Kinder einer Landschule bei Essaouira erhalten Bücher der Bücherkarawane; Foto: Regina Keil-Sagawe
Kultur- und Autorenszene in Marokko

Bücherherbst auf Marokkanisch

Marokko hat nicht auf den arabischen Frühling gewartet, um seine Kulturszene zu revolutionieren. Mitte der 1990er Jahre begann ein Aufbruch, der vor nichts haltmacht: Künstler stellen in Kosmetiksalons aus, Literaturcafés finden statt in Tennisclubs, und ein Hotel stiftet den höchstdotierten Literaturpreis des Landes. Von Regina Keil-Sagawe

Es war ein mondänes Ereignis, einen Hauch surreal, als Mahi Binebine am 6. November vergangenen Jahres im Mamounia, Marrakeschs legendärem Glamour-Hotel, dessen neu gestifteten Literaturpreis entgegennahm – für seinen Roman Les étoiles de Sidi Moumen (dt. von Regula Renschler: Die Engel von Sidi Moumen, Lenos 2011), der in den Slums von Casablanca spielt, den Selbstmordattentätern vom 16. Mai 2003 auf der Spur. Ein bizarrer Kontrast, wie er nicht untypisch für Marokko ist.

Nicht, dass man Binebine, dem sympathischen Tausendsassa, dessen Gemälde längst in New York hängen, im Guggenheim Museum of Modern Art, den Erfolg im eigenen Land nicht gönnt; auch Tahar Ben Jelloun, der Vielprämierte, hatte sich begreiflicherweise höchst gerührt gezeigt, als er Ende 2010 in Rabat seinen ersten marokkanischen Literaturpreis erhielt, den international renommierten Prix Argana für Poesie.

Buchcover: Die Engel von Sidi Moumen im Lenos-Verlag
Ein bizarrer Kontrast, wie er nicht untypisch für Marokko ist: Mahi Binebines Erfolgsroman "Die Engel von Sidi Moumen" wurde 2010 mit dem Prix du Roman arabe und dem Prix littéraire de La Mamounia ausgezeichnet.

​​Doch man staunt schon, dass fast alle Autoren der Mamounia-Shortlist aus französischen Verlagshäusern stammen. Und man fragt sich, wie das Mamounia Marokkos Literatur promoten will, wenn keine marokkanischen Verlage mit im Boot sind.

Ein Buchmarkt ohne Leser?

Andererseits: Warum sollte dem Prachthotel mit seinem Prestige-Coup gelingen, was marokkanischem Kulturministerium und französischer Botschaft seit Jahrzehnten nicht recht glückt? Zwar gehen die traditionellen Literaturpreise beider Institutionen, seit 1986 wird der staatliche Prix du Maroc du Livre verliehen, seit 1991 der französische Prix Grand Atlas, stets an Autoren, deren Bücher in Marokko verlegt sind. Doch das allein reicht zur Stärkung des marokkanischen Buchmarkts mit seinen ca. 2.000 Neuerscheinungen und sinkender Auflagenstärke, die selten 1.000 Exemplare überschreitet, kaum aus.

Obwohl es längst internationale Buchmessen in Tanger und Casablanca gibt, klagen Marokkos führende Verleger, Abdelkader Retnani (La Croisée des Chemins), Rachid Chraïbi (Editions Marsam) und Layla Chaouni (Le Fennec), über staatliche Lethargie. Es fehle an Subventionen, Buchhandlungen schlössen, transparente Zahlen zum Buchmarkt gebe es nicht, obwohl der amtierende Kulturminister Bensalem Himmich doch selbst Schriftsteller sei.

Ganz zu schweigen von der defizitären Infrastruktur: statt der versprochenen 4.000 gebe es nur 500 öffentliche Bibliotheken und selbst in Millionenstädten nicht mehr als zehn, zwölf Buchläden, deren Inhaber häufig nicht vom Fache seien. Buchhandlungen wie das "Kalima wa Dimna" in Rabat oder der "Carrefour des Livres" in Casablanca wirkten noch vor kurzem wie Oasen des Leseglücks inmitten einer Wüste des Analphabetentums.

Er schäme sich für seine unfähige Regierung, ihre kulturelle, soziale, ökonomische Dekadenz, so kanzelte Ahmed Bouzfour, der arabophone Autor, im Jahr 2002 öffentlich Marokkos Mächtige ab und wies den ihm verliehenen Prix du Maroc du Livre nebst 7.000 Dollar Preisgeld zurück. Wozu Bücher prämieren, die sich nicht verkauften, da jeder zweite Marokkaner des Lesens und Schreibens unkundig sei, auf dem Land gar neun Marokkanerinnen von zehn?

Von Bürgerkarawanen und Bücherkarawanen

Seither wurden gewaltige Anstrengungen unternommen, um den krassen Analphabetismus einzudämmen. Zum Weltbildungstag am 8. September zogen Marokkos Medien Bilanz: Fünf der 32 Millionen Marokkaner wurden seit 2003 außerschulisch alphabetisiert, 68 Prozent der Bevölkerung könnten nunmehr schreiben und lesen, bei den 15 bis 24-Jährigen sogar 84 Prozent.

Der Staat allein hätte das kaum gestemmt – ohne das Engagement von Weltbank, Stiftungen und Mäzenen, der in Rabat ansässigen Botschaften und Tausenden von NGOs, in denen sich das soziale Engagement der akademischen Mittelschicht kristallisiert.

Als Pionierin gilt Jamila Hassoun, Buchhändlerin aus Marrakesch, die schon 1996 ihren Renault mit Büchern vollstopft und die Dorfschulen im Hohen Atlas besucht. 1999 lanciert sie mit Fatima Mernissi ihre "Bürgerkarawanen" (caravanes civiques), 2006 dann – in dem Jahr, in dem die UNESCO Marokko den Konfuzius-Preis für innovative Lernprojekte im ländlichen Raum verleiht – ihre "Bücherkarawanen" (caravanes du livre): Expeditionen in Gebirgsdörfer oder ferne Wüstenoasen mit Künstlern, Autoren und Pädagogen, die Theater- und Schreibateliers, Mal- und Erzählworkshops anbieten.

Transport der Bücherkarawane in Marokko; Foto: Regina Keil-Sagawe
Beschwerliche Expeditionen: Selbst entlegene Bergdörfer und ferne Wüstenoasen erreichen die "Kuriere" der Bücherkarawane.

​​Welch Talente da im Verborgenen schlummern, davon kann sich der Leser nun selbst ein Bild machen: Im Kinzelbach-Verlag ist ein kalligraphischer Prachtband erschienen, Marokkanische Sprichwörter Arabisch-Deutsch, ein Nebenprodukt der Alphabetisierungskurse mit marokkanischen Landfrauen, gefördert durch die "Fondation Zakoura Education", der sehr schön zeigt, wie Sozialarbeit, Aufwertung der Volkskultur und individuelle künstlerische Entfaltung Hand in Hand gehen.

Vielfältige Literaturwettbewerbe

Parallel dazu schoss schier über Nacht eine Fülle neuartiger Literaturpreise aus dem Boden: Förderpreise, die sich vorrangig an die Jugend richten, und bei denen TV-Sender und Verlage mitmischen, Kulturhäuser und Zeitschriften, Stiftungen und Banken.

2002 lobt das Haus der Poesie einen Erstlingspreis für arabische Lyrik aus, 2005 folgt die Zeitschrift Tel Quel mit einem Short-Story-Preis, 2006 der Sender 2M mit einem Nachwuchspreis für arabische, frankophone und Amazigh-Literatur. Bei Marsam ist bereits der vierte Band Côté Maroc: Nouvelle Noire erschienen: Ergebnis eines Krimiwettbewerbs, den das Institut Français von Marrakesch seit 2007 durchführt.

Und gleich zwei Preise und ein Schreibatelier hat 2010 das MLM, das brandneue Magazine littéraire du Maroc, gemeinsam mit dem Institut Français von Tanger ausgeschrieben: einen frankophonen Kurzgeschichtenpreis, der soeben an Wissal Abdellaoui Andaloussi für ihre Erzählung Le Bournous ging, und einen Großen Preis für den besten Roman in französischer, arabischer oder Berbersprache, der am 14. Oktober in Rabats neuer eleganter Nationalbibliothek von Ben Jelloun persönlich verliehen wird.

"Movida" – eine lebendige Jugendkultur

"Movida" nennen die Marokkaner diese Dynamik, die ab Mitte der 1990er die junge Kunstszene erfasst hat und nun auf die Literatur überschwappt: Literaturfestivals und Salons allenthalben, neuerdings auch Literaturcafés, eine Mode, die Kenza Sefrioui, die kesse Franko-Marokkanerin, im April 2009 lanciert hat.

Zwar sind Literatursendungen in den Medien Mangelware, doch dafür gibt es umso mehr Buch und Autor zum Anfassen – und als weiteres Novum das oben erwähnte, 2009 gegründete MLM, Marokkos erstes publikumsnahes Literaturmagazin, ein gesponsertes Experiment, das vorerst auf Französisch erscheint, dem aber bald eine arabische, etwas später eine Amazigh-Version folgen soll.

Bildmontage Amazigh/ DW
Zu politischen Konzessionen bereit: Nachdem bereits zahlreiche TV-Kanäle auf Berberisch senden, will Marokkos König Mohammed VI., dass in der neuen Verfassung die Berber-Sprache Amazigh gleichberechtigt neben Arabisch als offizielle Amtssprache fungieren soll.

​​Dass das Amazigh einmal den Sprung in die Verfassung schaffen würde, schien in den 1990ern, als den Verfechtern der Berberkultur noch Gefängnisstrafe drohte, pure Utopie. Doch am 17. Oktober 2001 wurde das IRCAM gegründet, das Königliche Institut für Amazigh-Kultur, und schon 2005 schrieb man dort erste Preise für Amazigh-Literatur aus, kurz nach der Standardisierung des Tifinagh-Alphabets.

Einen Berber-Background zu haben, galt plötzlich als schick, und seit dem Referendum vom 1. Juli 2011 ist jenes Idiom, das halb Marokko zur Muttersprache hat, tatsächlich konstitutionell verankert: auf Augenhöhe mit dem Hocharabischen.

Die andere Hälfte Marokkos aber? Hat de facto keineswegs Hocharabisch, sondern das marokkanische Dialektarabisch zur Muttersprache, kurz "Darija", eine arabo-berberische Mixtur mit franko-hispanischen Einsprengseln, die den Puristen ein Graus, den Menschen aber aus der Seele gesprochen ist und über Werbeslogans, Rap-Musik und Internetforen die Medien erobert.

Den bislang einzigen Literaturpreis auf Darija jedoch, Bladi Bladna ("Mein Land, unser Land"), den schrieb 2006 eine Amerikanerin aus, Elena Prentice, Verlegerin aus Tanger, deren kostenloses Wochenblatt Khbar Bladna ("Neues aus unserem Land") schon seit 2002 reißenden Absatz findet, weil es die Kluft zwischen Gebildeten und Halbanalphabeten jäh schließt.

Youssef Amine Elalamy, experimentierfreudiger Generalsekretär des marokkanischen PEN, brachte 2006 bei Elena Prentice den ersten literarischen Text überhaupt auf Darija heraus, die Porträtsammlung Tqarqib Ennab ("Klatsch").

Zwei heiße Eisen

Am 2. Oktober wurde der Mamounia-Literaturpreis nun zum zweiten Mal verliehen. Und wieder standen fast nur in Frankreich verlegte marokkanische Autor(inn)en zur Wahl, unter ihnen auch Fouad Laroui mit seinem Essay Le drame linguistique marocain, der für eine Aufwertung der "Darija" plädiert, für ihre Anerkennung als Nationalsprache und ihre Verschriftlichung mit lateinischen Buchstaben, so wie die marokkanische Internet-Community es mehrheitlich längst entschieden hat.

Es wäre das Ende einer lähmenden Diglossiesituation. Eine echte Revolution – parallel zu den Forderungen, die Boualem Sansal, der aktuelle Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, in seinem Essay Postlagernd: Algier für Algerien aufstellt.

Doch so wenig Sansals unorthodoxer Essay in Algerien aufzufinden ist, so wenig war zu erwarten, dass die Mamounia-Jury, die aus Vertretern der Frankophonie vom Senegal bis Quebec bestand, dieses heißeste aller arabischen Eisen anpacken würde … Dennoch bewies die Jury Mut: Denn der Preis ging postum an den grandiosen Stilisten Mohamed Leftah (1946-2008), für seinen elften Roman, Le dernier combat du Caiptan Ni’mat (Paris: La Différence 2010), der einfühlsam, sprachlich brillant und unerhört kühn das homosexuelle Coming Out eines gealterten ägyptischen Kriegshelden schildert, seinen Ausbruch aus dem Ghetto von Kairos Großbürgertum.

Ein Zeichen habe man setzen wollen, so die Jury, gegen Unterdrückung, Intoleranz und übersteigerten Männlichkeitswahn. Auch dies ein Beitrag zum Arabischen Frühling, gewiss, der durchaus zum Image von Marrakesch passt.

Regina Keil-Sagawe

© Qantara.de 2011

Regina Keil-Sagawe lebt als Übersetzerin und Publizistin in Heidelberg. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt auf der maghrebinischen Kultur. Sie ist unter anderem Mitinitiatorin einer Hochschulpartnerschaft zwischen Heidelberg und dem marokkanischen Essaouira.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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