Die US-Regierung verfolgt am Bildschirm die Operation gegen Osama Bin Laden; Foto: AP/The White House
Kommentar zum Tod Bin Ladens

Der Feind im Spiegel

Die Reaktionen auf Bin Ladens Tod offenbaren eine moralische Verwirrung in Orient und Okzident. Der Tod eines Menschen mag manchmal eine gute Nachricht sein. Niemals aber seine Tötung, meint Stephanie Doetzer.

Merkel freut sich. Wulff gratuliert. Obama spricht von Gerechtigkeit und ein paar Hundert Amerikaner jubeln an den Bauzäunen von Ground Zero. Ist das der Westen, der meint, der arabischen Welt Lektionen in Sachen Zivilität erteilen zu können?

Bin Laden war nie die Ikone in der arabischen Welt, für die er im Westen gehalten wurde. Fast wäre seine Ideologie durch die Aufbruchsstimmung der letzten vier Monaten gänzlich obsolet geworden. Mit der Tötung ohne Gerichtsurteil jedoch ermöglichen die USA, dass das Weltbild Al Qaidas in der arabischen Welt wieder einen Platz finden kann. Möglicherweise einen größeren als bisher.

Natürlich: Für viele Araber ist Bin Ladens Tod so unbedeutend wie seine Videoansprachen es für die meisten immer waren. Es gibt wichtigere Themen in diesen Tagen. Doch der Ton, in dem man über ihn spricht hat sich seit seiner Tötung verändert.

Angela Merkel äußert sich vor der Presse zum Tod Osama Bin Ladens; Foto: dapd
Unangemessene Reaktion: Bundeskanzlerin Merkel steht wegen ihrer bekundeten Freude über den Tod von Osama Bin Laden bundesweit in der Kritik.

​​Apropos Tötung: Im Arabischen spricht man in diesem Fall von ightiyaal, also politischem Mord, oder von istishhad – dem Märtyrertod, der umgehend ins Paradies führen soll. Kein Wunder also, dass Bin Laden plötzlich vermehrt als "Sheikh Osama bin Laden" bezeichnet wird.

In den meisten arabischen Ländern ist das eine Respektbekundung. Ein Sheikh ist einer, der sich mit der Religion auskennt; nicht der Häretiker, der den Islam für seine politischen Ziele missbraucht und dessen Image beschmutzt.

"Gott möge ihm gnädig sein"

Wie aber schreibt man nun darüber für westliche Medien ohne die riesige Bandbreite an arabischen Reaktionen und Meinungen über einen Kamm zu scheren?

Zitiert man die haarsträubensten Kommentare auf der Website von Al Jazeera Arabic? Von "Gott möge ihm gnädig sein" bis zu "Wenn er wirklich tot ist, dann sind wir alle Bin Laden"? Oder zitiert man die vielen Araber, die genau das sagen, was der Westen hören will? Wie etwa die ägyptische Parteizeitung Al Wafd, die Bin Laden schlicht als "dunklen Punkt in islamischer Kleidung" bezeichnet und hofft, dass das Kapitel nun ein für alle mal abgeschlossen ist.

Es gibt beides, und von beidem reichlich. Neu ist, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen sich positiv äußern. Sondern auch durchschnittlich religiöse Normalbürger, die in Bin Laden einen Kämpfer für eine gerechte Sache sehen. Nein, nicht wegen den Anschlägen des 11. Septembers. Sondern wegen seiner Kritik an der saudischen Königsfamilie, wegen seiner Solidarität mit Palästina und seinem Verzicht auf das Vermögen seiner Familie.

Diese Gruppe der unvermuteten Trauernden hasst weder den ganzen Westen, noch unterstützt sie leichtfertig Anschläge gegen Zivilisten. Doch sie solidarisiert sich in dem Moment, in dem einer der ihren – und als solcher gilt auch Bin Laden – von einer Spezialeinheit jenes Landes getötet wird, dem man nichts Gutes mehr zutraut.

Aus westlicher Sicht mag das ungeheuerlich klingen, doch in der arabischen Welt hatte Bin Laden nie nur das Image des kaltblütigem Denkers und Drahtzieher des internationalen Terrorismus.

Titelseite einer pakistanischen Zeitung, die über den Tod Osama Bin Ladens berichtet; Foto: dpa
Omnipräsent in den Medien und mythisch überhöht. "Doch war Bin Laden nie eine Ikone der arabischen Welt. Er hatte nicht den Einfluss, der ihm unterstellt wurde. Doch seine Tötung ohne Gerichtsurteil hat etwas verändert – und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem die Weichen für die Zukunft der arabischen Welt neu gestellt werden", schreibt Doetzer.

​​Er war der, den man über ein paar Jahre hinweg immer mal wieder auf Al Jazeera sah. Ein Mann mit einer ruhigen, besonnenen Stimme, einer recht charismatischen Ausstrahlung – und einem für viele betörend klassischem Arabisch. Von all dem hat das westliche Publikum kaum etwas gesehen. Ein kurzer O-Ton hier und da, so aus dem Kontext gerissen, dass er nur Angst machen konnte.

Araber konnten sich an ihm reiben, ihn kritisieren, und ihn mit anderen unliebsamen Gestalten vergleichen. Sie wissen, dass er über den Klimawandel genauso gesprochen hat wie über amerikanische Außenpolitik. Und dass er den USA mehrmals Deals angeboten hat, die im Originalton durchaus einleuchtend klingen konnten.

Die Verkettung der Widersprüche

Doch dass viele arabische Muslime ihr Verhältnis zu Bin Laden nie ganz geklärt haben, wird jetzt überdeutlich: Nicht wenige schaffen es, im gleichen Gespräch zu behaupten, Bin Laden habe für die CIA gearbeitet und stecke nicht persönlich hinter den Anschlägen des 11. Septembers – nur um eine Minute später seine Motivation für genau diese Anschläge moralisch zu rechtfertigen.

Es ist eine emotionale, selten durchdachte Reaktion. Hinter ihr steckt kein moralischer Standpunkt, sondern eine Mischung aus inner-islamischer Solidarität und selektiver Wahrnehmung. Verbrechen der eigenen Gruppe werden relativiert mit dem Hinweis auf die Verbrechen anderer.

Es ist eine ähnliche Reaktion, die Amerikaner und Europäer an den Tag legen, wenn sie eine Tötung ohne Gerichtsurteil bejubeln, mit dem Hinweis, der Getötete selbst habe tausende Menschen auf dem Gewissen.

Wieder einmal beweisen die angeblichen Gegenspieler damit ihre Gemeinsamkeiten: Nicht nur Al Qaida-Sympathisanten halten Gewalt für ein probates politisches Mittel. Viele im Westen teilen diese Auffassung, nur eben in jeweils anderen Situationen – und meist ohne es sich selbst einzugestehen.

Insofern sind die YouTube-Videos von feiernden Amerikanern eine Art Déjà-Vu. Nur sind es sonst meist Palästinenser, die den Tod von israelischen Siedlern bejubeln. Es sind jene Bilder, die viele Westler aus der arabischen Welt kennen und zu Recht als widerwärtig empfinden.

Die Stimmung jedoch in der auf den Videos "U.S.A." skandiert wird, entspricht der, mit der islamische Extremisten "Allahu Akbar" rufen. Nicht die Worte sind das Problem, sondern das, was in ihnen mitschwingt.

Auf einem Auge blind

US-Amerikaner feiern den Tod Osama Bin Ladens vor dem Weißen Haus in Washington; Foto: AP
Mit gleicher Münze zurückzahlen: Jubelschreie und Freudenfeiern setzten überall in den USA nach Bekanntwerden der Nachricht vom Tod Bin Ladens ein.

​​Die Doppelmoral der jeweils Anderen entlarven können beide Seiten recht gut. Faktisch mögen beide damit oft Recht haben – und sind doch so verstrickt in die eigene Inkonsequenz, dass von Recht haben nicht wirklich die Rede sein kann.

Recht haben, das hätte vorausgesetzt: Bin Laden festnehmen und vor Gericht stellen. Ihn reden lassen. Zeigen, was Rechtsstaatlichkeit bedeutet.

Vielleicht hätten wir dann herausgefunden, wer er war. Ein Fanatiker, ein fehlgeleiteter Idealist, ein kaltblütiger Killer? Wer weiß. So bleiben ein paar Bilder im Kopf, vom jungen Kämpfer in Afghanistan, vom Mann mit dem ergrauten Bart und der Kalaschnikow. Es ist dürftig genug, um ihn zum Mythos zu machen. Und Amerika hat alles getan, damit er genau das bleibt.

Wäre er an Nierenversagen gestorben, dann hätte das Al Qaida durchaus einen Schlag versetzen können. Auch ein Terror-Mastermind stirbt irgendwann an Altersschwäche.

Jetzt aber hat eine amerikanische Spezialeinheit ihm den größtmöglichen Gefallen getan: Er ist zum Märtyrer geworden. "Ich werde als freier Mann sterben", betonte Bin Laden auf einer Al Qaida-Kassette von 2006.

Mit amerikanischer Hilfe ist es ihm gelungen.

Stephanie Doetzer

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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