Kluft der Wahrnehmungen: Furcht vor "schiitischem Halbmond"

30.04.2018

Für US-Präsident Donald Trump und seine Verbündeten Israel und Saudi-Arabien ist der Iran der Grund allen Übels im Nahen Osten. Bei einem Besuch in Riad und Jerusalem warf Trumps neuer Außenminister Mike Pompeo dem Iran am Wochenende "wachsende Aggression" vor und bezichtigte ihn, die "Vorherrschaft im Nahen Osten" anzustreben. In Israel und Saudi-Arabien trifft er mit diesen Vorwürfen auf volle Zustimmung.

Kurz nach Pompeos Besuch wurden bei einem womöglich israelischen Raketenangriff in Syrien mehrere Iraner getötet. Israel hat immer wieder gewarnt, dass es eine iranische Präsenz in Syrien nicht hinnehmen werde. Viele Experten fürchten aber, dass ein solches hartes Vorgehen gefährliche Folgen haben werde. Auch ergebe es wenig Sinn, dem Iran die alleinige Schuld für die Konflikte in der Region zu geben.

"Der Iran ist ein integraler Bestandteil der Region und kann nicht herausgelöst werden", warnt die International Crisis Group (ICG). Seine Nachbarn und die USA würden nicht umhinkommen, den Iran in regionalen Fragen wie der Lösung der Konflikte im Jemen, Syrien oder dem Irak einzubinden. Ohne einen stärkeren Austausch zwischen den rivalisierenden Regionalmächten drohe die Gefahr eines größeren Krieges.

Es gebe eine gefährliche "Kluft der Wahrnehmungen" zwischen dem Iran und seinen Rivalen, erklärt die ICG. Nach Ansicht der USA, Israels und Saudi-Arabiens strebt der Iran nach regionaler Vorherrschaft und hat mit verbündeten Milizen bereits den Libanon, Syrien, Irak und Jemen unter seine Kontrolle gebracht. Sie fürchten, dass Teheran letztlich einen Angriff auf Israel vorbereitet.

Der Iran dagegen sieht sich von militärisch überlegenen Kräften bedroht und betont, keinerlei hegemoniale Ambitionen zu haben. Den Vorwurf, einen "schiitischen Halbmond" schaffen zu wollen, weist der Iran zurück und betont, Bagdad und Damaskus nur gegen Dschihadistengruppen wie den Islamischen Staat (IS) zu unterstützen. Für Teheran ist es vor allem Saudi-Arabien, das in der Region Unruhe stiftet.

"Es ist nicht der Iran, der ausländische Ministerpräsidenten inhaftiert wie Saudi-Arabien", sagt etwa Mohammed Marandi von der Universität Teheran mit Blick auf Libanons Regierungschef Saad Hariri. Dieser war vergangenes Jahr bei einem Besuch in Saudi-Arabien von Kronprinz Mohammed bin Salman festgehalten und zum Rücktritt gezwungen worden, bevor er auf internationalen Druck freikam.

Für Marandi ist es auch das wahhabitische Königreich, das durch die Verbreitung seiner ultrakonservativen Lesart des Islam den Extremismus in der Welt fördere. Mit seiner Intervention gegen die proiranischen Huthi-Rebellen im Jemen habe Riad eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. "Und trotzdem wird der Iran als derjenige dargestellt, der eine expansive Politik verfolgt", beklagt der Teheraner Professor.

Auch den Vorwurf, der Iran bereite einen Angriff auf Israel vor, weist Marandi zurück. Zwar lehne die iranische Führung Israel ab, doch habe Teheran entgegen der "Desinformation westlicher Medien" nie mit einem Angriff gedroht. Israel sieht jedoch die Präsenz der proiranischen Hisbollah-Miliz im Südlibanon ebenso als Bedrohung wie die Stützpunkte, welche die iranischen Revolutionsgarden in Syrien errichten.

Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman warnte kürzlich, sein Land werde "nicht erlauben, dass sich der Iran in Syrien festsetzt, was immer der Preis" sei. Israels Luftwaffe bombardiert daher immer wieder iranische Stützpunkte und Waffenkonvois für die Hisbollah in Syrien. Allerdings kann niemand garantieren, dass Israel mit seinen Luftangriffen nicht genau den Konflikt auslöst, den es eigentlich verhindern will.

Auch Trumps Drohung, aus dem Atomabkommen mit dem Iran auszusteigen, erscheint riskant. Teheran hat neue Atomgespräche strikt ausgeschlossen, sodass eine einseitige Kündigung dazu führen kann, dass es nicht ein besseres, sondern gar kein Abkommen gibt. (AFP)

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