Gedicht des Schrifstellers Günter Grass mit dem Titel Was gesagt werden muss auf der Feuillton-Seite der Süddeutschen Zeitung; Foto: dpa
Kritik an Grass-Gedicht

Grass' Gedicht, in Gaza gelesen

In der deutschen Öffentlichkeit wird über ein schlechtes Gedicht gestritten. Die Lage der Menschen im Gazastreifen, über deren Köpfen und Schicksalen wirklich die Frage von Frieden oder Krieg ausgetragen wird, interessiert dabei jedoch nicht. Ein Essay von René Wildangel

Grass' Gedicht "Was gesagt werden musste" hat für eine wahre Flut von Kommentaren und Meinungsartikeln gesorgt. Nirgendwo wird darüber so ereifert debattiert wie in Deutschland.

Aus der Ferne wirkt die deutsche Debatte grotesk überdreht; umso mehr, wenn man als Beobachter im Nahen Osten sitzt. Denn Grass schreibt einen Text über Israel und Iran, aber die Debattenbeiträge drehen sich ausschließlich um den Subtext, über Grass' Vergangenheit und die weiterhin mit Leidenschaft diskutierte, aber meist mit Vorwürfen und Polemik garnierte Frage, wo Israelkritik endet und Antisemitismus beginnt.

Grass' Gedicht, in Gaza gelesen, lässt die Debatte noch grotesker erscheinen: Hier, nach meiner mühsamen Eineise über den Grenzposten Erez, lese ich noch mal das Gedicht und die zahleichen Debattenbeiträge. Das Gedicht wird zwar nicht besser durch die Ortsveränderung; aber eine Frage drängt sich auf:

Flüchtlingslager Jabaliya im nördlichen Gazastreifen; Foto: dpa
"Es müsste gesagt werden, dass 80 Prozent der Bevölkerung Gazas mittlerweile von humanitärer Hilfe abhängig sind, Arbeitslosigkeit und Chancenlosigkeit die Jugend deprimieren... Dass die totale Blockade und Isolation Gazas ein Wahnsinn ist, der eine ganze Generation junger Palästinenser nicht nur Israel, sondern der ganzen Welt entfremdet und ihnen die grundlegendste Humanität und Würde, ihre Bewegungsfreiheit und Entfaltungsmöglichkeiten nimmt", schreibt Wildangel.

​​Wie kann es sein, dass dieses Gedicht so viele Emotionen auslöst – aber die Lage der 1,5 Millionen Menschen, die ich hier aus der Nähe erlebe, völlig im Dunkeln bleibt (nicht nur wegen der anhaltenden Stromausfälle...) und selbst jene Themen, die Grass konkret ansprechen will, kaum vorkommen in der Debatte?

Die obligatorischen Tiraden der Broders & Co.

Seit Tagen geht es nur noch darum zu klären, ob Grass Antisemit ist oder nicht. Die Debatte nahm teils skurrile Formen an: In Deutschland arbeiten sich auf Spiegel Online nach den obligatorischen Tiraden der Broders und Co. auch noch die letzten Hinterbänkler aus Kultur und Politik an der Debatte ab. Israels rechter Innenminister Eli Yishai, bisher dafür bekannt afrikanische Flüchtlinge als "Krankheitsrisiko" abzulehnen, verbietet Grass die Einreise, obwohl er gar nicht reisen wollte. Aus dem Iran und anderswo kommt vereinzelt Beifall von den falschen Leuten und notorischen Israelhassern.

Grass' Gedicht, in Gaza gelesen, macht das Gedicht zwar nicht besser. Es bleibt schlecht. Künstlerisch und inhaltlich; und dass sich Grass um den israelischen "Erstschlag" sorgt, der das "iranische Volk auslöschen könnte", ist überaus unsinnig.

Ebenso wie die Tatsache, dass der iranische Präsident als "Maulheld" abgetan wird, der aber gegen sein eigenes Volk nicht durch Maulheldentum aufgefallen ist, sondern Mitverantwortung trägt für die grenzenlose Brutalität gegen politische Opposition und Zivilgesellschaft.

Gravierende Folgen für die gesamte Region

So geht in dem verwirrten Text auch die wichtige Botschaft unter: Nämlich die Warnung vor einem nicht mehr irrealen israelischen Militärschlag gegen die iranischen Nuklearanlagen, ohne Beweise dafür, dass der Iran tatsächlich die Atombombe anstrebt. Ein solcher kriegerischer Akt ist nicht mehr ganz ausgeschlossen, und Warnungen vor den Folgen, einer neuen kriegerischen Auseinandersetzung im ganzen Nahen Osten, sind überaus wichtig. In Israel selbst, in den USA und ganz sicher auch in Deutschland.

Israels Innenminister Eli Yishai; Foto: AP
Israels rechter Innenminister Eli Yishai hatte als Reaktion auf das Grass-Gedicht am 8. April zur unerwünschten Person erklärt und ein Einreiseverbot ausgesprochen.

​​Auch ein weiterer Punkt aus Grass' Gedicht hätte eine sachliche Debatte verdient gehabt, nämlich ob Deutschland in der jetzigen Situation weitere atomwaffenfähige U-Boote an Israel liefern sollte. Denn die Lieferung verstößt klar gegen deutsche Rüstungsexportpolitik und ist in der Lage, die angespannte Situation in Nahost weiter anzuheizen statt zu beruhigen.

Dass die Kritiker solcher Exporte die Sicherung der Existenz des Staates Israels in Frage stellen wollen, ist ein absurder Vorwurf – nicht Waffenlieferungen, sondern der Einsatz für ein Ende der Besatzung und eine Durchsetzung der Zweistaatenlösung sind geeignet, einen echten Beitrag für die Existenz des Staates Israel zu leisten.

Grass' Gedicht, in Gaza gelesen, wo die Fischerboote der Palästinenser nur einen schmalen Küstenstreifen von drei Meilen befahren dürfen, wo die Menschen mit der ständigen Angst leben, vom Meer aus oder aus der Luft angegriffen zu werden, gibt eine andere Perspektive auf die Frage der U-Boote.

Wer redet eigentlich vom Existenzrecht der Palästinenser? Grass hätte der Debatte einen Dienst erwiesen, wenn er einen prägnanten Essay über all diese Themen geschrieben hätte: Das israelische Nuklearprogarmm, die deutschen U-Bootlieferungen, die israelische Besatzung und die Siedlungspolitik.

Schlechter Stil und verirrte Gedanken

Grass' Gedicht, in Gaza gelesen, führt auch vor Augen wie empathielos Grass über die Menschen in der Region schreibt. Denn erklärtermaßen – und nicht ohne Hybris – will er "Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben" helfen – Westbank und Gaza sind aber nicht vom Wahn okkupiert, sondern von Israel. Allein der schlechte Stil und die zum Teil verirrten Gedanken in Grass' Gedicht haben nun verhindert, dass genau über jene Themen gesprochen wird.

An Israel geliefertes U-Boot in Haifa; Foto: dpa
In seinem Gedicht hatte Grass der israelischen Regierung vorgeworfen, den ohnehin brüchigen Weltfrieden zu gefährden, und zugleich deutsche U-Boot-Lieferungen an Israel kritisiert.

​​Grass' Gedicht, in Gaza gelesen, lässt die Debatte ob Israelkritik in Deutschland möglich ist, noch absurder erscheinen. Wie sollte man, mit dem Wissen um die Lage der Menschen in Gaza, Israel nicht kritisieren, oder genauer, die israelische Regierungspolitik, die Verantwortung trägt für die anhaltende Besatzung der Westbank und die Abriegelung des Gazastreifens? Nicht aus deutscher oder nicht-deutscher, sondern aus völkerrechtlicher, aus universaler, aus humanitärer Perspektive.

Denn die anhaltende Blockade ist ein Wahnsinn, der fatale Folgen für die junge Bevölkerung im Gazastreifen hat, aber auch den Sicherheitsinteressen des Staates Israel diametral entgegenläuft. Dies mit dem Terror der Hamas zu begründen, ist blanker Hohn, wenn man sieht, wie die Hamasregierung die eigene Bevölkerung mit harter Hand regiert, aber verzweifelt versucht den Raketenbeschuss zu stoppen um mit dem Westen ins Geschäft zu kommen.

Dass in Deutschland Israelkritik unmöglich ist, ist blanker Unsinn. Aber zu viele Deutsche – bei Grass aufgrund seiner persönlichen Vergangenheit vielleicht weniger erstaunlich – haben eine merkwürdig diffusen, hilflosen Zugang zum Thema, meinen Tabus da brechen zu müssen, wo es sie gar nicht gibt, anstatt eine am Völkerrecht und universellen Werten orientierte Sichtweise einzunehmen. Grass redet gar davon er habe sich untersagt, "jenes andere Land beim Namen zu nennen." Was soll der Unsinn?

Deutschlands historische Verantwortung

Grass' Gedicht, in Gaza gelesen, macht auch nicht weniger klar: Deutschland trägt Verantwortung für die Vergangenheit und den Holocaust. Diese Verantwortung beinhaltet den entschiedenen Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus weltweit. Sie beinhaltet aber nicht die Solidarität mit einer rechten israelischen Regierung, welche die Entrechtung und Enteignung der Palästinenser massiv vorantreibt.

Sie beinhaltet auch nicht kritiklose, ritualisierte Waffenlieferungen in Milliardenhöhe, und ebenso wenig die Zurückhaltung bei der Diskussion über das israelische Atomprogramm oder die Angriffspläne gegen das iranische Nuklearprogramm.

Grass' Gedicht, in Gaza gelesen, macht deutlich dass das "Was gesagt werden muss" gerade wieder nicht gesagt wird. Über den Gazastreifen zum Beispiel müsste vieles gesagt werden, aber es herrscht nur Schweigen.

Es müsste gesagt werden, dass 80 Prozent der Bevölkerung mittlerweile von humanitärer Hilfe abhängig sind, Arbeitslosigkeit und Chancenlosigkeit die Jugend deprimieren. Dass die Tunnelwirtschaft gefährliche Parallelstrukturen schafft und mafiaartige Clans begünstigt. Dass die totale Blockade und Isolation Gazas ein Wahnsinn ist, der eine ganze Generation junger Palästinenser nicht nur Israel, sondern der ganzen Welt entfremdet und ihnen die grundlegendste Humanität und Würde, ihre Bewegungsfreiheit und Entfaltungsmöglichkeiten nimmt. Und dass die israelische Besatzung zwei Gesellschaften zerstört – die palästinensische, und die israelische.

Grass' Gedicht, in Gaza gelesen, macht die Leerstelle so deutlich: Deutsche Intellektuelle und Politiker, die Öffentlichkeit streiten über ein schlechtes Gedicht. Die Lage der Menschen im Gazastreifen, über deren Köpfen und Schicksalen wirklich die Frage von Frieden oder Krieg ausgetragen wird, interessiert sie nicht. Das ist das wirklich Fatale an dieser deutschen Debatte.

René Wildangel

© Qantara.de 2012

René Wildangel ist Nahost-Historiker und leitet die Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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