulen ein Lehrplan gefordert, der die nationale Zugehörigkeit ebenso stärkt wie die geistige und kulturelle Offenheit. Schon damals wurde festgelegt, dass ein allgemein verbindliches Geschichtslehrbuch für die Generation nach dem Krieg erarbeitet werden sollte. Bis heute behandelt jedoch keines der aktuellen Schulbücher die Zeit von 1975 bis 1990.

Drei Besatzer im Libanon

In den meist konfessionellen Schulen wird die jeweils eigene Version der Geschichte unterrichtet. Ein neuerlicher Versuch ein staatliches Schulbuch durchzusetzen, endete Mitte März mit 15 Verletzten. Die Studentenvereinigung der christlichen Phalangisten war in der Nähe des Parlaments mit Sicherheitskräften zusammengestoßen, nachdem bekannt wurde, dass im geplanten Lehrbuch von „islamischem Widerstand“ gesprochen wurde. Gemeint war damit der Widerstand der Hisbollah gegen Israel im Süden des Landes. Aber aus Sicht aller libanesischer Konfliktparteien gab es drei Besatzer im Land: die israelische Armee, die PLO und die syrischen Truppen. Jeder Gruppierung möchte heute im Kampf für die Befreiung des Landes anerkannt werden.


Libanesen formen das Konterfei des ermordeten Rafik Hariri aus Papier; Foto: AP
"Im Libanon scheitert der Staat bisher daran, die neue politische Ordnung über eine Erinnerungspolitik abzusichern, die von einer Mehrheit anerkannt wird", schreibt Sonja Hegasy.

​​Jede Geschichtsschreibung ist zeit- und interessenabhängig; jede Erinnerung ist ein temporäres Konstrukt. Sie ändert sich mit dem Adressaten und der Situation. Dass staatliche Erinnerung nicht automatisch dominiert, sah man am Beispiel der DDR und ihrer Nischenöffentlichkeiten.

Im Libanon scheitert der Staat bisher daran, die neue politische Ordnung über eine Erinnerungspolitik abzusichern, die von einer Mehrheit anerkannt wird. Ein Austausch zwischen individueller und öffentlicher Erinnerung über den Bürgerkrieg findet fast nur in der Hochkultur statt; hier allerdings umso stärker: Kaum ein Abend in Beirut, an dem nicht eine Ausstellung, ein Theaterstück, ein Konzert oder eine Lesung die blutige Vergangenheit thematisiert.

Für Schüler und Studenten stellt sich die Frage nach der Vergangenheit an erster Stelle als Frage nach der Zukunft: Würden sie unter Umständen erneut zu den Waffen greifen? „Würden sie kämpfen, wenn die Kriegstrommeln wieder ertönen?“, fragt die Leiterin des oral history-Projektes „Bidna naaref“ (Arabisch: Wir möchten wissen), das von internationalen Organisationen finanziert und in den letzten zwei Jahren mit 12 Beiruter Oberschulen zusammenarbeitete. Fragen wie diese kommen in Diskussionen mit jungen Libanesen schnell auf. Dies liegt insbesondere an den jüngsten Entwicklungen im Nachbarland Syrien.

Sog der Gewalt

Derzeit versuchen alle großen politischen Fraktionen im Libanon, sich nicht in den syrischen Konflikt hineinziehen zu lassen. Provokationen werden von den politischen Führern dieser Tage möglichst unterlassen.


Moschee und Kirche in Beirut; Foto: DW
Geschichtsaufarbeitung im Libanon gestaltet sich schwierig bis gar nicht: In den konfessionellen Schulen wird zumeist die je eigene Version der Geschichte unterrichtet.

​​Obwohl eine der großen ideologischen Trennlinien im Land zwischen pro-syrischen (Bewegung 8. März unter Führung der Hisbollah) und anti-syrischen Kräften (Bewegung 15. März der Hariri-Anhänger) verläuft, stemmt sich die Politik gegen den Sog der Gewalt aus Syrien. Auch von überzeugten Anhängern der pro-iranischen und pro-syrischen Hisbollah hört man, dass der Libanon sich aus den Konflikten Dritter heraushalten sollte.

Das Schulbuchprojekt hat Premierminister Najib Mikati vorläufig eingestellt, bis ein Konsens gefunden ist. Nur ist unklar, wie diese Übereinkunft ohne öffentliche Debatte entstehen soll. Patrick Richard, Präsident der Studentenvereinigung der Phalangisten, ließ verlautbaren, dass es noch weitere zehn Jahre dauern würde, bis man sich auf eine gemeinsame Lesart der Vergangenheit verständigen könne.

22 Jahre nach Ende des Bürgerkrieges halten viele Bürger es noch immer für verfrüht, sich über ihre Geschichte zu verständigen. Wenige sind bereit, die verschiedenen Versionen zu dokumentieren und öffentlich zu verhandeln. Und selbst sie bitten darum, nicht zu tief in den noch immer offenen Wunden des Bürgerkriegs zu bohren. „Wir haben keinen funktionierenden Nationalstaat – warum sollten wir eine nationale Geschichte haben?“, sagt ein junger libanesischer Historiker.

Dass die Gegenwart wichtiger ist für das, was erinnert wird, als die Vergangenheit, zeigt sich im Libanon deutlich.

Sonja Hegasy

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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