Die Mutanabbi-Straße in Bagdad; Foto: Munuf al-Saidy
Kulturszene im Irak

Botschafter deutscher Kultur am Tigris

Nach langen Jahren des Terrors entwickelt sich in Bagdad wieder eine lebendige Literatur-, Film- und Theaterszene. Birgit Svensson hat sich mit Kulturschaffenden in der irakischen Hauptstadt unterhalten.

Manchmal sitzt Hella Mewis auf der Treppe im stockdunklen Saal des Nationaltheaters und staunt. Auf der riesigen Leinwand vor ihr tauchen die Augen ein in eine andere Welt. Noch nie gab es in Bagdad so viele Filme aus so vielen Ländern zu sehen wie in diesem Herbst: 135 Streifen aus 23 Staaten. Es sind nicht Geschichten aus 1001 Nacht, sondern erzählter Alltag, was die Berlinerin dort zu bestaunen bekommt.

"Es ist faszinierend, vor allem die vielen arabischen Filme zu sehen." Mewis ist Mitglied der Jury für Kurz- und Frauenfilme, die umfangreichste Sektion des Internationalen Filmfestivals. "Die ägyptischen Filme sind hier mit Abstand die besten", fasst sie ihre Eindrücke zusammen. "Man merkt, dass die Frauen am Nil weiter sind, als anderswo in der arabischen Welt." In allen Kategorien sind ägyptische Filmemacher unter den ersten drei.

Hella Mewis weiß, wovon sie spricht. Sie ist Kulturschaffende, hat in Berlin unternehmerische Kulturförderung studiert und ist seit gut einem Jahr Projektbetreuerin am Theaterhaus Berlin-Mitte. Kulturaustausch mit anderen Ländern ist ihr Schwerpunkt, der Irak ihre Leidenschaft. In dieser Funktion war sie schon einmal in Bagdad, als im November letzten Jahres zum ersten Mal das Theaterfestival für Nachwuchskünstler abgehalten wurde.

Kulturelles Novum "Muntada al Masrah"

Hella Mewis; Foto: Birgit Svensson
"Während letztes Jahr Bagdad noch aussah wie im Krieg, zieht jetzt langsam Normalität ein", berichtet Hella Mewis.

​​Zusammen mit vier Kollegen aus Berlin und Paris erarbeitete sie ein Kindertheaterstück, das in Bagdad zur Aufführung kam. Ein am Tigris gelegenes altes Haus, ehemalige Residenz des ersten irakischen Premierministers Nuri as-Said, diente als Austragungsort und ist inzwischen zum städtischen Kulturhaus "Muntada al Masrah" ernannt worden. Auch in diesem Jahr findet das Theaterfestival dort statt.

Es herrscht ein buntes Treiben. Nach den Veranstaltungen sitzt man auf einfachen Plastikstühlen am Fluss zusammen, isst Gegrilltes, schwatzt und raucht Wasserpfeifen. Letztes Jahr noch staunten die Iraker. Denn bis dahin hatten sich kaum Europäer so offen am Tigris gezeigt. Eine deutsche Theatergruppe war bis dahin in Bagdad noch nie gesehen worden.

Überhaupt gab es seit dem Einmarsch amerikanischer Truppen im März 2003 und dem Sturz Saddam Husseins kaum deutsches Kulturengagement in der irakischen Hauptstadt. Während die Franzosen schon vor einigen Jahren ihr "Centre Culturel Francais" an der berühmten Abu Nawas Straße wieder eröffneten und Ausstellungen dort abhielten, blieben die Vertreter des Goethe-Instituts stets unsichtbar und residierten in der jordanischen Hauptstadt Amman.

Als Begründung wurde die verheerende Sicherheitslage angeführt. Bis heute sind Reisen offizieller deutscher Regierungsvertreter nach Bagdad nicht erlaubt. Doch seitdem der Landesvertreter des Goethe-Instituts für den Irak im sicheren kurdischen Erbil beheimatet ist, wird die Blickrichtung nach Bagdad intensiver.

Deutsche Filme im Wettbewerb

So soll in den nächsten Wochen eine Anthologie zeitgenössischer irakischer Schriftsteller mit deutschem Geld und unter der Regie des Goethe-Instituts gedruckt und auf der berühmten Büchermeile Al-Mutanabbi vorgestellt werden. Beim Filmfestival beteiligt sich Deutschland ebenfalls. Deutsche Filme laufen nicht nur im Wettbewerb, sondern auch in einem Spezialforum im Nationaltheater und im "Hunting Club", unweit der Botschaft im Stadtteil Mansour.

Die Mutanabbi-Straße in Bagdad; Foto: Munaf al-Saidy
Schlagendes Herz der Literaturszene Bagdads: Mit ihrem fast unerschöpflichen Angebot an Büchern fungiert die Al-Mutanabbi-Straße als Zeitzeuge der politischen und kulturellen Veränderungen im Zweistromland.

​​Dabei ruft Fathi Akins Film "Soul kitchen" bei den Zuschauern unterschiedliche Reaktionen hervor. Für manche ist es der erste deutsche Film nach 30 Jahren Krieg unter Saddam Hussein und Terror unter den Amerikanern. Für manche ist es der erste deutsche Film überhaupt, den sie jemals zu sehen bekamen. Warum dann gerade ein Film eines türkisch-stämmigen Regisseurs?, wundert sich so mancher beim Verlassen des Nationaltheaters. "Ist das das Deutschland von heute?", wird Hella Mewis immer wieder gefragt.

"Es hat sich unheimlich viel verändert - überall", antwortet die Kulturfrau aus Berlin dann. Deutschland ist ein anderes als noch vor 30 Jahren und auch der Irak ändert sich im Eiltempo. "Während letztes Jahr Bagdad noch aussah wie im Krieg, zieht jetzt langsam Normalität ein." Jetzt könne sie auf die Straße gehen, Geschäfte anschauen, in Restaurants essen.

Schatten des Terrors

Letztes Mal hat man sie und die Kollegen vom Hotel abgeholt, ins Theater gefahren und umgekehrt. Immer waren Aufpasser zugegen. Es gab Bombenwarnungen und Entführungshinweise. Kontrollpunkte fast alle 200 Meter. Viel Stacheldraht und Betonstehlen. An Spaziergänge war kaum zu denken. Nur ein Mal wurde ein Ausflug zum Büchermarkt in die Mutanabbi-Straße organisiert. Vier schwer bewaffnete irakische Armeeangehörige sicherten die Ausländer ab.

Heute sind die meisten Checkpoints in der Innenstadt abgebaut. Auf der Flaniermeile Abu Nawas gibt es noch einen einzigen. Zwar nehmen derzeit im Hinblick auf den bevorstehenden kompletten Abzug der US-Truppen Ende des Jahres die Bombenschläge wieder zu. Doch ist deren Zahl geringer als im letzten Jahr und nur zehn Prozent im Vergleich mit den schlimmen Terrorjahren 2006/07.

Veranstalter eines Filmfestivals in Bagdad; Foto: Birgit Svensson
Nach Jahren des Krieges und der Diktatur unter Saddam Hussein begeistern sich viele Iraker heute für neue kulturelle Angebote in ihrer Heimat: Veranstalter eines Filmfestivals in Bagdad.

​​"Ich fühle mich noch nicht so sicher wie in Deutschland", sagt die blonde Berlinerin, die mit ihren blauen Augen die Blicke sowohl der männlichen, als auch der weiblichen Passanten auf sich zieht, "aber schon sicherer als letztes Mal". Die sich schnell entwickelnde Kulturszene und ihre "Theaterfamilie" tragen natürlich auch dazu bei, dass sie sich wohlfühlt.

Dreh- und Angelpunkt dabei ist nach wie vor das Nationaltheater im Stadtteil Karrada. Mit Millionen von Dollar renoviert und im Frühjahr 2009 wiedereröffnet, ist es wie schon zu Saddam Husseins Zeiten die Kulturinstanz in Bagdad. Die Hauptveranstaltungen finden dort statt, und von dort strahlen die anderen Ereignisse ab. Stets war Kultur im Irak staatlich verordnet und subventioniert. Das ändert sich jetzt langsam. Schon gibt es erste kommerzielle Ansätze, die Erfolg haben.

Waffen statt Kultur

Eine privat finanzierte Komödie zieht Abend für Abend Schlangen von zahlenden Zuschauern an. Vor allem junge Leute sind begeistert von der Leichtigkeit des Dargebotenen. "Die Leute wollen lachen", erklärt Abdullah, der 15.000 irakische Dinar (etwa zehn Euro) für ein Ticket hinlegt. "Traurigkeit hatten wir genug in den letzten Jahren." Auch für das regelmäßig im Nationaltheater stattfindende Konzert des irakischen nationalen Symphonieorchesters muss jetzt bezahlt werden (10.000 Dinar, 7 Euro).

Bei den etablierten Kulturschaffenden stößt dies auf wenig Verständnis. Sie sehen die Erhebung von Eintrittsgeld als Auswirkung der immer dramatischer um sich greifenden Korruption, die auch die Kulturbranche erfasst hat. So steht der Theaterdirektor im Verdacht, einige Millionen der für die Renovierung des Hauses zur Verfügung gestellten Gelder in die eigene Tasche gesteckt und nicht für technische Ausrüstung und solide Bestuhlung ausgegeben zu haben.

Und mitten ins Filmfestival platzt die Nachricht, dass Kulturminister Sadun al-Dulaimi, in seiner zweiten Funktion als amtierender Verteidigungsminister, 100 Millionen US-Dollar aus dem Kulturbudget in die Verteidigung steckt, Waffen und Panzer anstatt Kultur damit fördert.

Das schon seit Längerem auf verschiedenen Ebenen im Irak angedachte Konzept von PPP – Public Privat Partnership – dürfte also auch vor der Kultur in Zukunft nicht Halt machen. Unternehmerische Kulturförderung ein Zukunftsprojekt für den Irak? Hella Mewis wurde schon gefragt, ob sie als Beraterin zur Verfügung stünde.

Birgit Svensson

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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