Statue der Justitia, Foto: dpa
Kommentar zum Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts

Ein Kulturkampf gegen Juden, Muslime und auch Christen?

Nachdem das Landgericht Köln religiöse Beschneidung für strafbar erklärt hat, muss sich der Staat fragen, wie ernst er das Recht auf Religionsfreiheit noch nimmt, meint Rolf Schieder, Professor für praktische Theologie und Religionspädagogik der Berliner Humboldt-Universität.

Das Kölner Landgericht hat auf den ersten Blick recht: jeder medizinische Eingriff an einem Kind erfüllt in Deutschland den Tatbestand der Körperverletzung. Das gilt für das Entfernen einer Warze ebenso wie für das Entfernen der Vorhaut eines minderjährigen Knaben. Der Staat hat das Recht und die Pflicht zu überprüfen, ob die medizinische Handlung, die an dem Kind vorgenommen wird, dem Wohl des Kindes dient.

Lässt sich aber plausibel machen, dass beispielsweise das Entfernen der Mandeln dem Wohl des Kindes dient, dann ist das Handeln des Arztes trotz des Tatbestandes der Körperverletzung gerechtfertigt.

Akzeptanz medizinischer Gründe

In der Regel werden medizinische Gründe als Rechtfertigungsgründe akzeptiert. Hätten also die muslimischen Eltern in Köln dem Arzt gegenüber erklärt, dass sie aus hygienischen Gründen die Beschneidung wünschen, dann wäre es gar nicht erst zum Prozess durch zwei Instanzen gekommen. Bis zum Urteil des Landgerichts in Köln war es ferner herrschende Meinung unter den in religionsrechtlichen Fragen kompetenten Juristen, dass auch die Berufung auf eine religiöse Tradition als Rechtfertigungsgrund zu akzeptieren ist. Davon ging selbst noch die erste Instanz, das Amtsgericht in Köln, aus.

Die Richter des Landgerichts haben bewusst mit dieser in allen Ländern dieser Welt üblichen Tradition gebrochen. Mit welchen Argumenten begründen sie ihre Aufsehen erregende Entscheidung?

Beschneidungsritual von Jungen während des Fastenmonats Ramadan; Foto: dpa
Nach dem Urteil des Kölner Landgerichts fordern jetzt muslimische Organisationen vom Bundestag ein gesetzlich garantiertes Recht auf Beschneidung. Nur so könne nach dem vom Landgericht Köln verfügten Beschneidungsverbot wieder Rechtssicherheit für Millionen von muslimischen Familien in Deutschland geschaffen werden.

​​Zum einen sehen die Richter in der Aufnahme eines Kindes in eine Religionsgemeinschaft durch das Ritual der Beschneidung offenbar keine elterliche Handlung, die dem Wohl des Kindes dient. Das ist allerdings schwer nachvollziehbar. Denn selbstverständlich lässt sich das Wohl eines Kindes nicht nur biologisch definieren. Zum Wohlbefinden eines Menschen trägt seine soziale Zugehörigkeit ebenso bei wie die Befriedigung seiner spirituellen Bedürfnisse.

Da die Beschneidung die Zugehörigkeit zum "Gottesbund" konstituiert, wäre die Unterlassung der Beschneidung durch fromme Eltern die frevelhafte Verhinderung der Aufnahme des Kindes in das "Gottesvolk". Wenn ein zentrales Gottesgebot und ein staatliches Verbot miteinander in Konflikt geraten, dann – so lehrt uns die Religionsgeschichte – werden die Gläubigen Wege und Mittel finden, den Geboten ihres Glaubens gemäß zu leben. Der Staat aber muss sich fragen, wie ernst er das Recht auf Religionsfreiheit noch nimmt.

Die Richter helfen sich mit dem Hinwies, dass ein Kind doch später selbst entscheiden könne, ob es sich beschneiden lassen möchte. Da in Deutschland Kinder mit vierzehn Jahren religionsmündig sind, wäre dies dann das Alter, in dem muslimische und jüdische Knaben sich selbstbestimmt einer Beschneidung unterziehen könnten. Die Beschneidung, so die Richter, laufe dem Interesse des Kindes zuwider, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können.

Religiöse Erziehung als "Verletzung der Seelen"?

Das will freilich nicht so recht einleuchten: Selbstverständlich kann sich ein beschnittener Erwachsener später von der Religionsgemeinschaft abwenden, in die ihn seine Eltern eingeführt haben. Denkt man dieses Argument zu Ende, dann muss grundsätzlich gefragt werden, ob die religiöse Erziehung von Kindern durch ihre Eltern zwar keine Körperverletzung, wohl aber eine Verletzung der Seelen der Kinder darstellt und deshalb im Interesse des Kindeswohls unterbleiben muss.

Prof. Dr. Rolf Schieder; Foto: © Humboldt-Universität Berlin
Prof. Dr. Rolf Schieder: "Die Richter am Landgericht in Köln sind Opfer eines biopolitischen Monismus geworden, der nicht mehr zwischen medizinischen und religiösen Diskursen zu unterscheiden vermag"

​​Und wie steht es mit der Kindertaufe, die Christen an ihren Kindern vornehmen? Der Apostel Paulus unterscheidet die nur äußerliche Beschneidung des männlichen Gliedes von der "Beschneidung des Herzens", auf die es eigentlich ankomme. Christen empfinden sich auf eine tief greifende Weise beschnitten, wenn sie in den Bund mit Jesus Christus eintreten.

Durch die Taufe, in der man mit Jesus Christus stirbt und wieder aufersteht, kommt es zu einer grundlegenden Veränderung der Persönlichkeit. Der Täufling erhält eine neue Identität. "Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann noch Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus" (Galater 3, 27-28).

Einen tieferen Eingriff in die Identität eines Menschen kann man sich eigentlich kaum vorstellen. Wenn denn deutsche Gerichte die Aufnahme von jüdischen und muslimischen Kindern in die Religionsgemeinschaft ihrer Eltern mit dem Kindeswohl nicht für vereinbar halten, dann müssen sie konsequenterweise auch die Kindertaufe verbieten. Und selbst der grundrechtlich garantierte staatliche Religionsunterricht müsste auf seine möglicherweise das seelische Wohlbefinden des Kindes gefährdenden Dimensionen hin neu bewertet werden. Woher wollen die Richter aber so genau wissen, dass Religion dem Wohl des Kindes abträglich ist?

Eine Diskriminierung der jüdischen und der muslimischen Religionsgemeinschaft jedenfalls kann nicht hingenommen werden. Die Richter am Landgericht in Köln sind Opfer eines biopolitischen Monismus geworden, der nicht mehr zwischen medizinischen und religiösen Diskursen zu unterscheiden vermag, weil ihm das Religiöse immer schon als das Anormale, das Fremde und das Andere erscheint.

Rolf Schieder

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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