Die Zinciriye-Madrase in der Altstadt von Mardin; Foto: Sonja Galler
''Kurdisch'' als Studienfach in der Türkei

Stiller Wandel

Altehrwürdig sind die Gemäuer, jung ist die Studentenschaft: In der Zinciriye-Madrasa in Mardin wird der Master 'Kurdische Sprache und Kultur' unterrichtet. Nun wurde das Studienangebot um den Bachelorabschluss ergänzt. Ein bemerkenswerter Wandel im türkischen Hochschulsystem. Von Sonja Galler

Von honigfarbener Schönheit ist die Zinciriye-Madrase in der Altstadt von Mardin, im Südosten der Türkei. Oberhalb des Stadthügels gelegen, zieht die islamische Hochschule aus dem 14. Jahrhundert die Touristen an. Seit gut einem Jahr findet in den sandsteinfarbenen Gemäuern nicht nur museales, sondern auch wieder akademisches Leben statt.

Die Räume werden von der 2007 gegründeten Mardin Artuklu Universität für einen Studiengang genutzt, den es so in der Geschichte der türkischen Republik noch nicht gegeben hat: Ein zweijähriges Masterprogramm für "Kurdische Sprache und Kultur", das in diesem Jahr um einen Bachelor erweitert wurde. Zu den bisherigen zwanzig Masterstudenten kommen nun eben so viele Bacheloranwärter hinzu. Unterrichtssprache ist Kurdisch, in den Dialekten Kurmancî und Zazakî.

"Lebende Sprachen": Kurdisch, Arabisch und Assyrisch

Kurdisch ist nur einer von drei Fachbereichen des Instituts für lebende Sprachen (Yaşayan Diller Enstitüsü), wie es im rhetorisch-verschleiernden Sprachgebrauch heißt. "Lebende Sprachen" meint, dass neben Kurdisch auch Arabisch und Assyrisch unterrichtet werden: Also die Sprachen, die in Südostanatolien besonders stark vertreten sind und um die so häufig Streit entflammt – etwa in der Diskussion um muttersprachlichen Unterricht an Grund- und weiterführenden Schulen.

Wegweiser zur Zinciriye Madrase in Mardin; Foto: Sonja Galler
Wegweisend für neue akademische Standards in Südostanatolien: Seit gut einem Jahr findet in der Zinciriye Madrese nicht nur museales, sondern auch wieder akademisches Leben statt.

​​Bislang ist dies in der Türkei, die auf einem einheitlichem Schulprogramm und Türkisch als verbindlicher Unterrichtssprache von Edirne bis Hakkâri beharrt, noch eine Wunschvorstellung. Die Einrichtung des Mardiner Instituts könnte ein wichtiger Schritt sein, um die notwendigen Voraussetzungen (in ihrer Muttersprache ausgebildete Lehrer, Entwicklung von Standardsprache und Lehrmaterial etc.) für den seit Jahren eingeforderten muttersprachlichen Schulunterricht zu schaffen und so der Forderung neue Vehemenz zu verleihen.

Aktiv ist von den drei Fachbereichen derzeit allein der Kurdisch-Lehrstuhl, der mit Kadri Yıldırım mit einem Professor für arabische Literatur und Sprache besetzt wurde; Schwerpunkt seiner Forschung ist Ehmede Xanî, ein Klassiker der kurdischen Literatur.

Die Assistenzstellen haben ein türkischer Literaturwissenschaftler und ein Theologe inne. Im Mittelpunkt des Studiengangs stehen kurdische Grammatik und Dialektologie. Daneben beschäftigen sich die Studenten mit klassischer und moderner Literatur, Handschriften sowie Phänomenen mündlicher Kultur. Für andere Sprachen wäre dies vielleicht bloß ein philogisches Standartprogramm – für die meisten Kurden ist es ein aufregend neues akademisches Terrain.

Kurdisch an einer türkische Uni

Wer sind also die Studenten, die sich auf dieses Gebiet begeben? Überwiegend Kurden Anfang dreißig, meist Lehrer mit Berufserfahrung. Alle von ihnen haben sich schon vorher, auf eigene Faust mit dem Kurdischen beschäftigt, Bücher und Artikel veröffentlicht. So auch der Grundschullehrer Kadir*: "Für uns ist die Tatsache jetzt nicht mehr im Wohnzimmer, sondern an einer türkischen Uni auf Kurdisch über kurdische Themen zu sprechen, ein Fortschritt."

Hochengagiert, intellektuell und selbstbewusst sind sie – gleichzeitig waren sie bislang weit davon entfernt, ihr Interesse zum Beruf machen zu können. Doch genau das ist der Punkt, der wie viel andere auch Kadir umtreibt: "Wir sind müde, tagsüber auf Türkisch zu unterrichten und uns erst nach der Arbeit, quasi als Hobby, mit der kurdischen Sprache zu beschäftigen."

Bücher auf Kurdisch, die vor kurzem in der Türkei herausgegeben wurden; Foto: Sonja Galler
Neue Normalität im Wissenschaftsbetrieb? Fachbücher auf Kurdisch, die in der Türkei gedruckt und publiziert wurden.

​​Kadir hofft darauf, nach dem Abschluss eine Stelle an einer Universität zu finden. Dafür spricht, dass Gründungen kurdischer Fachbereiche etwa in Muş, Hakkâri und Bingöl im Gespräch sind.

Das Medieninteresse war dem Institut seit seiner Gründung gewiss. Meist positiv waren die Reaktionen, doch auch Kritik wurde laut: Etwa von einflussreichen kurdischen Institutionen und Parteien, wie Kurdi-Der und BDP. Kein Ausdruck einer wirklichen Haltungsveränderung, sondern nur ein Beruhigungs-Schachzug der AKP sei die Einrichtung des Studiengangs, der vor allem mit AKP-nahen Lehrkräften besetzt wurde.

Ein vergleichsweise ungefährliches Zugeständnis (was sind schon eine Handvoll Studenten?) in Folge des jahrelangen Drucks von Seiten der EU und kurdischer Organisationen. Inzwischen sind die Kritiken leiser geworden und Neugier überwiegt: Im zweiten Jahr bewarben sich rund zweihundert Studenten für den Master, unter ihnen bekannte kurdische Schriftsteller, die nun zum ersten Mal in ihrem Leben auf Kurdisch die Schulbank drücken.

Kudische Geschichte als "weißer Fleck"

Sicherlich sei der Studiengang unter den jetzigen Bedingungen alles andere als ideal, so Kadir: Das Lehrangebot ist klein. Es fehle an Personal und ausreichender Methodik. Auch eine akademisch institutionalisierte, kritische Auseinandersetzung mit der kurdischen Geschichte ist noch immer undenkbar, zu stark ist die Kontrolle durch den Hochschulrat YÖK, der die Äußerungen des Instituts genau beobachtet.

Dennoch hat der Studiengang schon jetzt etwas Bemerkenswertes geleistet, meint Kadir: "Das Image der Kurden als ungebildet, als sprach- und geschichtslos wird durch die Existenz des Studiengangs Lügen gestraft."

Dass kurdische Autoren wie Ehmede Xanî ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und sein Hauptwerk Mem und Zin gar vom Ministerium für Kultur herausgegeben wurde, dass die literarischen Übersetzungen aus dem Kurdischen ins Türkische und umgekehrt steigen, all das sieht Kadir als positive Zeichen.

Man spürt an ihm den Wissensdurst dieser ersten Studentengeneration, die sich mit so unterschiedlichen Themen wie "Cizre als Ort in der Literatur", "Frauen in der Dengbej-Kultur" oder "Kurdischer Literaturkritik" befassen. Mit Spannung werden die ersten Masterarbeiten erwartet!

Sonja Galler

© Qantara.de 2011

*Name von der Autorin geändert.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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